Bagdad-Briefings Teil 24: Das große Fressen
06.08.2010  | Abu Ghada   

Meinung & Analyse / Wirtschaft
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Der Irak ist in allen vier Himmelsrichtungen von Nachbarstaaten umzingelt, die mit aller Macht ihre Interessen im Land durchsetzen wollen


Es war zu erwarten: Der Weltsicherheitsrat „drängte“, „appellierte“ und „empfahl“ in verbal unverbindlicher Form und überließ das irakische Volk den Ambitionen und Launen der um ihre Konfessions-, Partei- und Privatinteressen konkurrierenden, von ausländischen Kräften dirigierten Politikern. Um genauer zu werden: Das Tohuwabohu der politischen Situation und die Ungewissheit des Schicksals des irakischen Volkes werden selbst nach der Meinung westlicher Analytiker und Kenner der Lage anhalten.

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Einige dieser Insider weisen daraufhin, dass die größte Gefahr aus dem Iran kommt, gefolgt von der Türkei, Saudi-Arabien und Syrien. Mit anderen Worten heißt dies, der Irak ist in allen vier Himmelsrichtungen von Nachbarstaaten umzingelt, die mit aller Macht und mit allen Mitteln, vor allem mit Geld, Waffen und politischem Einfluss, darum konkurrieren, ihre Agenden im Irak durchzusetzen. Die Gefahren dieser Konkurrenz haben sich auf den Irak niedergeschlagen, so dass das Land konfessionell und politisch zerstritten und zerspalten ist.

Der Iran schwört im Namen des für ihn höchst-heiligen Imamen Ridha, nicht zuzulassen, dass Iyad Allawi das Amt des Ministerpräsidenten, das heißt die höchste Macht im Irak, übernimmt. Saudi-Arabien schwört im Namen der Kaaba von Mekka, dass es Maliki nicht die Hand reichen und dessen Verbleib in seinem Amt nicht zulassen wird.

Gesagt wird auch, dass die Amerikaner angesichts dieses Widerstreits äußerst beunruhigt seien. Obwohl sie die Unterstützung der Türkei, Syriens und Saudi-Arabiens für Allawi befürworten, ziehen sie ein Bündnis zwischen Maliki, Allawi und den Kurden vor, damit diese drei Seiten im friedlichen Dialog ihre ethnisch-konfessionellen Probleme erörtern und behandeln und sie selbst ihre Truppen aus dem Irak beruhigt abziehen können, ohne eine zukünftig iranische Kolonie zu hinterlassen.

Andere westliche Analytiker sehen diesen in diesem Hexenkessel eine „politischen Rauferei“, befürchten, dass die Gewalt eskalieren und das Gemetzel unter den Konfessionen wieder beginnen können. Nicht auszuschließen sei auch eine Wiederauflage des „arabisch-kurdischen Konflikts“.

Dritte westliche Analytiker befürchten, dass sich wieder ein totalitäres Regime etablieren oder das Militär putschen könnte. Die Berichterstatter von Reuters Michael Christie und Jim Loney bemerken dazu, dass eine Änderung der irakischen Verfassung den Machthabern erlauben werde, ihre Kräfte im Sinne ihrer Partei- und Privatinteressen zu mobilisieren und ihre Macht zu konsolidieren, um solange wie möglich an der Macht zu bleiben – was einen Militärputsch unumgänglich machen würde. In beiden Fällen würden die bisher verwirklichen demokratischen Schritte nichtig gemacht und die junge Demokratie zu einem Instrument der totalitären Machthaber werden.

Auf der Ebene der Sicherheit besteht laut den westlichen Beobachtern die Gefahr, dass sich die Terroristen der Qaida und dessen so genannten „Islamischen Staates im Irak“ mit den bewaffneten Gruppierungen der Baath-Partei und den kurdischen Rebellen vereinigen. Noch gefährlicher wäre ein Anschlag der Qaida auf eine relevante religiös-heilige Stätte – gleich ob sunnitisch oder schiitisch – oder die Ermordung einer religiösen Symbolfigur, um die Iraker in einen Konfessionskrieg von der Art der Jahre 2006 und 2007 zu verwickeln.

Ungeachtet dieser verworrenen Lage und des bisherigen Scheiterns der irakischen Politiker, etwas im Dienste des irakischen Volkes zu verwirklichen, gibt es unter uns Irakern doch noch Optimisten. Sie sehen eine Möglichkeit, die Beziehungen zwischen den Politikern durch einen konstruktiven Dialog zu normalisieren, die Macht friedlich rotieren zu lassen und den Konflikt wischen den Arabern und Kurden des Irak, vor allem um den Status quo von Kirkuk, auf friedlichem Wege zu lösen. Sie hoffen auf das Wiedererwachen des Nationalgefühls und das Bewusstseins der Politiker (und nicht der Bevölkerung, denn sie besitzt dieses Gefühl und Bewusstsein und hat es zu keiner Zeit verloren), dass man das Land von jedem ausländischen Einfluss befreien und einen einheitlichen, freien, demokratischen Irak aufbauen muss. Ein Land, in dem es weder konfessionalistische Tendenzen noch Korruption gibt und sich Partei- und Privatinteressen nicht gegen das Allgemeinwohl durchsetzen können.

Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten.

 

Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)