Es werde Eis
05.07.2011  | Mustafa Majeed   

Branchen / Energiesektor
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Die Hitze des Sommers lähmt den Irak. Denn die Stromversorgung im Land reicht bei weitem nicht, um die Klimaanlagen zu bedienen. Und all die anderen Geräte des täglichen Lebens. Die Iraker fragen sich, warum die Regierung so lange braucht, bis ihr ein Licht aufgeht


Falah Hasan, einfacher Beamter in einer Behörde und Vater von vier Kindern, blickt sorgenvoll auf den Wandkalender, der in seinem Haus im Bagdader Stadtteil Al-Mashtal hängt. Bald beginnt der Hochsommer mit Temperaturen bis zu 50 Grad Celsius – im Schatten. Wie wird die Hitze zu ertragen sein, wenn es nur eine Stunde Strom gibt – und dann wieder sechs Stunden nicht? Wie Falah Hasan geht es fast allen Irakern – und das seit fast 20 Jahren. Bislang blieben die Bemühungen der wechselnden Regierungen seit 2003 ohne nennenswerten Erfolg. Und das, obwohl viel Geld in den Stromsektor geflossen ist.

Was waren das noch für Zeiten zwischen 1979 und 1990: Damals gab es rund um die Uhr Strom, und das Land verkaufte sogar Elektrizität an seine Nachbarn. Der Ölpreis-Boom der siebziger Jahre katapultierte Irak von einem Dritte-Welt-Land in wenigen Jahren auf das Niveau europäischer Staaten. Selbst die Vereinten Nationen sprachen damals lobend vom „irakischen Wirtschaftswunder“.

Wendepunkt war der Golfkrieg 1991, als große Teile der irakischen Infrastruktur, besonders des Elektrizitätssektors, zerstört wurden. Die anschließenden Wirtschaftssanktionen, die bis zum Sturz des Saddam-Regimes 2003 in Kraft blieben, verschärften den Mangel: Es fehlte an Ersatzteilen, an der Wartung und ausländischen Investitionen. Am Ende lag die durchschnittliche Stromversorgung tagsüber bei fünf Stunden pro Tag.

Nach dem Sturz des Saddam-Regimes im Jahr 2003 ging ein Seufzen der Erleichterung durch den Irak. Nun, so hofften die Menschen, würde die Lage besser. Aber viel getan hat sich seitdem nicht. Dabei steigt allein der Bedarf der Privathaushalte ständig. Das Einkommen der Iraker ist seit 2003 jährlich um etwa sechs bis acht Prozent gewachsen, und sie können sich zum Beispiel immer mehr elektronische Haushaltsgeräten leisten.

40 Prozent des Bedarfs können nicht gedeckt werden

Derzeit wird der Bedarf in Spitzenzeiten wie in den Sommermonaten auf mindestens 14.000 Megawatt geschätzt. Tatsächlich erzeugt das Land aber lediglich 7.500 Megawatt, weitere 700 werden aus Iran und der Türkei importiert. Doch 40 Prozent des Bedarfs können trotz allem nicht gedeckt werden. Das heißt: Der eigene Stromsektor muss ausgebaut werden. Internationale Organisationen schätzten 2009, dass das mindestens 35 Milliarden US-Dollar kostet und mindestens zehn Jahren dauert.

Eigentlich dürfte es diese Probleme nicht geben: Nach Angaben des irakischen Rechnungshofs hat die amerikanische Regierung in den vergangenen acht Jahren allein 7,4 Milliarden US-Dollar gegeben, die irakische Regierung zusammen mit Geberländern und zahlreichen Institutionen nochmals über 10 Milliarden. Doch wo sind die enormen Summen hingeflossen?

„Allein der Austausch der Leitungen würde die gewaltige Summe von 25 Milliarden US-Dollar verschlingen und mindestens zehn Jahre dauern“

„Die Korruption macht alle Bemühungen zunichte“, sagte der Wirtschaftsexperte Nahid Hussein Al-Uqabi. Das Geld wandere in die Taschen der Entscheidungsträger, die entweder von ihren Parteien gedeckt werden oder sich ins Ausland absetzten. Viele Politiker der Nach-Saddam-Zeit haben die doppelte Staatsbürgerschaft. Sollte es zu einer Anklage kommen, seien sie in ihrer zweiten Heimat vor der irakischen Strafverfolgung sicher. Der ehemalige Elektrizitätsminister Ayham Al-Samara’i setzte sich in seine Wahlheimat, die USA, ab. Mitgenommen hatte er 150 Millionen US-Dollar aus Scheinverträgen. „Genauso hat es sein Nachfolger, Muhsin Shalash, gemacht“, sagt Al-Uqabi.

