Prohibitions-Debatte im Irak: Sturm im Wasserglas
23.11.2009  | Qassim Khidhir Hamad   

Meinung & Analyse / Wirtschaft
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Während Al-Maliki die Green-Zone trockenlegen will, machen kurdische und christliche Geschäftsleute blendende Geschäfte mit Whiskey, Bier und Arak


Die Nachricht schwappte aus Bagdad herüber in den Rest der Welt: Ministerpräsident Nuri Al-Maliki will den Alkohol-Geschäften in der Green Zone den Garaus machen. Begierig wurde die Meldung von der internationalen Presse geschluckt. Dabei ist die Green Zone alkoholtechnisch gesehen im Irak nur ein Tröpfchen. Aber ein sehr öffentlichkeitswirksames. Das weiß auch Al Maliki und hat den Kampf gegen die Alkoholbranche in der Green Zone als Teil seines Wahlkampfes instrumentalisiert. Mit seinem Vorgehen gegen den Verkauf von Whiskey, Bier und Arak möchte er konservative Wähler für sich gewinnen. Die Handvoll, meist christlichen, Alkohol-Händler der Green Zone, die er mit seiner Kampagne vergrault, fallen nicht ins Gewicht.

Doch selbst wenn es Al-Maliki gelingen sollte, die Internationale Zone trocken zu legen, entalkoholisieren wird er den Irak genau so wenig wie einst Saddam Hussein. Video: Alive in Bagdad



Alive In Bagdad ist eine Internet-Serie der NGO "Small World News", die in Zusammenarbeit mit Iraks berühmtesten Blogger Salam Pax entstand. Hier sehen Sie, wie ein christlicher Geschäftsmann versucht, in Bagdad Fuß zu fassen. Und warum auch seine Türen während des Ramadans geschlossen bleiben.
Alkohol hat im Irak Tradition und Kultur. Eines der besten Beispiele dafür ist die Promenade Abu Nawas in Bagdad, benannt nach einem Dichter, der vor mehr als tausend Jahren die Liebe und den Wein besang. Wenn man so will war Abu Nawas der Petrarca des Irak. Bis in die 80er Jahre war die Promenade am Ufer des Tigris das pulsierende Zentrum des Nachtlebens von Bagdad. Nach und nach erholt sich die Promenade von den Kriegen und immer mehr Bars, Kneipen und Restaurants eröffnen wieder am Ufer des Tigris und servieren Masgouf mit Arak und Bier.

Wichtigster Exportmarkt für türkisches Bier

Das Bier, das in Bagdad ausgeschenkt wird, kommt überwiegend aus der Region Kurdistan, dem irakischen Zentrum für den Import von Alkoholika. Den Daten des türkischen Exportförderungszentrums zufolge ist der Irak seit kurzem der wichtigste Exportmarkt für türkisches Bier: Allein im Jahr 2008 exportierten türkische Brauereien Bier im Wert von 22,1 Millionen Euro in den Irak. Dabei trinken die Iraker längst nicht nur türkisches Effes. Auch deutsches Bitburger, mexikanisches Corona und japanisches Asahi gibt es in den Alkohol-Läden zu kaufen.

„Wir Iraker gehen immer öfter in Bars und trinken. Wir wollen uns einfach vergnügen, jetzt wo sich unsere Lebensqualität verbessert hat,“ sagt Sargon Josef, der in Ainkawa, einem hauptsächlich von Christen bewohnten Viertel Arbils, einen Alkohol-Laden betreibt.

Er ist nicht der einzige, der dort auf diese Idee gekommen ist. In Ainkawa blüht das Geschäft mit dem Alkohol – entlang der Straßen reiht sich Bar an Bar und Alkohol-Laden an Alkohol-Laden. Doch nicht nur im Einzelhandel boomt das Geschäft. Viele Firmen und Vertreter der Alkoholbranche, die im Irak ihre Produkte vertreiben, haben sich in dem Viertel von Arbil niedergelassen.

