Geldpolitik: So klaut man dem Dinar ein paar Nullen
30.11.2010  | Dr. Nagih Al-Obaidi   

Banken & Geld / Bankensystem
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Inflation oder schwankende Wechselkurse waren einmal. Dank der Arbeit seiner Zentralbank hat der Irak den Dinar voll im Griff. Jetzt steht ein Währungsumtausch bevor. Warum das nötig ist, erklärt der Präsident der Zentralbank, Dr. Sinan Al-Shibibi

 

WPI: Dr. Al-Shibibi, viele irakische Politiker haben immer wieder die Zinspolitik der Zentralbank kritisiert. Sie bremsen das Wachstum, klagen sie, insbesondere das der privaten Wirtschaft. Was sagen Sie dazu?

Al-Shibibi: In den vergangenen Jahren erreichte die Inflationsrate einen Spitzenwert von 70 Prozent. Wir haben darauf unter anderem mit einer Anhebung der Zinsen reagiert, um die Geldmenge und die Kreditvergabe einzuschränken. Wir haben immer darauf hingewiesen, dass aus dem Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage eine Inflation entstehen kann, die wir bekämpfen müssen. Das Hauptziel der Zentralbank ist die Preisstabilität.

Und – haben Sie die Inflation in den Griff bekommen?

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Es ist uns gelungen, die Inflationsrate auf etwa 6 Prozent herunterzuschrauben. Deswegen konnten wir die Zinsen auch wieder senken. Wir sind davon überzeugt, dass unsere auf Stabilität gerichtete Politik der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes auf lange Sicht dienen wird. Mit stabilen Preisen und Wechselkursen schafft die Zentralbank günstige Voraussetzungen für wirtschaftliche Akteure und Investoren: Sie mögen sich vielleicht Gedanken über bürokratische Barrieren und andere Dinge machen – über instabile Wechselkurse brauchen sie sich nicht den Kopf zu zerbrechen.

Ausländische Investoren kritisieren unter anderem, dass das Bankensystem im Irak immer noch von staatlichen Banken dominiert wird. Helfen Sie den privaten Geldinstituten, auf die Beine zu kommen?

Wir fordern unter anderem von den Ministerien und anderen staatlichen Organen, dass sie einen bestimmten Anteil ihrer Kreditgeschäfte über private Banken abwickeln lassen. Einige meinen, dass private Banken dazu noch nicht in der Lage seien. Wir entgegen ihnen dann, dass wir uns in einer Übergangsphase von einer staatlich geleiteten Wirtschaft zu einer Marktwirtschaft befinden, und dass dieser Übergang auch etwas kosten wird.

Aber die privaten Banken spielen immer noch eine geringe Rolle bei der Kreditvergabe.

Viele private Banken ziehen es auch vor, sich an den Auktionen der Zentralbank für ausländische Währungen zu beteiligen. Durch den Kauf und Verkauf fremder Währungen erwirtschaften sie gute Gewinne. Das ist zwar ein wichtiges Geschäftsfeld für die Banken, aber wir wollen nicht, dass sie deswegen ihre eigentliche Aufgabe vernachlässigen – nämlich die der Kreditvergabe.

Es gibt Spekulationen, dass die Zentralbank den Transfer ausländischer Währungen einzuschränken möchte, vor allem den Transfer des Dollars. Stimmt das?

Nein, das stimmt nicht. Aber es gibt Regeln für den Geldtransfer, die zu beachten sind, insbesondere, was Geldwäsche und Kapitalflucht betrifft.

Sie haben also nicht die Absicht, weitere Gesetze zu erlassen?

Wir haben alle Gesetze, die wir brauchen. Wir haben seit 2004 ein Gesetz zur Bekämpfung von Geldwäsche, Wirtschaftskriminalität und Terrorfinanzierung. Solange dieses Gesetz beachtet wird, werden wir den Transfer von ausländischen Währungen nicht einschränken. Die Geschäftsbanken haben im Rahmen dieses Gesetzes völlige Freiheit, was ihre Beziehungen mit anderen Banken im In- und Ausland betrifft.

Wie bewerten Sie die Rolle ausländischer Banken im irakischen Markt?

