Bagdad-Briefings Teil 26: Die Stunde der Tyrannen
24.08.2010  | Abu Ghada   

Meinung & Analyse / Politik
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Armes Volk, was hast Du nur verbrochen, dass Allah Dich dermaßen bestraft? Unser Kolumnist ist mal wieder wütend und traurig


Nicht wenige Iraker sind der Ansicht, dass US-Präsident Barack Obama entgegen seinen Versprechen von einem „verantwortungsvollen Abzug“ den Irak ohne jedes Verantwortungsgefühl einem ungewissen Schicksal hilflos aussetzen wird. Aber wer will Obama Vorwürfe machen? Infolge des infantilen Vorgehens seines Vorgängers mussten die USA seit ihrem Einmarsch in den Irak bis zum Abzug des so genannten letzten Kampfverbandes am vergangenen Donnerstag 4.419 Tote in diesem Land hinterlassen. Dazu Verluste in Höhe von rund 1.000 Milliarden US-Dollar hinnehmen, ganz zu schweigen von den Zehntausenden Kriegsversehrten und den psychologisch oder psycho-sozial gestörten menschlichen Wracks unter den ehemaligen US-Soldaten.

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Als Barack Obama am 20. Januar 2009 als 44. US-Präsident in das Weiße Haus einzog, erkannte er, dass sein Vorgänger schwere Fehler begangen hatte, die sofort korrigiert werden mussten. Obama hatte gesehen, dass die Irak-Invasion weder etwas mit den höchsten Interessen der USA noch mit deren nationalen Sicherheit zu tun hatte. Obama war überzeugt, dass auch George Bush jun. gewusst hat, dass Saddam Hussein weder über Massenvernichtungswaffen noch über Beziehungen zur Qaida verfügte, und dass er bereit war, alles zu opfern, nur um an der Macht zu bleiben.

Kurz gesagt, die Irak-Invasion und Besetzung widersprachen allen nationalen und internationalen Normen und Interessen. Sie befriedigten die Rachegelüste des Bush-Clans und verwirklichten Ziele und Absichten ausländischer Kräfte, allen voran des Iran.

Präsident Obama hatte nur zwei Optionen: Entweder er verfolgt weiterhin den Kurs seines Vorgängers bis zur endlosen Zermürbung der US-Soldaten und Staatskasse. Die Vorzeichen dafür hatten sich bereits in der Weltfinanzkrise offenbart, in deren Folge die US-Märkte und Banken die miserabelste Zeit seit der Weltwirtschaftskrise von 1029-1939 durchleben mussten. Obama hat sich jedoch für die zweite Option entschieden, als er gestand, dass die Irak-Invasion ein Kardinalfehler war.

Bei der Wahl seiner Option hat Obama das Interesse seines Landes über jenes des Irak gestellt. Er hat auch Recht, wenn er argumentiert, dass die irakischen Politiker nach mehr als sieben Jahren der US-Präsenz im Irak nunmehr allein in der Lage sein müssten, den Aufbau ihres Staates zu vervollständigen und ein Mindestmaß an Sicherheit und Wachstum zu realisieren. Dass sich diese Politiker aber im Kreise bewegen und gegenseitig der Macht wegen bekämpfen, dass sie ihr Land stehlen und plündern, dass sie in Korruption versacken, weiß er natürlich. Aber, so hat er angedeutet, er sieht keinen Anlass, deswegen im Land zu bleiben und dies zu unterstützen.

Präsident Obama wird also bis Ende 2011 alle US-Truppen abziehen, um den Irak seinem östlichen Nachbarn nun völlig zum Fraße hinzuwerfen. Die Machthaber des Irak, die Tag und Nacht lauthals verkünden, sie hätten eine Armee und andere Sicherheitskräfte aufgebaut, die in der Lage seien, das Vakuum zu schließen, das durch den Abzug der US-Truppen entsteht, müssen nun die Verantwortung tragen und tatsächlich für die Sicherheit des Landes sorgen. Ob sie das aber können und wollen, ist eine andere Frage. Die Realität – die Autobomben, Sprengsätze und Schalldämpferwaffen, die genauso auf Sicherheitskräfte wie auf die wissenschaftlich-akademische Elite des Landes abzielen, und die Massaker, die unter der einfachen Bevölkerung angerichtet werden – strafen diese Politiker Lügen.

Das irakische Volk lebt besonders in diesen Tagen in Ungewissheit. Die Terroranschläge eskalieren und haben das Leben Hunderter Menschen gekostet. Ungeachtet dessen sind alle Bündnisse fünf Monate nach den Wahlen genauso zerstritten wie zuvor; die beiden größten von ihnen am meisten, weil ihre Vorsitzenden das Amt des Ministerpräsidenten für sich beanspruchen und keiner von ihnen nachgeben will. Statt sich im höchsten Interesse des Allgemeinwohls zu einigen, will ein jeder dem anderen eins auswischen. Da wird nach dem Prinzip: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ gehandelt. Da ist selbst der Führer des als liberal geltenden Bündnisses bereit, mit dem Führer der stärksten Milizen, die er selbst während seiner ersten Amtsperiode als Premier nach dem Sturz des vorigen Regimes verfolgt hatte, ein dunkles Geschäft einzugehen, nur um auf den Ministerpräsidenten-Sessel zu kommen.

Der einfache Mann auf der Straße weiß, dass sein Elend auf absehbare Zeit kein Ende nehmen wird. Er weiß, dass nicht nur die Macht- und Geldgier seiner neuen Machthaber und die Bestechlichkeit der meisten von ihnen dafür verantwortlich sind. Vielmehr hat er im Laufe der zurück liegenden sieben Jahre erkannt, dass der Grund allen Übels im Fehlen von nationalbewussten und -denkenden Parteien und Politikern liegt, da sie alle, aber auch alle von ausländischen Kräften alimentiert und dirigiert werden.

Armes Volk, was hast Du nur verbrochen, dass Allah Dich dermaßen bestraft?! Da nützten Dir weder freiwilliges Fasten aus religiösen Motiven noch die Freiheit und Demokratie à la Texas, die Dir nur Hunger und Durst, Arbeitslosigkeit, Armut, Elend und Tod eingebracht haben. Hast Dich umsonst gefreut, als man Dich von einem Tyrannen befreit hatte! An seiner Stelle hast Du nun Tausende Tyrannen!

Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten.

 

Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)