Meinung & Analyse / Politik
Türken bauen im Irak Staudämme, errichten Kraftwerke, importieren Öl. Jetzt akzeptiert ihr Ministerpräsident Recep Erdogan auch noch die irakischen Kurden. Wo soll das nur hinführen? Schon heute ist der Nachbar im Norden der viertgrößte Handelspartner des Iraks
Massoud Barzani, Präsident der kurdischen Regionalregierung, haute mit voller Wucht in die Klaviatur der Lobpreisungen. „Ihr Besuch in Erbil“, sprach der Präsident, „ist von historischer Bedeutung und eine Ihrer mutigsten Entscheidungen.“ Hinter ihm wehten türkische, kurdische und irakische Fahnen und neben ihm stand der von ihm im Überschwang gepriesene türkische Ministerpräsident Recep Erdogan. Es war der 29. März und die zwei Männer eröffneten gemeinsam den neuen Flughafen von Erbil, der von türkischen Firmen gebaut wurde.
Barzani lobte aber nicht nur die schiere Anwesenheit Erdogans, sondern auch dessen Politik gegenüber der Region und der kurdischen Bevölkerung in der Türkei. „Seit Sie ins Amt gekommen sind, haben wir viele positive Veränderungen wahrgenommen“, sagte Barzani. „Wir unterstützen Ihre Politik, weil wir glauben, dass sie dem Frieden und der Stabilität der Region dient.“ Erdogan revanchierte sich artig und betonte seinerseits die historischen Verbindungen zu Kurdistan. Er erwähnte ebenfalls die kurdische Bevölkerung seines Landes. „Wir haben die alte türkische Politik aufgegeben, den Kurden eine eigene Identität abzusprechen“, so Erdogan.
Lange Zeit hatte sich die türkische Administration geweigert, die Regierung der Region Kurdistan überhaupt anzuerkennen. Man befürchtete ein Übergreifen der Autonomiebestrebungen auf die türkischen Kurden. Auch die Rolle der PKK, die sich häufig in den Nordirak zurückzieht, wurde von der Türkei häufig kritisiert. Erst seit der türkische Außenminister Davutoglu eine neue Politik der Öffnung gegenüber allen Nachbarn einläutete, verbesserten sich die Beziehungen. Das betrifft vor allem die Wirtschaft: Der kurdischen Regierung zufolge leben derzeit 20 000 türkische Staatsbürger in der Region, 600 türkische Firmen sind dort tätig. Sie errichten vor allem Infrastrukturprojekte: Flughäfen, Staudämme, Kraftwerke und Entwässerungsanlagen. Bei seinem Besuch wurde Erdogan von zahlreichen türkischen Wirtschaftsvertretern begleitet.
„Kurdistan kann Europa durch die Nabucco-Pipeline für die nächsten 80 Jahre mit Gas versorgen“
Aydin Selcen, der türkische Konsul in Erbil, bezifferte den Handel zwischen beiden Ländern im Jahr 2010 auf umgerechnet etwa 7,1 Milliarden Euro. Darin inbegriffen sind die Öl- und Gaslieferungen in die Türkei. Das macht den Irak zum viertgrößten Handelspartner. Die Region Kurdistan für sich genommen ist bereits unter den zehn wichtigsten Handelspartner der Türkei. Beide teilen eine 350 km lange Grenze, und die Türkei betrachtet die Region als Tor zu anderen Ländern des Mittleren Ostens.
Besonders der Import von irakischen Gas und Öl ist für die Türkei wichtig. Die Region Kurdistan wiederum betrachtet das Nachbarland nicht nur als Abnehmer ihrer Reserven, sondern auch als Durchgangsstation für den Export nach Europa. Nach Angaben des kurdischen Ministers für Bodenschätze, Ashti Hawrami, verfügt die Region über mindestens 45 Milliarden Barrel Öl und bis zu 57 Milliarden Kubikmeter Gas. „Kurdistan kann Europa durch die Nabucco-Pipeline für die nächsten 80 Jahre mit Gas versorgen“, behauptet Hawrami. Die geplante Pipeline soll Europa mit Energie aus Zentralasien versorgen, um unabhängiger von Russland zu werden. Allerdings ist noch nicht klar, welche der zentralasiatischen Staaten überhaupt Gas liefern werden. „Durch die Grenze zur Türkei, in der die Pipeline verlegt wird, befindet sich die Region Kurdistan in einer hervorragenden Lage, Gas nach Europa zu liefern“, meint Hawrami.
Der Dozent Azad Aslan, der derzeit an der Salahadin Universität in Erbil lehrt, glaubt dass der Besuch Erdogans die Beziehungen zwischen der Türkei und Kurdistan festigen wird. Erstens zeige der Besuch, dass die Türkei bereit sei, ihre Politik gegenüber den türkischen Kurden zu verändern. Zweitens gebe es im Juni Wahlen in der Türkei, und Erdogan hoffe durch seinen Besuch auf die Sympathien der kurdischen Türken. „Die amerikanische Invasion im Irak, die rechtliche Verankerung der Region Kurdistan in der irakischen Verfassung und die Vereinten Nationen haben dazu geführt, das die Türkei ihre Kurdenpolitik überdacht hat“, meint Aslan.
„Erdogans Partei, die AKP, wünscht gute Beziehungen zu den Nachbarstaaten, um die Wirtschaft anzukurbeln und eine wichtigere Rolle im Mittleren Osten spielen zu können, „vermutet Aslan. „Für den Moment braucht die Türkei Kurdistan. Die Frage ist nur, wie lange.“
Foto: AHMAD AL-RUBAYE (AFP/Getty Images)











