Meinung & Analyse / Wirtschaft
Dem Irak mangelt es nicht an Geld, politischem Willen oder internationalen Partnern. Was fehlt, ist Wissen. Jetzt müssen Wirtschaft und Politik zusammenarbeiten. Das ist nicht immer ganz legal. Aber es hilft!
Nach dem Ende der Berliner Investitionskonferenz für den Irak herrscht gute Stimmung. Das Außenhandelsvolumen zwischen Deutschland und dem Irak habe sich innerhalb eines Jahres verdoppelt, meldet die arabisch-deutsche Handelskammer Ghorfa. Und ist erst mal das deutsch-irakische Investitionsabkommen ratifiziert, kann es wieder richtig losgehen mit dem Wiederaufbau im Zweistromland.
Die Wirtschaftsnachrichten des Sommers passten zur aktuellen Euphorie. Kaum eine Woche verging, in der nicht Vertragsabschlüsse in mindestens dreistelliger Millionenhöhe gemeldet wurden. Mitte Juli zum Beispiel gab der irakische Regierungssprecher Ali al-Dabbagh den Bau einer 320 Mio Euro teuren Sport City in Basra bekannt, damit dort 2012 das Fußballturnier um den Golfpokal stattfinden kann.
Einen Tag später schreibt die Investitionsbehörde von Nadschaf ihr Projekt „New Najaf City“ zur erneuten Bewerbung aus, der kuwaitische Investor war aus der Planung ausgestiegen. New Najaf City ist ein städtebauliches Großprojekt (Investitionsvolumen 27 Milliarden Euro): Auf 21 Quadratkilometern soll der See von Nadschaf umbaut werden mit Wohneinheiten in allen Preisklassen, einer Universität, Banken, Sportanlagen, Behörden, sozialen Institutionen, Einkaufszentren sowie einem Fünf-Sterne-Hotel. Der Clou: Die Sichtachsen aller Magistralen sind in Richtung Nadschaf ausgerichtet, genauer gesagt auf den Schrein von Imam Ali, Ziel für rund vier Millionen Touristen pro Jahr.
New Najaf City sei schon jetzt „Symbol für das neuerwachte Selbstbewusstsein der Schiiten am Golf“ schreibt WPI-Korrespondent Faris Haram. Die Vision: „Die neue Mittel- und Oberschicht verbindet selbstverständlich die Wallfahrt mit Urlaub, Wellness und Einkaufstouren in Luxusboutiquen.“ Weitere Artikel zum Thema auf WPISchulen & Hochschulen im IrakHurra, Hurra die Schule kommt!Interview: „Meine Studenten behandeln mich wie eine Königin“Wissenstransfer: Vom Ländle für die WeltPrivate Hochschulen erobern den Norden Aber es wird noch viel passieren müssen, damit dieser Traum wahr wird. Straßen müssen gebaut, Brücken erneuert, Kraftwerke und Krankenhäuser errichtet werden. Für jeden nur denkbaren Industriezweig kursieren Masterpläne, Ausschreibungen und Projekte. Irakische Politiker reisen in die Welt, Wirtschaftsdelegationen in den Irak. Was aus Nachrichtenperspektive wie die größte Baustelle Vorderasiens aussieht, erweist sich aus der Nähe als die langsamste. So schnell wie Großprojekte ankündigt sind, werden sie wieder verschoben. Ständig kommt es zu Fristverlängerungen, geschlossene Ausschreibungen werden wieder eröffnet, Konsortien frisch nach Gründung umgebaut. Erst kürzlich hat die irakische Regierung erneut verkündet, längst geplante Investitionen nach hinten zu schieben. „Dauernd ändern sich Ansprechpartner, behördliche Routinen existieren selten oder sind kaum auf internationale Standards abgestimmt“, klagt ein Unternehmer.
Dies ist der Flaschenhals, an dem sich alle Projekte stauen. Im Irak mangelt es nicht an Geld, politischem Willen oder internationale Partnern. Was fehlt, ist Wissen.
Fachleute, Ingenieure, Ärzte, Verwaltungskräfte, Juristen, Finanzexperten. In kaum einer Institution, Behörde oder Ministerium gibt es geschultes Personal, um die großen Infrastrukturprojekte umzusetzen. Selbst wenn die Personaldecke halbwegs stimmt, so haben die wenigsten Mitarbeiter Erfahrung, wie man Flughäfen, Brücken, Schulen, Krankenhäuser, Kraftwerke und Autobahnen überhaupt ausschreibt. Geschweige denn, wie man sie projektiert, baut, abnimmt und betreibt.
Dieser Engpass ist allen Akteuren bewusst. Daher verkaufen deutsche Konzerne und Mittelständler, egal ob sie mit Mähdreschern, Herzschrittmachern, Krankenhäusern, Aufzügen, Straßen, Brücken, Stellwerken, Gleisanlagen oder Endoskopen handeln, den Zusatznutzen, der derzeit am meisten gefragt ist: Bildung. Es gibt kaum ein Unternehmen, dass mit seinen Produkten und Dienstleistungen nicht auch Wissen liefert. ThyssenKrupp, Daimler, Siemens, Deutsche Bahn und Festo: Im Irak sind sie de facto im Bildungssektor tätig. Die wenigsten Beamten wissen, wie man Flughäfen, Brücken, Schulen, Krankenhäuser, Kraftwerke und Autobahnen überhaupt ausschreibt. Geschweige denn, wie man sie projektiert, baut, abnimmt und betreibt. Die neuen Kooperationen gehen über die bei Technologieprojekten üblichen Geräteschulungen weit hinaus. In vielen Fällen werden bei Vertragsunterzeichnung regionale Ausbildungszentren vereinbart, die nicht nur der irakischen Belegschaft zugute kommen, sondern in die gesamte Region abstrahlen sollen. Daimler plant den Aufbau einer Ausbildungswerkstatt in Bagdad. Siemens und ThyssenKrupp bilden Eisenbahner aus. Deutsche Bahn berät beim Strukturwandel des Schienenverkehrs.
