Irak 2.0: Stille Post
10.05.2010  | Ahmed Fadil   

Meinung & Analyse / Wirtschaft
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E-Mails verschwinden im digitalen Nirwana, Homepages sind virenverseucht, Ausschreibungen nicht zu finden. Der Marktanalyst Ahmed Fadil sagt: Wenn der Irak Geschäfte machen will, muss sich das schleunigst ändern


Wenn man Websites von irakischen Firmen oder Behörden aufruft, weiß man oft nicht, ob man lachen oder weinen soll: Der Browser warnt „Viren könnten Ihren Computer schädigen“ oder die Informationen sind nur auf Arabisch, nicht auf Englisch verfügbar. Entweder funktioniert der Link nicht, oder die Seite ist seit Monaten „under construction“. Ein Ministerium tut sogar nur so, als hätten sie eine englisch-sprachige Sektion. Klickt man aber auf den Knopf mit der Aufschrift „Englisch“, merkt man: Es ist lediglich ein Screen-Shot, also ein Abbild. Einen kleinen Schock ereilt den europäischen Nutzer auch beim Anblick so mancher Webseite offizieller Institutionen: schreiend bunte Designs mit verschiedenen Schrifttypen, dazu Glitzersternchen und fliegende Schmetterlinge.

Über den Autor
Ahmed Fadil (31) hat seinen Bachelorabschluss in Elektroingenieurswesen in Bagdad und seinen Masterabschluss in New York erworben. Er ist als Marktanalyst mit Spezialgebiet Technologie und Business Intelligence tätig. Derzeit arbeitet er für ein Unternehmen in Deutschland.

Abgesehen von solch technischen Skurrilitäten gibt es häufig ganz banale praktische Probleme. Lokale Behörden, die zu Investitionen aufrufen, vergessen, E-Mail-Adressen der Ansprechpartner anzugeben. Wer sich melden will, findet nur eine anonymes E-Mail-Formular. Manchmal fehlen Telefonnummern. Wen soll der Unternehmer und wie ansprechen?

Bei der professionellen E-Mail-Korrespondenz hapert es besonders: Selbst die staatliche Öl-Gesellschaft, die 90 Prozent des irakischen Öls verwaltet, hat, wie die meisten staatlichen Institutionen im Irak, nur Yahoo-Mail-Accounts. Nichts gegen diesen Konzern, aber: Es ist einfach kein professionelles Mailsystem für den beruflichen Bedarf, sondern für den privaten Nutzer konzipiert. Anfragen landen oft im Junk-Mail-Filter, die Adressen wirken unprofessionell und wenig vertrauenserweckend. Zudem könnte sich jeder eine ähnliche Adresse zulegen, und so wäre dem Betrug Tür und Tor geöffnet.

Das ganze Ausmaß der Informationsmisere zeigt sich bei Ausschreibungen großer Staatsunternehmen oder Ministerien. Die Ausschreibungen findet man oft nicht auf ihren Homepages, sondern sie werden - mittlerweile auch zweisprachig - in den Printausgaben irakischer Zeitungen veröffentlicht. Das alles kostet den Staat viel Geld und die Frage ist: Wer liest diese Ausschreibungen? Außerdem sind die Fristen oftmals viel zu kurz angesetzt, meist nur 14 Tage. Bis westliche Unternehmer die Ausschreibung zu sehen bekommen, sind schon 3 bis 4 Tage vergangen. Dann muss die Firma noch die Details der Ausschreibung kaufen und andere bürokratischen Hürden erklimmen. Die irakischen Behörden und Unternehmen handeln noch immer so, als lebten wir in den achtziger Jahren. Damals hatte jede ausländische Firma eine Filiale in Bagdad und verfügte über Mitarbeiter, die jeden die Zeitung nach Ausschreibungen durchforsteten.

Hätten alle wichtigen Behörden und Staatsunternehmen im Irak einen akzeptablen Webauftritt, aktuelle Informationen auf Englisch und Kontaktdaten, bräuchte Sami Al-Araji, der Vorsitzende der Investitionsbehörde, nicht händeringend um ausländische Investoren werben. Vielleicht würde der eine oder andere Investor einfach zum Telefon greifen. Früher hat das schließlich auch geklappt, wie die Geschichte der irakischen Wirtschaftsbeziehungen vor allem zu Deutschland in den siebziger und achtziger Jahren beweist.