Shalash schied aus seinem Amt aus, weil man ihn wegen der Hinterziehung von 650 Millionen US-Dollar anklagte, die er durch Deals für Kraftwerkprojekte erschlichen haben soll, die es gar nicht gab. Der letzte Coup wurde laut Al-Uqabi erst vor drei Monaten aufgedeckt. „Aus Depots und Hunderten von Tanks wurde Öl im Wert von 16 Millionen US-Dollar gestohlen. Und das unbemerkt über sechs Monate.“

Vor diesem Hintergrund wirft die Elektrizitätskrise einen dunklen Schatten auf den noch jungen Demokratisierungsprozess. Seit Februar 2011 gehen die Menschen in fast allen Städten auf die Straße. Sie fordern bessere kommunale Dienstleistungen, vor allem eine zuverlässige Stromversorgung. Der irakische Ministerpräsident Nuri Al-Maliki versprach am 1. April Reformen innerhalb von 100 Tagen. Das Ultimatum lief am 7. Juni ab, wie in der kurzen Zeit nicht anders zu erwarten war, geschah wenig. Al-Maliki hatte damals schon vorgebaut: „Das Ultimatum soll lediglich garantieren, dass jedes Ministerium zu diesem Zeitpunkt auf dem richtigen Weg ist. Es bedeutet nicht, dass die Reformen und Maßnahmen schon realisiert sind.“

Stromnetze und Umspannwerke sind marode

Auf dem Weg zur Rund-um-die-Uhr-Versorgung mit Strom gibt es viele Baustellen. Laut dem Wirtschaftsexperten Al-Uqabi lassen sich drei Komponenten ausmachen, die nur im Zusammenspiel die Misere beenden können: die Kraftwerke, das Stromnetz und Umspannwerke. Die Kraftwerke sind dabei das geringste Problem. Die derzeitigen Wartungsarbeiten werden dem nationalen Stromnetz weitere 1000 Megawatt Leistung zuführen. Das Stromnetz aber ist marode, „allein der Austausch der Leitungen würde die gewaltige Summe von 25 Milliarden US-Dollar verschlingen und mindestens zehn Jahre dauern,“ sagt Al-Uqabi. Und die Umspannwerke sind oft 25 bis 30 Jahre alt und ebenfalls marode. Die Kosten für ihren Austausch schätzt Al-Uqabi auf etwa zehn Milliarden US-Dollar, die Arbeiten dauerten mindestens fünf Jahre.

Zumindest was die Art der Stromerzeugung in den Kraftwerken betrifft, hat der Irak eine klare Ausrichtung. Am Netz oder in Planung sind überwiegend gasbetriebene Kraftwerke. „Sie verbrennen besonders effizient und belasten die Umwelt am wenigsten“, erklärt Raad Al-Haris, ein hochrangiger Beamter des irakischen Elektrizitätsministeriums. Dumm nur, dass der Irak immer noch nicht die Mengen an Gas fördert, die dafür notwendig wären. Auch an Gasöl mangelt es; der Irak muss es von seinen Nachbarländern einkaufen. Die schlechte Versorgungslage wirkt sich sogar auf die bereits laufenden Kraftwerke aus, wie die Anlagen Musayyab, Süd-Bagdad und Al-Quds zeigen: Sie werden momentan mit minderwertigem Schwarzöl befeuert, das es überall im Irak als Abfallprodukt aus dem Raffinierungsprozess gibt. Aber Al-Haris gibt sich optimistisch: „Schon in drei Jahren, wenn die Konzerne mit der Erschließung der Öl- und Gasfelder fertig sind, wird der Mangel der Vergangenheit angehören.“

