Meinung & Analyse / Wirtschaft
Täglich schließt der Irak große Verträge mit Konzernen und Nationen – zuletzt ein Energieabkommen mit der EU. Dabei ist der Bedarf des eigenen Landes kaum gedeckt. Die Hauptstadt mit ihren verfallenen Häusern, Baulücken und Müllbergen wirkt wie eine heruntergekommene Drittweltmetropole. Ein Bericht über den mühsamen Alltag in Bagdad
Wenn alles so bleibt wie geplant, ist die irakische Regierung noch genau 45 Tage im Amt. Grosse Akzente kann man in so einer Zeit normalerweise nicht erwarten. Im Irak scheint es jedoch genau umgekehrt – alles, was bisher liegen blieb, wird jetzt, am Ende der Regierungsperiode, in forschem Tempo erledigt. Der sprichwörtlichen lahmen Ente scheinen regelrecht Flügel zu wachsen. Das gilt vor allem für den Energiesektor.
Im Eilverfahren schließt Erdölminister Hussein Shahristani derzeit mit internationalen Ölfirmen Verträge über die Erschließung der reichen Ölvorkommen ab. Den jüngsten Coup, den er in diesem Zusammenhang landete, ist ein Energieabkommen mit der Europäischen Union. Mit dem EU-Kommissar für Energie, Andris Piebalgs, unterzeichnete Shahristani am 18. Januar ein Memorandum über eine strategische Energiepartnerschaft.

Neben den Ölvorkommen hat die Europäische Union dabei vor allem die Erdgasreserven des Landes im Blick. Insbesondere hoffen die Europäer auf irakische Gaslieferungen für die Nabucco-Pipeline, die künftig den europäischen Markt mit den kaspischen und nahöstlichen Erdgasvorkommen verbinden soll.
Bevor der Irak seine Exporte steigern kann, muss er freilich erst einmal den heimischen Bedarf decken. Das Land sitzt auf den drittgrößten Ölreserven weltweit und verfügt über reiche Erdgasreserven, doch knapp sieben Jahre nach dem Sturz des Saddam-Regimes sind die Betreiber von privaten Dieselgeneratoren die einzigen, die den Hauptstädtern mehr oder weniger zuverlässig Strom liefern. Nach wie vor wirkt Bagdad wie eine heruntergekommene Drittweltmetropole. Zwar gibt es mittlerweile zahlreiche neue Parkanlagen, in den Geschäftsvierteln sprießen neuerdings Boutiquen mit Glasfassaden aus dem Boden, kleinere Kaufleute haben ihrem Laden einen bunten Anstrich gegeben. Doch die ehemaligen Prachtstraßen Saadun und Rashid säumen halbverfallene Häuser, in denen die Bewohner ihre Behausungen mit Plastikfolien und Backsteinen ausgebessert haben.
Von den Nöten bekam der EU-Kommissar Piebalgs wenig mit
Die vorherrschenden Farben der Hauptstadt sind das Beige des Sands, der sich unerbittlich in alle Ritzen legt, und das Grau der Sprengschutzmauern. Wie ein Grenzwall trennen sie ganze Viertel und Strassen voneinander. An Hunderten von Checkpoints kontrollieren Sicherheitskräfte in einem Mischmasch an Uniformen sämtliche Ein- und Zugänge zu den Quartieren. Die Polizisten und Soldaten sind die einzigen, die offenbar im Dauereinsatz sind. Denn die Müllentsorgung funktioniert weiterhin weitgehend mehr schlecht als recht. Auf den Baulücken in den Quartieren außerhalb des Zentrums türmt sich der Abfall, beißend steigt der Geruch von brackigem Abwasser in die Nase.
Zwischen den Häusern zieht sich ein wildes Gewirr von Stromleitungen, die so tief hängen, dass man sich beim Vorgehen ducken muss. Das staatliche Netz ist so marode, dass die Regierung im Fall von Sandstürmen – und davon gibt es viele – die Versorgung kurzerhand einstellt. Von diesen Alltagsnöten der Iraker kam EU-Kommissar Piebalgs während seines Blitzbesuchs in Bagdad wenig mit. Vom Flughafen ging es direkt in die Grüne Zone, wo er im gepflegten Pressesaal des Ministerrats den Irakern die Zusammenarbeit mit den Europäern anpries.
Besonders auf dem Feld der erneuerbaren Energien habe Europa den Irakern viel zu bieten, sagte Piebalgs. Dabei klang er beinahe wie ein Handelsreisender in Sachen ökologischer Nachhaltigkeit. „Der Klimawandel betrifft auch die energiereichen Staaten“, sagte Piebalgs. „Solarenergie ist deshalb enorm wichtig.“ Aber nicht nur EU-Kommissar Andris Piebalgs klang beinahe wie ein Handelsreisender in Sachen ökologischer Nachhaltigkeit den Einsatz von Sonnenkollektoren, auch die Verwendung von Erdgas wollen die Europäer im Irak stärken. „Wir wollen, dass der Irak ein sauberes Land wird“, sagte Piebalgs. Zweifelsohne hat Europa und nicht zuletzt Deutschland in diesem Punkt viel Know-how zu bieten. Im Gegenzug hoffen die Europäer, dass der Irak ein verlässlicher Energielieferant für den europäischen Markt wird.
