Bagdad-Briefings Teil 27: Grüner wird’s nicht mehr
31.08.2010  | Abu Ghada   

Meinung & Analyse / Wirtschaft
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Wie Immobilienhaie mit Parteibuch sich die Green Zone unter den Nagel gerissen haben


Die meisten neu gewählten Parlamentarier, vor allem jene, die aus der Provinz stammen, suchen nach Miethäusern in Bagdad außerhalb der Grünen Zone, nicht weil sie es verschmähen würden, sich in der verbarrikadierten Grünen Zone vor dem einfachen Menschen zu schützen, sondern weil sie feststellen mussten, dass ihre Vorgänger im Abgeordnetenhaus und in den seit 2003 aufeinanderfolgenden Regierungen bereits die meisten Häuser und Wohnungen innerhalb der Grünen Zone gekauft oder sich auf anderweitiger Weise unter den Nagel gerissen haben und sie – die Newcomer – zu spät gekommen sind.

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Einige der Neuankömmlinge haben sogar durchsickern lassen, dass der Präsident des Gremiums für die Lösung von Immobilienkonflikte in der Grünen Zone Ahmed Al-Barrak gefeuert wurde, weil er sich gegen dunkle Immobiliengeschäfte innerhalb der Grünen Zone quergestellt hatte.

Für den verehrten Leser, der es nicht wissen sollte, sei an dieser Stelle bemerkt, dass die so genannte „Grüne Zone“ früher „Karradat Mariam“ hieß. Das Regime von Saddam Hussein hatte nach dem iranisch-irakischen Krieg von 1980 – 1988, der als „Erster Golfkrieg“ in die Geschichte eingegangen ist, die Häuser der Einwohner dieses Sektors, die auf einem Grundstück von jeweils 600 m2 – 1000 m2 gebaut worden waren, konfisziert und ihnen dafür Spottpreise gezahlt, sodass sich diese Einwohner – zu denen im Übrigen auch der Verfassers dieser Zeilen gehört – gezwungen sahen, in den Randgebieten von Bagdad ein weitaus kleineres Haus zu kaufen. Zweck dieser Zwangsevakuierung der eigentlichen Einwohner war, Regierungsverantwortliche und vor allem Angehörige des Geheim- und Nachrichtendienstes anzusiedeln, was auch geschah. „Karradat Mariam wurde dann absurderweise zum „Hai Al-Taschrie‘“, auf Deutsch „Wohnviertel der Gesetzgebung“.

Warum ich das alles erzähle? Nun, das o. g. Gremium wurde nach dem Sturz der Diktatur gebildet, um den ehemaligen Einwohnern dieses Viertel zu ihrem Recht zu verhelfen und sie für die Willkürmaßnahmen des vorigen Regimes zu entschädigen. Dass dies aber nicht geschah und auch niemals geschehen wird, kann ein jeder Normalbürger, wie der Verfasser dieser Zeilen, bezeugen, in dessen Schreibtischfach eine dicke Akte liegt, die das Resultat unzähliger, unendlicher Rückfragen, Beschwerden und Vorgänge sind, währenddessen andere ehemalige Einwohner, die über das erforderliche Vitamin „B“ verfügen, zwar auch nicht in ihre Häuser zurückkehren dürfen, aber zumindest eine angemessene Entschädigung erhalten haben.

Nun, um zu Herrn Al-Barrak zurückzukommen: Unter seinem Vorsitz hatte dieses Gremium nichts für die Rechte des Normalbürgers unternommen. Wie dem, wenn er nur wegen einiger Proteste der Willkürmaßnahmen von Mitgliedern der neuen Regierung abgesetzt und durch einen noch regierungstreueren Mann ersetzt wurde?! Zu vergessen sei auch nicht, dass dieses Gremium dem Ministerrat untersteht und sein Budget von ihm erhält, also keine unabhängige Instanz ist. Somit kann dieses Gremium – auch wenn es integere Mitglieder umfassen sollte – nichts gegen die Korruption und die dunklen Geschäfte von Verantwortlichen der Regierung und regierenden Parteien unternehmen, denn wer seinen Mund aufmachen sollte, dem ereilt das gleiche Schicksal wie dem Ex-Präsidenten dieses Gremiums Al-Barrak.

Was wird nun aber mit den neuen Parlamentariern und Ministern der neuen Regierung, falls deren Bildung doch noch zustande kommen sollte? Ganz schlaue Iraker haben schon eine Lösung für diese armen Leute gefunden: Mit jeder neuen Legislaturperiode wird die Grüne Zone ausgedehnt, bis sie eines Tages ganz Bagdad umfasst und wenn Bagdad dann auch voll werden sollte, würden die Bagdader Randgebiete der Vertriebenen von Karradat Mariam zur Verfügung stehen! Dem einfachen Mann auf der Straße würde dann immer noch die Option offen stehen, einen Asylantrag in irgendeinem Land zu stellen.

Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten.

 

Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)