Branchenreport Telekommunikation - Teil 1
05.09.2011  | Sören Harms   

Branchen / Telekommunikation
E-mail   Print    


2. Festnetz

Als in Deutschland im Jahr 2000 erstmals mehr Mobilfunk- als Festnetzanschlüsse vergeben waren, füllten die Gazetten ihre Seiten mit Bildern von Bakelit-Telefonen und Abschiedsgesängen auf Wählscheibe, Münzfernsprecher mit „Fasse dich kurz“-Aufklebern und TAE-Steckanschluss.

Mehr zum ThemaAnschluss unter dieser NummerIrak 2.0: Stille Post

Wie ein Großteil der Welt (in der 2002 erstmals die mobilen Anschlüsse die festen überholten) würden auch die Iraker über derlei Probleme lächeln. Denn sie hatten nie die Wahl: Bis 2003 hat Saddams Administration Handys für den gemeinen Bürger verboten, und in den meisten Regionen des Landes existiert bis heute kein Kabelnetz. Kaum waren die ersten Sendemasten errichtet, hat die Anzahl der Mobilfunkgeräte spielend die der kabelgebundenen Anschlüsse überholt. Und darum ist dieses Kapitel das kürzeste.

Die Zahlen schwanken nur wenig: Für die gut 30 Millionen Iraker nennt keine Quelle mehr als geschätzte 1,2 Millionen Telefonanschlüsse – und zwar seit Jahren. Eine halbe Million davon liegt allein in Bagdad, also fast 40 Prozent. Damit können 3 bis 4 Prozent der Iraker per Festnetz telefonieren. (Zum Vergleich: In Deutschland waren es 2006 noch 92 %, 2010 nur noch 44 %.)

Etwa ein Drittel der Leitungen funktioniert bis heute nicht. Das liegt an maroden Leitungen und permanenten Strommangel, ist aber auch noch die Folge des US-Feldzugs gegen Saddam, denn natürlich war der angebliche Krieg gegen den Terror auch ein Krieg gegen die Telekom – das Fernmeldeamt in Al-Mamoun war nur das größte von zwölfen in Bagdad, das 2003 zerstört wurde.

Natürlich wird ins Festnetz investiert. Aufträge wie jener für ein Telekommunikationssystem im Öl-Depot New Aumara, den die SCOP des irakischen Ölministeriums bis Ende August ausgeschrieben hat, finden sich immer wieder. Und per youtube lassen sich eine Reihe von US-Marines dabei verfolgen, wie sie sich Telefonkabel über Flachdächer hinweg zuwerfen oder ratlos in das wirre Innenleben eines Kabelkastens blicken. Umgerechnet mehr als zwei Milliarden Euro haben die Vereinigten Staaten auf den Weg gebracht, um das Festnetz im Irak zu verbessern.

Doch erstens sind selbst zwei Milliarden ein Tropfen auf den heißen Sand, wenn ein Großteil des Landes bislang komplett abgehängt ist. Zweitens bleibt abzuwarten, wieviel von dieser Summe wirklich verbaut wird, nachdem sich Washingtons Parteien bei allem Gezänk über einen strikten Sparkurs in der US-Haushaltskrise einig sind. Und drittens ist der Festnetzmarkt locker links überholt worden: Der Mobilfunkmarkt boomt.

 

Foto: Paula Bronstein (Getty Images)