Der Irak sei ein zentrales Bindeglied für die Energiesicherheit der EU, sagte Piebalgs. Er könne einer der wichtigsten Erdgaslieferanten für den südlichen Korridor werden. Dabei geht es vor allem um die Einspeisung von Erdgas in die geplante Nabucco-Pipeline. Im vergangenen Juli hatten die fünf beteiligten Transitländer – die Türkei, Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Österreich – ein Rahmenabkommen über den Bau der knapp acht Milliarden Euro teuren Erdgaspipeline unterzeichnet.
Bislang fehlen allerdings noch die Zusagen, die die Kapazitätsausnutzung garantieren. Länder wie Aserbeidschan und Turkmenistan, die für die nötigen Gasmengen sorgen könnten, werden auch von Russland und China heftig umworben. Iran, das weltweit über die zweitgrößten Erdgasreserven verfügt, fällt aus Sicht von westlichen Diplomaten wegen des Streits um sein Nuklearprogramm auf absehbare Zeit als Energiepartner aus. Umso wichtiger wird der Irak, der über große, aber weitgehend unerschlossene Erdgasreserven verfügt.
In der Europäischen Union schätzt man, dass der Irak fünf bis zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas in die Nabucco-Pipeline einspeisen kann. Das wäre zwischen einem Sechstel bis zu einem Drittel der Gesamtkapazität von rund 30 Milliarden Kubikmetern. Europa sei für den Irak der nächste Nachbar, sagte Piebalgs. Und er lockte die Iraker mit dem Hinweis, dass Europa den größten und offensten Energiemarkt zu bieten habe. Das war wohl vor allem eine Spitze gegen China, dessen Energiehunger ebenfalls ständig wächst.
Das Erdgas soll vor allem vom Akkas-Gasfeld kommen. Das Feld liegt in der ehemaligen sunnitischen Extremistenhochburg Anbar. Von dort plant die irakische Regierung eine Verbindung mit der „Arab Gas Pipeline“, die von Ägypten über Jordanien, den Libanon und Syrien in die Türkei führt, wo sie schließlich an die Nabucco-Pipeline andocken soll. Ein weiterer Anschluss ist vom Nordirak geplant, wo die Kurden auf den Feldern Khor Mor und Chamchamal bereits Erdgas fördern. Im vergangenen Jahr haben die österreichische OMV und die ungarische MOL jeweils einen Aktienanteil von 10 Prozent an den beiden Produktionsfirmen Dana Gas und Crescent Petroleum erworben. OMV und MOL gehören zum Konsortium der Nabucco-Pipeline. Bei OMV schätzt man, dass die kurdischen Felder bis in fünf Jahren rund 30 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr liefern.
Zwischen den Kurden und Bagdad tobt freilich ein heftiger Streit um die Energiepolitik. Wie unversöhnlich sich beide Seiten in dieser Frage gegenüberstehen, mussten beiden Firmen erfahren, die seit Juni als erste Erdöl aus Kurdistan exportierten. Weil sich Bagdad und Arbil nicht über Bezahlung der Exporte einigen konnten, haben die norwegische DNO und die türkische Genel Enerji ihre Exporte mittlerweile eingestellt.
Die Europäer hoffen auf eine langfristige Zusammenarbeit
Dass die strategische Partnerschaft in den politischen Turbulenzen untergeht, diese Sorgen machen sich die Europäer nicht. Im Kreis der europäischen Diplomaten geht man davon aus, dass sich der Irak weiter stabilisieren und sich in den nächsten Jahren zu einem der wichtigsten Energiemärkte entwickeln wird. Vor diesem Hintergrund ist die strategische Partnerschaft ein zentraler Eckpunkt, um die Diversifzierung des europäischen Gasmarkts voranzubringen.
Um sicherzustellen, dass der Irak ein zuverlässiger Lieferant wird, sieht das Abkommen eine weitgehende Zusammenarbeit vor. Neben der Reformierung des Energiesektors wollen die Europäer die Iraker auch bei der Ausarbeitung des rechtlichen Rahmens und der Öffnung seiner Märkte unterstützen. „Wir setzen über Energiefragen hinaus auf eine langfristige Partnerschaft mit dem Irak“, sagte Piebalgs. Ölminister Shahristani versicherte seinerseits, dass die sozusagen vor Torschluss verabschiedeten Verträge auch nach den für den 7. März angesetzten Parlamentswahlen Bestand haben werden.
Außerhalb des schicken Konferenzsaals werden freilich leicht Zweifel wach. Um das kleine Gebäude steht eine Reihe von Containern, in denen Teile des Verwaltungsapparats unterbracht sind. Am Ende könnten die Beschlüsse der jetzigen Regierung so vergänglich sein wie die Container. Manchmal werden aus Provisorien aber auch dauerhafte Fundamente. Darauf setzt man bei der Europäischen Union.
Fotos: Atef Hassan (REUTERS) (1), Jamal Saidi (REUTERS) (1)











