Banken & Geld / Bankensystem
Im Westen kaum vorstellbar: Die islamischen Banken sehen sich als Partner ihrer Kunden, teilen Gewinne und Verluste mit ihnen. Riskante Anlage- und Kreditgeschäfte, die zur Finanzkrise führten, sind verboten. Islamic Banking ist ein erstaunlich erfolgreiches Modell, das auch im Irak immer populärer wird
WPI: Herr Bergmann, im letzten Jahr empfahl Papst Benedikt XVI. der westlichen Finanzwelt, sich ein Beispiel am islamischen Bankrecht zu nehmen. Woher kommt die plötzliche Popularität des Islamic Banking?
Daniel K. Bergmann: Zum einen liegt es daran, dass islamischen Banken nahezu alle Anlage- und Kreditmethoden untersagt sind, die bekanntlich zur Finanzkrise führten. Zum anderen erlebte das Islamic Banking in den vergangenen zehn Jahren aus sich heraus einen gewaltigen Wachstumsschub. Die starken Wachstumszahlen haben dem islamischen Bankwesen enorme Aufmerksamkeit beschert. Die Krise 2008 verstärkte diese Aufmerksamkeit natürlich. Islamic Banking erscheint uns heute als konkreter und mit deutlich weniger fiktiven Werten und heißer Luft hantierend als das westliche teilweise aufgeblähte Finanzsystem.
Zur Person
Daniel K. Bergmann, MBA, geboren 1974, ist seit mehr als 17 Jahren im Finanzdienst-
leistungsbereich tätig. Er absolvierte seine Ausbildung in der Versicherungswirtschaft und studierte Finanz- und Betriebsökonomie, Wirtschaftswissenschaften und Management-
wissenschaften an diversen Bildungseinrich-
tungen, Business-Schools und Universitäten in Deutschland, Frankreich, England, der Schweiz und in Österreich. Bergmann beschäftigt sich neben dem Internationalen Management mit den internationalen Finanzmärkten und den Emerging Markets sowie dem Islamic Banking.
Was versteht man unter Islamic Banking?
Der Begriff bezeichnet ein Regelwerk für Banken und Finanzdienstleister, deren Produkte und Geschäfte Scharia-konform abzulaufen haben. Jedes Bankgeschäft ist zum Beispiel immer zweckgebunden und mit einem realen Wirtschaftsgut hinterlegt. Es handelt sich also nicht um Wetten, imaginäre Anteile, Geldwert hinterlegten Zertifikaten oder Derivaten wie Credit Default Swaps – sondern um echte Werte. Die Bank tritt immer als Mitinvestor auf, Gewinne und Verluste werden mit dem Kunden geteilt. Es ist also schon im Interesse der Bank, dass Kreditsummen den Gütern entsprechen und das Ausfallrisiko gering bleibt. Man weiß also seine Bank an seiner Seite und nicht als Gegenüber, wie es wahrscheinlich viele Kunden konventioneller Banken erlebt haben.
Das bedeutet streng genommen, man kann bei einer islamischen Bank kein Geld leihen, sondern würde sich bei Bedarf die Bank immer als Geschäftspartner mit ins Boot holen?
Streng genommen ist das so, wird aber in der Praxis nicht immer hundertprozentig lupenrein umgesetzt. Aber es besteht immer eine geschäftliche Partnerschaft, was bedeutet, dass die Bank Risiko mitträgt.
Für ein deutsches Unternehmen klingt das vermutlich befremdlich. Wie würden Sie potentielle Zweifel ausräumen?
Es heißt, dass Muslime ihre Gäste, insbesondere Christen, ausgezeichnet behandeln sollen. Ich meine, sogar der Koran gibt Hinweise. Vielleicht hat manches deutsche Unternehmen, ohne es zu merken, bereits mit einer Bank zusammengearbeitet, die nach den Usancen des Islamic Bankings verfährt. Die Produkte sind teilweise recht ähnlich.
Stehen alle Islamic-Banking-Produkte auch Nicht-Moslems zur Verfügung?
Ja. Das Banksystem kann von Jedermann genutzt werden. Es beruht im Grundsatz nur darauf, dass die religiösen Usancen eingehalten werden.