Für eine private Stromversorgung haben viele kein Geld

Bis dahin arrangieren sich die irakischen Bürger mit dem Status Quo; sie kaufen Eisblöcke, um ihre Lebensmittel auch in der stromfreien Zeit frisch zu halten. Wer es sich leisten kann, entflieht bei dem heißen Wetter in die Sommerfrische. Beliebt sind die Nachbarländer Iran, Syrien und die Türkei oder auch die Region Kurdistan, die etwas mildere Sommertemperaturen hat. Für Daheimgebliebene gibt es laut Ali Fadhil Shalal, Lehrer in dem Bagdader Viertel Al-Kadhimiya, nur einen Ausweg: in die Moschee gehen, „denn dort ist es durch die Bauweise von Natur aus kühl und die Ventilatoren laufen ohne Unterbrechung.“

Die naheliegende Alternative, für sich selbst Strom zu erzeugen, bleibt für die meisten unerschwinglich, sagt Ali Fadhil. Daher bezahlen die meisten einen monatlichen Beitrag an jemanden, der einen Generator besitzt. Aber auch das belastet die Haushaltskasse erheblich: Eine durchschnittliche Familie muss ungefähr 100 Dollar im Monat zahlen, um wenigstens tagsüber Strom zu haben.

Die Menschen hoffen jetzt auf große Generatoren, die ganze Viertel in Bagdad mit Strom versorgen können. Von ihnen gibt es mittlerweile 4600 registrierte Geräte. Jedes bekommt jeden Monat von den lokalen Behörden eine festgelegte Menge Gasöl, zwischen 5000 und 6000 Liter. Der subventionierte Brennstoff sollte diese Art der Stromerzeugung erschwinglich machen.

Theoretisch jedenfalls. Einer der Generatorenbetreiber ist Omar Shaker Khalaf im Bagdader Viertel Al-Qadisiya. Er musste in diesem Jahr den Beitrag schon deutlich anheben, weil er eben kein Gasöl vom Ministerium erhalten hatte. Also kaufte er Gasöl auf dem Schwarzmarkt, ein Barrel (1000 Liter) kosten dort 850 Dollar – das reicht, um den Generator ein paar Tage am Laufen zu halten. Sollte er seinen Anteil vom Ministerium doch noch bekommen, werde er den Preis natürlich sofort wieder senken, sagt er. Auf die Provinzregierung von Bagdad ist er überhaupt nicht gut zu sprechen. Sie solle endlich zuzugeben, dass die Rationen für die Generatorenbetreiber am helllichten Tag gestohlen würden. „Stattdessen lassen sie uns unter irgendeinem Vorwand stundenlang in langen Schlangen in der prallen Sonne warten, um uns nach ein paar Tagen dieser Tortur unerledigter Dinge wieder nach Hause zu schicken.“

Kurdistan ist ein leuchtendes Vorbild

Mittlerweile hat die Regierung auf die Forderungen reagiert und verspricht nun die Ausgabe von kostenlosem Treibstoff – unter der Bedingung, dass sie die Preise kontrollieren kann. Das gab es bisher nicht, und der Gier der Besitzer dieser Generatoren sind kaum Grenzen gesetzt. Die Preise sind höchst unterschiedlich – je nachdem, in welchem Viertel oder in welcher Straße man kauft. Wohnt eine Durchschnittsfamilie in einem Stadtteil, in dem es noch terroristische Aktivitäten gibt, kann sie wegen der hohen Nachfrage und des knappen Angebots bis zu 170 Dollar kosten. Die Generatorenbesitzer haben Angst, Ziel von Anschlägen zu werden, deswegen laufen ihre Generatoren tagsüber nur maximal acht Stunden, nachts überhaupt nicht. Da helfen auch keine Subventionen.

Während im Zentral- und Südirak die Lichter dunkel bleiben, scheint die Region Kurdistan-Irak ein leuchtendes Vorbild in Sachen Strom-Krisenmanagement zu sein. Nach 2003 sank die Stromerzeugung auf weniger als 2000 Megawatt, laut dem kurdischen Elektrizitätsministerium liegt sie derzeit wieder bei 70 Prozent der ursprünglichen Kapazität. In der Zwischenzeit wurde der Mangel abgefedert, unter anderem dadurch, dass der Staat mit der Privatwirtschaft kooperierte. Besitzer der privaten Generatoren mussten sich in Gewerkschaften organisierten, die ihre Rechte und Pflichten festlegten. Zudem setzte die Regionalregierung Preise und Betriebszeiten fest. Private Generatoren durften nur in den Zeiten laufen, in denen das nationale Stromnetz der Zentralregierung in Bagdad keinen Strom lieferte.