Wir haben bisher gute Erfahrungen gemacht. Einige internationale und regionale Banken arbeiten mit irakischen Partnern in Form von Joint Ventures zusammen. Aber die Zusammenarbeit steht noch ganz am Anfang. Wir wünschen uns mehr Engagement ausländischer Banken, das Entwicklungspotenzial ist enorm.

Es gibt Spekulationen, dass die Deutsche Bank eine Filiale im Irak eröffnen will.

Wir haben von der Deutschen Bank in dieser Sache ein Schreiben bekommen. Ich kenne einige Vertreter dieser großen Bank persönlich, wir werden uns bald treffen. Grundsätzlich stehen wir dem Wunsch der Deutschen sehr positiv gegenüber. Die Beziehungen zwischen dem Irak und Deutschland haben auch auf dem Gebiet des Bankwesens eine lange Tradition.

Es gibt auch Gerüchte, dass iranische Banken neue Filialen im Irak eröffnen und ihre Kredittätigkeit im Land ausweiten wollen.

Was die iranischen Banken betrifft, halten wir uns an die UNO-Resolutionen. Bei jedem Antrag von dieser Seite konsultieren wir zuerst das Außenministerium, um zu erfahren, ob diese Banken von den Sanktionen erfasst sind. Wenn es um reine Geldpolitik geht, lassen wir uns von Niemanden reinreden. Aber hier geht es um internationale Politik. Über die Anträge iranischer Banken entscheiden erst der Ministerrat und das Außenministerium – und dann überprüfen wir von der Zentralbank die geldpolitischen Kriterien.

Im Irak werden Geschäfte noch überwiegend mit Bargeld abgewickelt. Moderne Zahlungsmethoden wie Überweisungen, Schecks, Kreditkarten sind eher noch die Ausnahme.

Wir ermuntern die Geschäftsbanken, moderne und effizientere Zahlungsformen einzuführen. Natürlich haben sie völlige Freiheit, aber es liegt in ihrem Interesse, ihre Dienstleistungen zu verbessern. Sie machen auch schon Fortschritte. Aber der Erfolg hängt auch von der Sicherheitslage im Land ab und davon, ob die Bevölkerung diese moderne Zahlungsformen annimmt.

Wegen der weltweiten Finanzkrise wurden die Richtlinien "Basel III" erlassen, die unter anderem eine höhere Eigenkapitalquote bei den Banken vorsehen. Werden sie auch im Irak eingeführt?

Die Zentralbank beschloss Anfang 2010, das Mindestkapital von privaten Geschäftsbanken innerhalb von drei Jahren von 50 auf 250 Milliarden Irakischen Dinar (etwa 210 Millionen US-Dollar) zu erhöhen. Die Banken sind auch bereits auf einem guten Wege, einige wollen dieses Ziel durch Fusionen erreichen. Wir nehmen die Richtlinien „Basel III“ sehr erst, auch wenn einige Banken darüber nicht sonderlich froh sind.

Nach dem jetzigen Wechselkurs ist ein US-Dollar gleich 1118 Irakisches Dinar (ID). Im irakischen Staatshaushalt werden mit Billionen und Trillionen ID hantiert, so dass man leicht den Überblick verlieren kann. Sie wollen nun drei Nullen im Rahmen eines Währungsumtausches streichen. Wann ist damit zu rechnen?

Zunächst – es ist ein notwendiger Schritt. Und wir können ihn tun, weil wir die Inflation unter Kontrolle haben und der Wechselkurs stabil ist. Aber es ist ein formeller Schritt, der keinen Einfluss auf den Wert der Währung haben wird. Es wird auch eine Übergangsperiode von mindestens einem Jahr geben, in der beide Banknoten gültig sind. Wir werden in diesem Umstellungsprozess sicher von den Erfahrungen der deutschen Gelddruckerei "Giesecke" in München profitieren können. Der Zeitpunkt steht noch nicht fest. Wir warten ab, bis die neue Regierung endgültig steht. Denn wir brauchen ihre tatkräftige Unterstützung.

 

Foto: Dr. Nagih Al-Obaidi (Wirtschaftsplattform Irak)