Woraus bestehen diese Gepflogenheiten?
Zunächst einmal ist das islamische Recht – Scharia und Fiqh – zu beachten sowie bestimmte, grundsätzliche Verbote wie Zinsen zu nehmen oder Glücksspiel zu betreiben. Auch soziale und ethische Ausschlusskriterien spielen eine Rolle, zum Beispiel das Verbot von Schweinefleisch, Waffen oder Alkohol.
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Sie sagten, am Ende ähneln die islamischen Produkte denen westlicher Banken. Können Sie Beispiele nennen?
Die islamische Variante zu unserem Leasing zum Beispiel nennt sich Idschara. Ein Unterschied ist nahezu nicht zu erkennen, die Bank allerdings muss zwingend Eigentümer des Leasingobjekts sein. Im Kreditbereich werden für Sachgüter häufig so genannte Murabaha-Finanzierungen angeboten: Hier kauft auch wieder die Bank ein bestimmtes Gut und verkauft es mit Aufschlag an den Kunden weiter. Im Prinzip ist Murabaha nichts anderes als ein Verkauf auf Kredit oder Verkauf auf Raten. Der Unterschied ist auch hier wieder, dass das Gut tatsächlich Eigentum der Bank ist, bevor es auf Kredit an den Kunden verkauft wird.
Welchen Vorteil hat ein Kunde von dieser Finanzierungsweise?
Er kann mit fixen Beträgen kalkulieren. Die Bank berechnet den Warenwert plus Bearbeitungszuschlag und bricht den Betrag dann in Raten herunter. Das ähnelt zwar dem (in der Scharia nicht erlaubten) Zins, unterscheidet sich aber insofern, dass der Betrag fest vereinbart ist. Und dass, wie gesagt, die Bank der Eigentümer des Sachwertes ist. Außerdem wird im Islamic Banking sehr auf Transparenz geachtet. Es gibt ein so genanntes „Unsicherheitsverbot“. Verträge sollten mögliche Unwägbarkeiten beseitigen und von vornherein ausschließen.
Kommt ein deutsches Unternehmen im Nahen Osten überhaupt noch an Islamic Banking vorbei?
Sobald ein deutsches Unternehmen im Nahen Osten investiert, gibt es Berührungspunkte. Egal ob finanziert wird oder nicht. Spätestens mit der Auswahl der Partnerbank steht die Entscheidung an: islamisch oder nicht?
Und im Irak?
Im Irak steckt Islamic Banking noch in der Anfangsphase. Aber eines ist sicher: Wenn das Wachstum im Irak genauso verläuft wie in den anderen arabischen Staaten, dann wird sich das System auch dort schnell etablieren. Die arabischen Emirate, die – neben Malaysia – weltweit Wachstumsmotor des Islamic Banking in der Region sind, bilden zusammen mit Qatar und Bahrain die Zugpferde im arabischen Raum, die anderen Staaten folgen mit starken Wachstumszahlen.
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Wieso ist Islamic Banking im Irak noch nicht so verbreitet?
Mangels der Masse der Geschäfte. Nichtsdestotrotz ist es spannend, sich gerade mit zukünftigen Wachstumsmärkten zu beschäftigen. Die Informationen zum islamischen Bankensektor im Irak sind sehr dünn. Derzeit sind 45 Banken bei der irakischen Zentralbank gelistet, wovon sieben als islamische Bank agieren. Der Markt wird derzeit allerdings noch von den zwei nicht-islamischen Staatsbanken dominiert, der Rafidain und der Rashid Bank.
Wie stehen die Aussichten, dass sich Islamic Banking im Irak entwickelt?
Einem Reuters-Bericht aus dem Jahr 2009 zufolge sehen offizielle Seiten ein gewaltiges Potential für Islamic Banking. Derzeit wird in den irakischen Bankgesetzen noch nicht zwischen islamischen und konventionellen Banken unterschieden. Die Zentralbank will das beheben und neue Gesetze schaffen.
Das heißt, es lohnt sich, den Irak im Auge zu behalten?