Denn die Iraker sind nicht von Natur aus unorganisiert. Vor 2003 hatten wir ein gut funktionierendes Postsystem, das es in anderen arabischen Staaten in dieser Form nicht gab. Die Briefe kamen schnell und sicher beim Empfänger an, wie hier in Deutschland. Da hat die Logistik gestimmt. Es gab ja auch nichts anderes unter Saddam: Internet war den meisten Bürgern nicht zugänglich, Faxen war das höchste der Gefühle - und das auch nur bei großen Behörden und Staatsunternehmen.

Es ging einfach alles sehr schnell: Der Irak wurde 2003 von jetzt auf gleich von einem völlig isolierten Staat mit sehr kontrolliertem Informationsfluss in eine globalisierte Welt mit einer Flut an Informationen und neuen Kommunikationstechniken gestoßen. Hinzu kam, dass manche Firmen und Behörden, als sich die Sicherheitslage zunehmend verschlechterte, keine Postadressen oder Telefonnummern veröffentlicht haben; sie hatten Angst, bedroht zu werden. Allerdings lasse ich das so nicht gelten. Im Irak haben sich Handys sehr schnell durchgesetzt, die Behörden und Firmen hätten sich Geschäftshandys zulegen können. Man muss schließlich irgendwie erreichbar sein.

Eine große Rolle bei der Technologie-Misere spielt die immer noch schwache Infrastruktur: Der Strom fällt oft aus, das Festnetz ist nicht wirklich ausgebaut, das Internet entsprechend langsam. Das Vorhaben, das irakische Netz durch Tiefseekabel mit dem hyperschnellen Netz der Vereinigten Arabischen Emiraten zu verbinden und ganze Provinzen mit Glasfaserkabeln auszustatten, ist ins Stocken geraten. Immerhin ist der Iraker flexibel und steigt auf hypermoderne Technik um: kabelloses Internet durch Wireless-USB-Sticks. Damit kann man online gehen, egal, wo man gerade ist und zahlt pro Kilobyte über eine aufladbare Karte. Mit den Sticks ist man unabhängig von quälend langsamen Verbindungen wie im Internetcafe, wo eine Stunde zirka 0,75 Euro kostet - beinahe so viel wie in Deutschland.

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Bleibt noch das Problem der Software. Da Copyright-Gesetze fehlen oder nicht streng umgesetzt werden und die großen internationalen Softwarekonzerne keinen Vertrieb im Irak haben, gibt es sehr selten Originalversionen von Computerprogrammen. Diese kann man nur in Jordanien, Saudi-Arabien oder im Libanon kaufen. Der Irak wird in großem Stil mit Raubkopien aus Syrien versorgt, wo es keinerlei Copyright-Verträge mit den IT-Branchenriesen gibt; der Schwarzhandel mit Raubkopien blüht. Die Händler oder Kopierer dieser Piraterie-Produkte fühlen sich dabei sicher. Auf den Raubkopien sind sogar oft ihre vollen Namen und Handynummern angeben.

Die Folge der Computer-Piraterie für den Nutzer: Man kann man keine Updates machen, die Versionen veralten, werden nicht gut vor Viren und anderen Schadprogrammen geschützt. Es ist aber auch eine Geldfrage: Eine Raubkopie kostet zirka ein Euro, das Original das Hundertfache. Der Irak müsste mehr gegen die Software-Piraterie tun, doch noch fehlt das Bewusstsein dafür, wie sehr sie der Volkswirtschaft schadet. Das Land hat im Moment auch drängendere Probleme, viele Entscheidungsträger denken: „Zuallererst schützen wir unsere Familie, dann unser Land, dann unsere Wirtschaft und dann erst schützen wir das geistige Eigentum“.

Dennoch gibt es vielversprechende Ansätze, beispielsweise die derzeitigen Initiativen, E-Government im Irak einzuführen. Allerdings braucht die Umstellung Zeit, und ich befürchte, dass vieles nur Schönheitsreparaturen sind. Manche Neuerungen werden zwar begeistert aufgenommen, dann aber schlecht umgesetzt. Viele Behörden zentralisieren mittlerweile den Informationsfluss, es gibt eine E-Mail-Adresse, bei der alle Mails ankommen. Man hält das für effizient, doch im schlimmsten Fall verschwindet die Mail im digitalen Nirwana. Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Ich habe einmal eine Mail mit einer Broschüre im Anhang an ein großes Staatsunternehmen im Irak geschickt. Als sich niemand darauf gemeldet hat, habe ich telefonisch nachgefragt, mehrere Mitarbeiter mussten stundenlang suchen, um die Mail zu finden. Dann konnten sie sie nicht öffnen, weil der Anhang zu groß war. Schließlich habe ich die Broschüre per Expresspost in den Irak geschickt, ein zeitlicher und finanzieller Aufwand, der völlig unnötig gewesen wäre, wenn die elektronische Infrastruktur gestimmt hätte.

