Meinung & Analyse / Wirtschaft
Die irakischen Banken haben sich in den vergangenen sieben Jahren mächtig angestrengt, um Anschluss an das moderne Zahlungs- und Kreditwesen zu finden. Aber noch haben sie das Vertrauen ihrer Bürger und vor allem der Unternehmer nicht gewonnen
So mancher Iraker ist stolz darauf, dass sich die Ursprünge des modernen Kreditwesens ins alte Bagdad zurückverfolgen lassen. Historiker berichten, dass der Scheckverkehr bereits zur Zeit des legendären Kalifats Harun Al-Rashid vor mehr als 1200 Jahren recht gut entwickelt war; von dem Wort "Šakks" wurde später der "Scheck" abgeleitet. Vor 7 Jahren war von diesem Glanz nicht mehr viel übrig. Staatssozialismus, Krieg, Blockade und Hyperinflation hatten irakische Geldinstitute um Jahrzehnte zurückgeworfen. Die Reformierung des Kreditsystems hatte nach 2003 deshalb höchste Priorität.
Geburtshelfer des modernen Bankwesens
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Zunächst wurde die Irakische Zentralbank (CBI) neu gegründet. Zum ersten Mal in der Geschichte des Zweistromlands wurde ihr zugestanden, dass sie ihre Geldpolitik unabhängig vom Finanzministerium betreiben kann. Eine Errungenschaft, die die Führung der CBI um deren Chef Sinan Al-Schibibi bis heute sehr wohl zu verteidigen weiß. Gleichzeitig wurde die Liberalisierung des Kreditwesens vorangetrieben. Viele Hindernisse für die Tätigkeit privater Banken wurden aufgehoben. Ausländischen Banken wurde erlaubt, Filialen im Irak zu eröffnen und damit beim Wiederaufbau des Landes mitzuverdienen. Das Devisenmonopol des Staates wurde abgeschafft. Bürger und Unternehmer können heute Konten mit ausländischen Währungen einrichten lassen und darüber frei verfügen.
Die Reformen haben sich ausgezahlt. 21 Banken sind inzwischen auf der Bagdader Wertpapierbörse notiert, ihre Aktien gehören zu den meist gehandelten Papieren. Die Branche hat aber immer noch mit vielen Problemen zu kämpfen. Die fragile Sicherheitslage ist nur eines davon. Das Stocken des Reformprozesses ist auch mitverantwortlich dafür, dass die Banken ihrer Rolle beim Wiederaufbau nicht voll gerecht werden können. Das Banken- und Versicherungsgewerbe trägt nicht mal ein Prozent zum irakischen Bruttoinlandsprodukt bei. Zum Vergleich: in Deutschland beträgt sein Anteil etwa fünf Prozent. Obwohl die Iraker zunehmend die Vorteile der Giro- und Sparkonten entdecken, werden Geschäfte überwiegend über Bargeld abgewickelt. Sogar Großbetriebe sind immer noch gewohnt, Gehälter an ihre Angestellte bar zu zahlen. Geschäftsleute klagen, dass Banküberweisungen schlecht organisiert sind, zu bürokratisch und viel zu lange dauern. Deshalb werden Geldtransaktionen sehr oft von Wechselstuben nach der traditionellen Hawala-Methode abgewickelt: Geld wird inoffiziell über Vermittler an verschiedenen Orten und verschiedene Personen übergeben. Alles geschieht auf Vertrauensbasis ohne Nachweise.
Staatliche Banken geben den Ton an
Insgesamt gibt es heute im Irak 43 Banken: sieben staatliche und 36 private, sechs von ihnen gehören ausländischen Geldinstituten an. Die privaten Banken haben sich in den vergangenen fünf Jahren beachtlich entwickelt. Ihre Zahl hat sich mehr als verdoppelt, die Anzahl ihrer Filialen stieg von 100 auf 600. Gleichzeitig erhöhte sich ihr Kapital um ein Vielfaches von 60 Millionen auf 1,6 Milliarden US-Dollar. Sie sind landesweit präsent, entwickeln ihre Dienstleitungen ständig weiter und werden allmählich ein ernstzunehmender Konkurrent für die staatlichen Banken. Trotzdem darf ihre Bedeutung nicht überbewertet werden. Ihr Anteil am Gesamtkapital der Branche beträgt gerade die Hälfte. Bei den Geldeinlagen und der Kreditvergabe wird es noch deutlicher: Während die sieben staatlichen Banken etwa drei Viertel aller Geldeinlagen verwalten und genauso soviel an Kredite vergeben, sind die 36 privaten Banken daran nur mit 25 Prozent beteiligt. Deshalb kritisieren sowohl Geschäftsleute als auch Wirtschaftsexperten, dass sich private Banken bei der Kreditvergabe an Unternehmen und Investoren bis jetzt auffällig zurückhalten.
