Banken & Geld / Zahlungsverkehr
Finanzielle Hilfen verpuffen im Irak oft wirkungslos, weil die Empfänger sie missbrauchen. Das Internationale Rote Kreuz (IKRK) vergibt trotzdem Mikrozuschüsse an Kleinunternehmer. Peter Schamberger, Koordinator des Programms im Irak, erklärt im Interview mit WPI, worauf es dabei ankommt
WPI: Herr Schamberger, das IKRK gibt Menschen im Irak Geld, damit sie sich ein Geschäft aufbauen. Krediterschleichung, Zweckentfremdung, Zahlungsausfall - andere sind mit finanziellen Hilfen dort schon auf die Nase gefallen. Wie stellen Sie die Sache an?
Peter Schamberger: Unsere Mikrofinanz-Projekte basieren nicht auf Krediten. Wir geben Zuschüsse, die der Begünstigte nicht zurückzahlen muss. Aber sie sollen natürlich zweckmäßig eingesetzt werden, deshalb ist das Geld zwingend an eine Sachleistung geknüpft. Es darf nur für Dinge ausgegeben werden, die der Betreffende für sein Geschäft wirklich benötigt. Denn wir legen Wert auf Nachhaltigkeit, mit unserem Engagement soll der Geldempfänger einen größeren Teil des Haushaltseinkommens eigenverantwortlich erwirtschaften, mindestens 40 Prozent mehr als vorher, und zwar auf Dauer.
Wer bekommt von Ihnen Geld?
Zum einen Frauen, die als Haushaltsvorstand verantwortlich sind für ihre Familie – sie leben oft am Rande des Existenzminimums, denn sie haben es enorm schwer, öffentlich einer Arbeit nachzugehen. Und Körperbehinderte wie etwa Kriegsinvaliden, denn sie haben ganz besondere Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Beides sind marginalisierte Gruppen, bei denen eine Geschäftstätigkeit nicht gerade üblich und erprobt ist - weshalb wir auch keine rückzuzahlenden Kredite vergeben. Das würde diese Menschen nur abschrecken.
Um welche Summen geht es?
Meist reichen 1000 Dollar, um die Anfangsinvestitionen für ein passendes Geschäft zu bestreiten – und darum geht es. Unser Limit liegt bei 1200 Dollar. Wenn jemand mehr in ein Geschäft stecken möchte, muss er das zusätzlich aus eigenen Mitteln finanzieren.
Zur Person
Peter Schamberger ist Koordinator des Economic Security-Programms des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) im Irak.
Welche Art Geschäfte ermöglichen Sie durch Ihre Zuschüsse?
Das hängt vom Begünstigten ab. Wir machen nichts, was derjenige nicht selbst will. Einige wollen mit einem Motor-Dreirad eine Transportdienstleistung anbieten, andere eröffnen Näh- oder Frisörsalons, kleine Läden. Auf dem Land geht es vielleicht um vier trächtige Schafe, um eine Zucht zu beginnen. Wir sind da sehr flexibel.
Wie vielen Menschen haben Sie bereits geholfen? Mit welchem Erfolg?
Wir sind seit 2008 damit aktiv und derzeit landesweit in acht Städten und Regionen präsent. Bislang haben wir etwa 2000 Frauen oder Körperbehinderten Geld gegeben, und rund 90 Prozent der Geschäfte sind auch nach mindestens sechs Monaten noch am Markt. Wir haben eigentlich keine Probleme. Wenn aufseiten der Geldnehmer nichts läuft und sich da nichts positiv entwickelt, behalten wir uns das Recht vor, die von uns finanzierte Ausstattung wieder abzuholen – ich persönlich kenne etwa 400 Projekte, da kam das aber nur zweimal vor.
Ganz simpel gefragt: Wie schaffen Sie das?
Wir achten schlichtweg darauf, dass die Dinge Sinn machen und ordentlich laufen. Wenn etwa jemand einen Laden eröffnen will und eine Kühltruhe braucht, schauen wir selbst, wo es in der Nähe eine Truhe gibt, die wir dafür empfehlen würden – und die wird dann auch gekauft, und zwar mit Quittung für den Verkäufer. Und wir geben kein Geld direkt in die Hände des Begünstigten, es sei denn, wir sind dabei, wenn die Ware gekauft wird.