In vier Jahren will die Regionalregierung die Stromkrise gelöst haben. Für Mitte Juli wird der Abschluss zweier großer privater Energieprojekte erwartet. Dann wird das Gaskraftwerk Birdawood bis zu 200 Megawatt produzieren; in einer späteren Bauphase kommt noch einmal so viel hinzu. Zudem werden die beiden Wasserkraftwerke an den Staudämmen Dukan und Derbandikhan 250 Megawatt liefern. Das macht zusammen ein Drittel des Bedarfs der Region Kurdistan aus.

Bagdad will Lizenzen zum Bau von Kraftwerken versteigern

Auch in Bagdad geht man nun das Problem gezielter an. Nach dem Vorbild der Ölförderungsauktionen sollen nun Lizenzen versteigert werden. Zur Vergabe steht der Bau von vier Kraftwerken im Südirak, die zusammen 2750 Megawatt erzeugen sollen: eines in der Region am Shatt Al-Arab mit 1250 Megawatt Leistung sowie drei Kraftwerken in den südirakischen Provinzhauptstädten Samawa, Amara und Diwaniya mit jeweils 500 Megawatt. Adel Hamid, Berater des Elektrizitätsministeriums für Bau-Angelegenheiten, unterstützt die Initiative: „Wir profitieren bei Auktionsrunden vom Wettbewerb zwischen den Unternehmen. Das senkt die Preise für die Einspeisung. Es werden sicherlich noch weitere Runden folgen.“

Überall im Irak werden Verträge mit ausländischen Anlagenbauern geschlossen. Sie kommen aus Südkorea, der Türkei, aber auch aus arabischen Ländern. Kraftwerke sollen in Anbar, Babil, Salah Ad-Din, Ninawa, Nadschaf, Wasit, Basra und südlich von Bagdad entstehen.

Das größte Kraftwerk des Landes wird das türkische Unternehmen Calık Enerji mit einer Kapazität von 1250 Megawatt bauen. Das Kraftwerk „Al-Khayrat“ soll zwischen Bagdad und Kerbala errichtet werden und in frühestens 18 Monaten ans Netz gehen.

Um schnellere Erfolge zu haben, hat die Regierung nun zahlreiche Mini-Kraftwerke eingekauft. Südkoreanische Unternehmen wollen 50 mit einer Kapazität von 100 Megawatt liefern. Zwischen Bagdad und Basra aufgestellt könnten sie bereits in einem Jahr in Betrieb gehen und die Zeit überbrücken, bis die großen ans Netz gehen. Auch der amerikanische Konzern Caterpillar hat ein umfangreiches Portfolio verschieden großer Generatoren – bis hin zu Mini-Kraftwerken mit über 17 Megawatt und Kosten von rund 11 Millionen US-Dollar. Doch bislang verlor das Unternehmen alle Ausschreibungen gegen die asiatische Konkurrenz aus Südkorea, die sich ihren Kuchen im Stromsektor mittlerweile gesichert hat.

Auch auf lokaler Ebene tut sich langsam etwas. Besonders in Bagdad, wo die Misere am schärfsten ist. Kürzlich wurde ein Gremium gebildet, das die Planung von Großgeneratoren aus Privatinvestitionen mit einer Leistung zwischen zwei und fünf Megawatt in Bagdad koordiniert und mit Investoren kooperiert. Der Gouverneur von Bagdad, Salah Abd Al-Razzaq, zeigt sich zuversichtlich: „Alle Generatoren zusammen sollen rund 1750 Megawatt produzieren. Dazu kommt noch einmal die gleiche Menge an Leistung, die die staatlichen Kraftwerke seit kurzem erreichen. Zusammen macht das 3500 Megawatt genug, um die ganze Hauptstadt zu versorgen.“

Bis 2014 sollen alle Verträge, die die Regierung in der vergangenen Zeit mit irakischen und ausländischen Firmen geschlossen hat, das Problem landesweit lösen. Hamid, Berater des Elektrizitätsministeriums für Bau-Angelegenheiten, ist fest davon überzeugt, dass das klappt. Und er geht sogar noch weiter: „Wenn alle Projekte realisiert sind, wird der Irak über 18.000 Megawatt haben; knapp 11.000 Megawatt mehr als heute.“ Und dann, so träumt er schon jetzt, könnte der Irak sogar wieder Strom-Exporteur werden.

 

Foto: Wathiq Khuzaie (AFP/Getty Images)