Geld horten statt investieren
Die zweistelligen Inflationsraten in den Jahren 2005 bis 2007 wurden zu einer ernsten Bedrohung für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Die CBI reagierte mit einer drastischen Erhöhung der Leitzinsen, 2007 erreichten sie mit mehr als 20 Prozent einen Spitzenwert. Das hatte auch negative Konsequenzen: Vor allem private Geschäftsbanken legten einen großen Anteil ihrer Gelder bei der CBI an, um ohne Risiko satte Gewinne zu erzielen. Und vergaßen damit ihre eigentliche Aufgabe, nämlich finanzielle Ressourcen zu mobilisieren und Investition im privaten Sektor zu fördern.
Es zeigte sich aber, dass die Irakische Zentralbank auf die richtige Karte gesetzt hatte. Die Inflationsrate betrug Anfang 2010 nur noch 6,1 Prozent, die Zentralbank hatte wieder Spielraum, die Leitzinsen auf gegenwärtig sieben Prozent herabzusetzen. Gleichzeitig beschloss sie, das Mindestkapital privater Banken bis 2013 auf etwa 230 Millionen US-Dollar zu erhöhen. Sie hoffte und hofft weiter, private Banken damit für die Zukunft zu wappnen und das Vertrauen der Bürger in das irakische Banksystem zu stärken. Die privaten Geldinstitute sind aber skeptisch, ob sie diese Auflagen rechtzeitig erfüllen können: Abdul Aziz Al-Hasson, Vorsitzender des Verbandes privater Banken verlangte, den Zeitraum für die Kapitalaufstockung zu verlängern und riet kleinere Banken, miteinander zu fusionieren. Gleichzeitig fordern private Banken Chancengleichheit und mehr Wettbewerb: Ministerien und staatliche Behörden bevorzugen bei ihren Geschäften immer noch staatliche Banken.
Die Angst vor der Inflation
Viele Iraker können sich trotz relativ hoher Zinsen kaum für Sparkonten erwärmen. Das hängt wohl mit ihren Erfahrungen mit der Hyperinflation während der 90er Jahre zusammen. Damals wurden viele um das Ersparte ihres Lebens betrogen, heute legen sie ihr Vermögen lieber in Sachwerten wie Gold oder Immobilien an. Selbst wenn sie ihr Geld den Banken hätten anvertrauen wollen - vor allem in kleinen Städten und auf dem Lande gibt es kaum Filialen, im gesamten Land kommt durchschnittlich eine Niederlassung auf 30.000 Menschen. Die Banken müssen nicht nur ihr Netz erweitern, sie müssen auch ihre Dienstleistungen verbessern und ihre Produkte den Bedürfnissen anpassen.
Bessere Angebote im Namen Allahs
Auch das Islamic Banking könnte dazu beitragen, mehr Kunden für die Banken zu gewinnen. Das Zinsverbot im Islam verbaut vielen Muslimen den Weg zu traditionellen Geschäften, viele finanzielle Ressourcen liegen brach. Im Gegensatz zu anderen islamischen Ländern blieb der erwartete Wachstumsschub des Islamic Banking im Irak aber bisher aus. Die sieben islamischen Banken führen eher ein Schattendasein und haben große Schwierigkeiten, im Wettbewerb mit den besser organisierten staatlichen Banken mitzuhalten. Die Irakische Islamische Bank, die älteste ihrer Art, hat gerade 10 Filialen im gesamten Land und verfügt über Eigenkapital von etwa 50 Millionen US-Dollar. Aber nicht nur die islamischen, sondern auch die anderen Geschäftsbanken sind gefordert, mehr Produkte anzubieten, die den islamischen Grundsätzen entsprechen. Scharia-konforme Finanzierungsmethoden wie Mudaraba, Murabaha und Idschara könnten durchaus die Sparbüchsen manch gläubiger Menschen öffnen und damit das notwendige Kapital für dringend benötigte Investitionen bereit stellen.
Das Ziel: modern und überall verfügbar
Ohne ein modernes Banksystem ist ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum im Irak kaum möglich. Investoren, ob ausländische oder einheimische, brauchten attraktive Standorte. Sie wollen moderne und schnelle Zahlungsmethoden, sie wollen ihre Geschäfte nicht mehr über Bargeld abwickeln, allein schon wegen der Gefahr von Diebstahl und Raubüberfällen. Zwar bieten die Banken die modernen Methoden auch schon an – aber noch nicht flächendeckend. Sie brauchen, wie schon erwähnt, mehr Filialen, sie brauchen aber auch eine bessere technische Ausrüstung und geschultes Personal, um zum Beispiel Online-Banking anbieten zu können. Über das Internet lassen sich viele Geldgeschäfte schnell, flexibel und kostengünstig abwickeln. Der Erfolg hängt aber natürlich auch davon ab, ob die Kunden solche Angebote annehmen. Eine Kampagne zur Aufklärung über die Vorteile des Online-Banking könnte dazu beitragen, seine Akzeptanz unter der Bevölkerung zu stärken – in einem Land, in dem das persönliche Gespräch eine hohe Bedeutung hat.
Foto: Ali Al-Saadi (AFP/Getty Images)