Genau hinschauen – was bedeutet das für die Entscheidungsphase vor der Geldvergabe?
Wir haben klare Voraussetzungen. Das monatliche Haushaltseinkommen darf nicht höher sein als 100.000 Dinar (rund 70 Euro, die Red.) pro Person im Haushalt. Vor allem aber geht es um Fähigkeiten, um Softskills. Wir müssen sehen, dass die Betreffenden wirklich motiviert sind, da muss eine Dynamik sein. Und wenn jemand kaum lesen und schreiben kann, wird er nur schwerlich einen Computerladen erfolgreich betreiben können – da lehnen wir eher ab, ebenso bei einem Schafzüchter in spe, der noch nie ein Schaf gesehen hat. Und abgesehen davon müsste der Computer-Spezialist auch nachweisen, dass er wirklich einen Raum hat, um einen Laden zu eröffnen.
Gerade bei solchen Fragen ist Betrug leicht möglich.
Bei uns aber ist es schwer, denn wir entscheiden nicht nur anhand von Bewerbungsunterlagen. Wir gehen vor Ort, schauen uns um, fragen. Wie sind die Wohnverhältnisse? Wo sollen die Computer hin? Bist du Eigentümer oder Mieter? Wir fragen auch nach der Höhe der Miete, setzen sie ins Verhältnis zum Einkommen, das der Betreffende erzielen möchte. Wenn das nicht passt, diskutieren wir das aus oder suchen eine andere Lösung. Im direkten Umfeld etwa gibt es viele Leute, die helfen wollen, und so findet man durchaus mal einen Nachbarn, der Räumlichkeiten günstiger vermietet.
Aber dann darf der Geldnehmer endlich loslegen?
Lesen Sie auch:Wenn Bauern betrügen
Ja, allerdings bleiben wir über die ersten sechs Monate in engem Kontakt. Alle zwei Monate oder öfter gehen wir vorbei und schauen, ob es Probleme gibt. Und ob die Ausstattung noch da ist – wir kennen sie ja genau.
Derartige Kontrollen sind andernorts im Irak gescheitert, auch weil die Kontrolleure unzuverlässig und korrupt waren.
Ja, diese Gefahr besteht, und deshalb sind immer unsere eigenen Leute vom Roten Kreuz dabei, wenn Partner aus lokalen Organisationen ihre Besuche machen. Wir haben das bewusst nicht komplett outgesourct. Zudem werden wir von Kollegen aus dem Ausland kontrolliert, und wenn ich persönlich Projekte besuche, wähle ich diese selbst aus und nicht anhand einer Vorschlagsliste eines Mitarbeiters. Eine Erfolgsgarantie ist einfach, dass wir nah dran sind an den Leuten, und dass wir dort unser eigenes Geld investieren. So haben wir ein hohes Eigeninteresse daran, dass es auch gut investiert ist.
Ob Ihr Investment sinnvoll ist, entscheidet sich auch daran, ob der Empfänger ein Geschäft auf Dauer managen kann. Leisten Sie dabei Unterstützung?
Eigentlich braucht es nicht viel Hilfe, die meisten Leute sind schon clever und wissen, wie man es angeht. So wie der Transportunternehmer, der sich in flauen Zeiten mit seinem Motorrad an Verkehrsknotenpunkte stellt und Eis verkauft an schwitzende Autofahrer. Aber in Zukunft wollen wir auch Trainings anbieten für wichtige Grundlagen, etwa die Buchhaltung mit Einnahmen und Ausgaben. Denn manche sehen nur das Einkommen, nicht aber die laufenden Investitionen. Oder umgekehrt.
Meinen Sie, dass alle Projekte wirklich langfristig Erfolg haben?
Ich glaube, die Mehrheit wird bestehen bleiben. Wir kennen das aus anderen Ländern, etwa aus Pakistan, wo diese Art der Hilfe sehr gut funktioniert. Wobei es im Irak eine andere Erwartungshaltung der Menschen gibt, was durchaus Auswirkungen haben könnte.
Was heißt das?