Mehr Durst als Sicherheitsbedenken

Khidhir Sheikhani hingegen besitzt einen populären Alkohol-Laden in der vorrangig von Muslimen bewohnten Innenstadt Arbils. Und das nicht ohne Grund. Er glaubt, dass man das beste Geschäft in den muslimischen Gegenden macht. „Dort gibt es weniger Konkurrenz, aber genauso viel Kundschaft wie in Ainkawa“, sagt Khidhir Sheikhani. Seinen Laden schließt er nie vor ein Uhr nachts. Trotz der nächtlichen Geschäftszeiten hat er weder Sicherheitsbedenken noch Angst vor islamistischen Extremisten.

In den Neunzigerjahren wäre ein Geschäft wie das von Khidhir Sheikhani nicht möglich gewesen. Sämtliche Alkohol-Läden in Arbil und anderen Städten wurden von islamischen Extremisten zerstört. Auch der ehemalige Laden Sheikhanis: „Es war im Jahr 1998. Um sieben Uhr morgens haben sie eine Tasche voller TNT vor meinen Laden gelegt und ihn in die Luft gesprengt.“ Durch Drohungen und weitere Attacken erzwangen die Extremisten letztendlich die Schließung aller Alkohol-Läden in den muslimischen Vierteln von Arbil.

Heutzutage stellen islamische Extremisten keine Bedrohung für Händler und Verkäufer in der Region Kurdistan mehr dar. Die Regierung erlaubt die Eröffnung von Alkoholgeschäften, solange sie sich an einer Hauptstraße befinden und solange sie Schnaps und Bier nicht unmittelbar neben einer Moschee oder Schule verkaufen.

Wann wird im Irak Bier gebraut?

Auch Sheikhani plant die Eröffnung eines zweiten Ladens. Die lästige Papierarbeit, die er für die Genehmigung leisten muss, nimmt er gerne in Kauf. Denn trotz der bürokratischen Hürden wird der Erfolg der Branche weitergehen. Lokale Geschäftsleute wollen Investoren gar dazu ermutigen, in Kurdistan Alkoholika herzustellen. Denn noch werden alle Getränke aus der Türkei und Europa importiert.

„Eine Fabrik für alkoholische Getränke wäre mit dem Bau einer kurdischen Pipeline vergleichbar“, sagt der Händler Sargon Josef. Alles sei vorhanden. Es müsse nur kanalisiert werden. Auch Sheikhani glaubt, dass von der Alkoholika-Produktion viele Kurden profitieren würden. Die gesamte Region leidet unter hoher Arbeitslosigkeit. Brauereien und andere Produktionsstätten können Arbeitsplätze schaffen und gleichzeitig Landwirten einen Absatzmarkt für ihre Gerste und Trauben eröffnen. Sheikhani träumt gar davon, kurdisches Bier in die Golfstaaten zu verkaufen.

Doch bis es soweit ist, muss sich im Irak noch vieles ändern. Unter anderem auch die Steuerpolitik. Denn noch ist der Import alkoholischer Produkte lukrativer als der Aufbau einer lokalen Produktion. „Die Regierung besteuert diese Produkte nur sehr gering, deshalb ist Alkohol ja auch so günstig“, sagt Sargon Josef. Eine Dose deutsches Pils beispielsweise koste weniger als einen Dollar.

Vielleicht nimmt sich Ministerpräsident Al-Maliki des Themas Alkoholsteuer ja bald mal an. Denn auch er weiß, dass man im Irak nicht nur mit dem Verbot von Alkohol Stimmen sammeln kann. Als er einmal die Promenade Abu Nawas entlang spazierte, wurde ihm das von vielen Bewohnern von Bagdad hoch angerechnet. Schließlich zeigte ihnen der Ausflug: Al-Maliki ist einer von uns.

 

Foto: Wathiq Khuzaie (Getty Images)