Vor allem staatliche Institutionen haben großen Nachholbedarf. Die Verantwortlichen sind schon im gesetzten Alter, haben keinen Bezug zu modernen Medien wie die Jugend, es herrscht Missmanagement und Korruption. Kurz: Wer das irakische Behördensystem nicht kennt, braucht nicht in den Irak zu fahren. Er muss sich nur die Websites ansehen.

Wenn die Behörden und Staatsunternehmen diese Sache nicht bald in die Hand nehmen, wird eine ganz neue Branche davon profitieren: Die privaten Informations-Händler, die beispielsweise Ausschreibungen sammeln, Hintergrundinformationen zu Projekten, Analysen und Daten bereitstellen und an zahlende Mitglieder weiterleiten. Wenn sich dieses Modell durchsetzt, ändert sich an der Informationsmisere wenig. Jeder braucht dann einen Info-Vermittler, der seine Informationen exklusiv und meistbietend verkauft. Zum Schaden der breiten Öffentlichkeit. Sie kann sich auch nicht auf den irakischen Wirtschaftsjournalismus verlassen, denn der ist ebenfalls noch unterentwickelt. Falschmeldungen und Fehler bei Zahlenangaben sind in irakischen Medien an der Tagesordnung.

Im Vergleich dazu sind andere Länder der Region viel weiter, zum Beispiel die Vereinigten Arabischen Emirate. Dort findet man alle Informationen benutzerfreundlich im Internet, die Firmen und Behörden haben fast bessere Webauftritte als die in Europa. Ich denke, das liegt daran, dass die Emiratis sehr technikvernarrt sind und in den meisten Unternehmen und selbst in Behörden viele westlichen Ausländer arbeiten. Englisch ist zudem in den Emiraten die „Amtssprache“ der Arbeitswelt. Im Irak sind wir davon noch weit entfernt. Nachdem das Land so lange politisch wie wirtschaftlich isoliert war, können nur wenige Englisch. Auf der anderen Seite gibt es sehr viele gut ausgebildete Iraker überall in der Welt, die ausländischen Unternehmen bei Projekten im Irak helfen könnten.

Alle Welt hilft dem Irak beim Wiederaufbau, doch der Bereich IT und Kommunikation wurde – diesen Eindruck habe ich – dabei eher vernachlässigt. Auch die großen ausländischen Firmen scheinen die Chance, die in dieser Aufgabe liegt, auch noch nicht begriffen zu haben. Sie suchen sich immer Verhandlungspartner, die in ihren Unternehmen Einfluss und eine hohe Position haben. Diese Leute sind aber meist älter und wenig flexibel, was Neuerungen und technologischen Fortschritt angeht. Da werden die Geschäfte wie in den alten Zeiten abgewickelt, über Vermittler und Leute mit Kontakten. Die kleineren und mittelständischen Unternehmen haben diese Kontakte aber nicht und sind auf transparente Informationswege angewiesen.

Wir brauchen große globale IT-Konzerne im Irak. Sie können Werbung für ihre Produkte und Dienstleistungen machen und damit ein Bewusstsein schaffen für die Möglichkeiten moderner Technologie. Gleichzeitig könnten sie Trainings anbieten. Zwar gab es nach 2003 viele Computerkurse, angeboten vor allem von den Amerikanern. Aber die Nachhaltigkeit fehlte. Es ist ja schön, wenn die Angestellten mit Word und Excel umgehen können. Wer aber hält die Websites auf aktuellem Stand? Wer programmiert sie? Wer sorgt für den Virenschutz? Warum nicht eine richtige Ausbildung für Informatik-Absolventen anbieten, damit sie nicht nur die Theorie lernen und Webseiten programmieren, sondern diese auch ganz praktisch verwalten können und Programme bedienen lernen? Die Frage ist, wer das machen und finanzieren könnte.

Dass es von entscheidender Bedeutung für die Zukunft des Landes ist, am globalen Informationsfluss teilzuhaben, steht außer Frage. Wenn der Unternehmer seine Informationen alle online findet, kann er es auch ertragen, wenn ein virtueller Schmetterling ein wenig zu heftig mit den Flügeln schlägt.

 

Protokoll von Lili Oberndorfer

 

Foto: Sabah Arar (AFP/Getty Images)