Die Banken dort entwickeln sich auf einem relativ niedrigen Niveau. Dafür sind ihre Wachstumszahlen umso ausgeprägter. Das Marktpotenzial der islamischen Banken wird sehr hoch eingeschätzt.
Welche Chancen bietet das islamische Bankmodell überhaupt einem deutschen Unternehmen?
Es bietet eine echte Alternative. Ich persönlich liebe den Gedanken, der dahinter steckt: Dass die Geschäfte transparent zum Wohle aller Beteiligten ablaufen sollen. Wenn eine Bank es so praktiziert, wie es die Theorie vorsieht, dann haben Sie es mit einem fairen Partner zu tun, der will, dass beide Seiten profitieren.
Was würden Sie einem deutschen Unternehmer raten, der überlegt, im arabischen Raum zu investieren?
Unternehmen, die im muslimischen Raum Geschäfte machen wollen, kommen früher oder später nicht mehr am Islamic Banking vorbei. Kapitalsuchende Unternehmen werden über eine islamische Bank einige Gestaltungsmöglichkeiten finden, bis hin zur Auflage eines Sukuk für dieses Unternehmen, sprich, die islamische Version einer Anleihe. Über eine islamische Bank werden die Unternehmer sicher besseren oder schnelleren Zugang zu potentiellen Investoren finden als im konventionellen Bereich.
Wie ist das Risikomanagement islamischer Banken zu bewerten?
Die Finanzierungen bestechen durch ihre Konstruktion. Kunde und Bank sitzen in einem Boot. Insbesondere bei Immobilienfinanzierungen bedeutet das eine höhere Stabilität. Es ist immer sinnvoll, sich mit Islamic Banking zu beschäftigen, allein um die Kreditvarianten zu verstehen und Zugangswege für potenzielle Investoren zu erschließen. Abschließend darf aber der Hinweis nicht fehlen, dass Islamic Banking regional noch unterschiedlich ausgelegt wird. Es kann also zu unterschiedlichen Interpretationen einzelner Produkte kommen.
Sie sagen, Kunde und islamische Bank säßen in einem Boot. Wie hat sich diese schicksalhafte Kreditkonstruktion denn bei den enormen Ausfällen während der Baukrise in Dubai ausgewirkt?
Zweifelsfrei kann bei so gewaltigen Expansionsmaßnahmen wie in Dubai eine Veränderung der Konjunktur zu gewaltigen Ausfällen führen – und in deren Folge zu finanziellen Engpässen. Im Falle des Emirats als Schuldner werden dort aber vor allen Aufschübe verhandelt und nicht eine Insolvenz. Die Banken wurden, soweit ich weiß, nur um Aufschub gebeten. Für die Unternehmen kann ich nur hoffen, dass sie einen Partner haben, der ihnen ebenfalls den Rücken freihält.
Eine Folge des Islamic Banking?
Nein. Momentan ist in Dubai nur das „Rad“ ins Stocken gekommen, das hat aber nichts mit dem Islamic Banking zu tun. Solange Öl fließt, wird das Emirat seinen Verpflichtungen irgendwann auch wieder nachkommen. Abgesehen davon, dass Dubai sicher ein guter Schuldner ist, diktiert der Koran, dass demjenigen, der nicht bezahlen kann, Aufschub gewährt werden soll. In letzter Konsequenz, wenn jemand nie wird zahlen können, sollte man ihm seine Schuld sogar besser erlassen. Dubai tat das einzig richtige und bat um Aufschub. Einzig die Tatsache, dass einige Kredite für Dubai von konventionellen Banken stammen, hat überhaupt diese Aufmerksamkeit erzeugt.
Ist so viel Nächstenliebe nicht geschäftsschädigend?
Ganz sicher erlässt keine islamische Bank gerne Forderungen und wird versuchen, eine Lösung mit dem Kunden zu finden. Aber allein die Vorstellung, das Kreditwesen als einen Akt des Wohlwollens zu betrachten, geht schon in eine ideell völlig andere Richtung als die unsere. Die Denkweise hinter unserem konventionellen, westlichen Bankwesen zeigt im Vergleich: Das islamische System agiert um einiges wohlwollender – und fairer.
Foto: Andrew Parsons (Bloomberg via Getty Images)