Im Gegensatz zu Pakistan haben die Menschen Erwartungen an den Staat, und es gibt eigentlich auch ein ausgebautes Rentensystem. Ich könnte mir vorstellen, dass jemand hier schneller die Rechnung aufstellt: „Gut, ich habe hier ein Geschäft und erziele ein bestimmtes Einkommen, muss aber auch viel arbeiten. Und wenn ich die Zeit einrechne, kommt vielleicht ein geringer Lohn raus. Ich sollte mir die Frage stellen, ob ich damit weitermache.“ Wir wissen nun nicht, ob es wirklich so kommt, aber ich gehe davon aus, dass rund 80 Prozent unserer Projekte von Dauer sein werden – auch weil wir in Zukunft noch stärker auf die Motivation der Geldempfänger achten.
Sie werden Ihr Geld nur solange sinnvoll investieren können, wie die Begünstigten ihre Geschäftstätigkeit selbst als lohnenswert erachten und engagiert betreiben. Wie beurteilen Sie selbst die ökonomischen Vorteile?
Ein 40 Prozent höheres Haushaltseinkommen – das ist für den Einzelnen ein Riesenunterschied. Viele Begünstigte lebten ja am Existenzminimum oder darunter, womöglich mit Schulden. Für die große Gesellschaft ist die Wirkung unserer Projekte nicht gleich besonders spürbar, wohl aber im näheren Umfeld, bei Verwandten, Freunden, Nachbarn. Auch die sind ja meist nicht gerade auf Rosen gebettet, und nun sehen sie, wie sich da einer auf eigene Füße stellt, weniger Hilfe von außen braucht. Das kann durchaus ein Anreiz zum Nachahmen sein.
Die ökonomische Wirkung ihrer Finanzhilfen geschieht also auch über einen Umweg – die menschliche Komponente?
Ich will das nicht überbewerten, aber durch ihre Geschäftstätigkeit gewinnen die Leute ein enormes Selbstvertrauen, und sie fühlen sich als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Wenn die Kinder in der Schule bleiben, weil nun doch das Geld reicht – das erzeugt ein starkes Gefühl: „Ich bin verantwortlich, und ich kann das auch schaffen aus eigener Kraft.“
Selbstbewusstsein und positive Erfahrung als Grundvoraussetzungen für ein florierendes Wirtschaftsleben?
Ja, das ist im Irak wie überall auf der Welt – die Leute wollen eigenverantwortlich handeln. Und auch, wenn so kleine Geschäfte wie unsere makroökonomisch nicht gleich die Welt verändern in Großstädten wie Basra, Bagdad oder Kirkuk, tut sich etwas in der Straße, im Wohnquartier. Da gibt es nun den ein oder anderen zusätzlichen Geschäftsabschluss, etwa bei Lieferanten, und das kann grundsätzlich auch größere Kreise ziehen, denn ein Lieferant muss ja auch irgendwo neue Ware kaufen. Wobei ich glaube, dass der Nachahmereffekt noch interessanter ist, gerade wenn jemand langfristig Erfolg hat.
Sind die kleinen Geschäfte Ihrer Geldempfänger auch mal größer geworden?
Das ist wohl nicht die Regel, aber es kommt vor. Kollegen haben mir etwa von einer Frau erzählt, die mit einer Nähmaschine anfing und heute vier Näherinnen angestellt hat. Da ist jetzt ein richtiger kleiner Nähsalon.
Da hat offensichtlich jemand seine Lektion gelernt. Was aber können andere Geldgeber von Ihrem Mikrofinanz-Programm lernen, um eigene Misserfolge zu vermeiden?
Das Schlüsselelement ist ganz einfach: Man muss die Leute kennen. Man kann nicht einfach einen Kredit an jemanden geben nur aufgrund einer Bewerbung. Wir berücksichtigen längst nicht jeden. Wir hatten Kennenlern-Meetings mit hunderten Interessenten, viele kamen gleich mit fotokopierten Unterlagen – da mussten wir sagen: „Leute, ihr trickst schon bei der Bewerbung, da gehen wir nicht drauf ein.“ Bei uns ist es eben so: Niemand bekommt Geld, den wir nicht zu Hause besucht und selbst gesprochen haben. Von dem wir nicht wissen, wie er sein Leben ansonsten bestreitet. Der nicht genau erklären kann, was er sich von seinem Projekt verspricht. Das ist viel Arbeit, die auch viel Geld kostet. Aber es lohnt sich.
Foto: IRKR