Die politische Stabilität hängt an Wirtschaft und Wohlstand. Aber alles steht und fällt mit der Bildung jener Menschen, die sich jetzt und heute im Irak befinden. Wie es scheint, sind Deutsche als Lehrer besonders gefragt. „Gerade in den Ingenieurwissenschaften und den Life Sciences punktet das Siegel Made in Germany ungeheuer“, erklärt Katja Petereit vom Fachbüro Internationales Bildungsmanagement (FIB) in Bonn. Das Berliner Bildungswerk Europanorat baut Computertraining, Englischkurse und Lehrgänge im Organisationsmanagement für irakische Beamte auf.
Der DAAD sponsert die Ausbildung irakischer Professoren, vermittelt irakische Uni-Absolventen in deutsche Unternehmen hinein. Die AGEF (Arbeitsgruppe Entwicklung und Fachkräfte im Bereich der Migration und Entwicklungszusammenarbeit) bildet Kfz-Mechaniker, Elektriker und Sanitärfachleute aus, schult Richter und Verwaltungskräfte. Gerade hat sich in Arbil eine Initiative gegründet, um dort spätestens 2012 eine deutsche Schule zu haben, damit die kurdische Hauptstadt für Heimkehrer interessant wird. Eine Universität für Bagdad wird derzeit von Deutschland aus angeschoben und vorbereitet.
Auch die angelsächsischen Nationen entdecken das Thema: 10.000 irakische Studenten sollen in den nächsten fünf Jahren einen Abschluss an Hochschulen in Großbritannien, Australien, Kanada und den USA erhalten. Das gaben im Juli US-Präsident Barack Obama und der irakische Premierminister Nuri al-Maliki bekannt. 10.000 irakische Studenten sollen in den nächsten fünf Jahren einen Abschluss an Hochschulen in Großbritannien, Australien, Kanada und den USA erhalten. Egal jedoch, wie viele Bildungsprojekte noch angeschoben werden, die Zeit drängt. Viele Initiativen werden erst Jahre später das allgemeine Niveau heben. Straßen, Kraftwerke, Schulen und Krankenhäuser müssen aber jetzt fertig werden. Daher gibt es ein paar Unternehmer, die mit Kreativität, Regelbruch und dem Segen ihrer irakischen Partner Abkürzungen gehen, um ans Ziel zu kommen. Statt auf Absolventen noch zu gründender Hochschulen zu warten, stellen sie eigene Mitarbeiter ab, und setzen sie als Berater in den Behörden und Ministerien ein, deren Auftrag sie gerade abarbeiten. Das ist in puncto Transparenz natürlich alles andere als lupenrein. Aber es funktioniert!
So berichtete neulich der Geschäftsführer einer Unternehmensberatung von einer Idee, welche die landläufige Definition von Public-Private-Partnerships sprengen dürfte. Es geht um drei irakische Großprojekte im Milliardenbereich. In Europa, so der Geschäftsführer, gebe es nur zwei Mitbewerber, die in der Lage seien, Projekte dieser Größenordnung zu bauen. Also traf man sich, erzählte der Berater, zu einem vertraulichen Austausch, bei dem die Mitbewerber über die üblichen Probleme klagten: Schlechte Ausschreibungen, kein Management und chaotische Strukturen. Es sei dringend Notwendigkeit, Schlüsselpositionen bei den irakischen Auftraggebern (Provinzen, Behörden und Ministerien) mit Personal zu besetzen, die das Maß an fachlicher und sprachlicher Qualifikation mitbringen, um Aufträge und Gewerke abzustimmen.
Dieses Personal aber gibt es nicht.
Die Gefahr: Die Projekte bleiben liegen, werden verschoben und so lange immer wieder neu ausgeschrieben, „bis sie irgendwann tot sind, weil kein Unternehmen sie mehr anfasst“, so der Berater. Drei miteinander vergleichbare Großprojekte stehen im Irak zur Ausschreibung, also haben sich die Europäer darauf geeinigt, ihr Personal in die irakischen Behörden abzustellen, um dort den Auftrag der jeweiligen Konkurrenz zu managen – und gleichzeitig die irakischen Beamten auszubilden. Derzeit fehlt nur noch die Zusage der Iraker.
Wohl gemerkt: Hier soll nicht durchs Hintertürchen „Bildung“ das alte Haus der Lüge wiederausgebaut werden. Korruption ist, wenn sich jemand Aufträge mit Schmiergeld erkauft und damit Know-how und Fitness zerstört – auf beiden Seiten. Hier aber wird nichts gemauschelt oder in eigene Taschen gewirtschaftet. Hier wird der Rohstoff angelegt, den der Irak braucht, heute, morgen und übermorgen: Wissen.
Der Geschäftsführer hat ein reines Gewissen. In seiner Unternehmensgruppe weiß er modernste Compliance-Regeln in Kraft. Ohnehin fordert dieser pragmatische Mitarbeitertransfer allen beteiligten (Konkurrenz-)Unternehmen ein nie dagewesenes Maß an Offenheit und Transparenz ab. „Außerdem kann jeder sowieso nur ein Projekt umsetzen. Mehr Kapazitäten hat keiner von uns“ sagt er und fragt: „Was würde denn passieren, wenn wir nichts tun? Dann käme niemand zum Zuge. Und im Irak bliebe alles, wie es ist.“
Foto: Mira Oberman (AFP/Getty Images)











