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05.12.2011  | Dr. Nagih Al-Obaidi   

Meinung & Analyse / Wirtschaft
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Die Iraker galten einmal als die Preußen unter den Arabern. Heutzutage untergraben unzählige Feiertage ihre Arbeitsmoral. Und die Regierung feiert eifrig mit


Neun Tage lang dauerten die Ferien zum diesjährigen Opferfest. Zwei Wochenenden und die dazwischen liegenden fünf Werktage blieben Anfang November die Tore aller Ministerien und öffentlichen Ämter geschlossen. Eigentlich besteht das Opferfest aus lediglich vier Tagen, aber die Regierung verschenkte, wie üblich, aus Kulanz einen Brückentag, damit die ganze Woche arbeitsfrei wird. In einem Industrieland würden viele Unternehmen Gefahr laufen bankrott zu gehen, wenn sie etwa anderthalb Wochen die Produktion einstellen, während Gehälter und andere fixen Kosten weiter laufen. Und auch im Irak beschweren sich vor allem private Unternehmen über zu viele Feiertage. Zwar liegen die gesetzlichen Feiertage mit insgesamt 17 noch im üblichen Bereich, wären da nicht die zahlreichen zusätzlichen Feste und Gedenktage.

Viele Anlässe, aber uneinheitlich

Neben dem 1. Januar und dem 1. Mai werden Iraker und Deutsche bald einen weiteren gemeinsamen Feiertag haben. Dann nämlich, wenn das neue irakische Gesetz verabschiedet wird. Am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Wiedervereinigung, will der Irak in Zukunft den Tag seiner Unabhängigkeit und Aufnahme in den Völkerbund, die Vorgängerorganisation der UNO im Jahre 1932, begehen. Fast alle anderen Feiertage im Irak sind aber religiöser Natur und hängen mit dem islamischen Kalender zusammen: etwa der islamische Jahresbeginn, das Ramadan- und Opferfest oder der Todestag von Imam Hussein. Das Problem dabei ist, dass sich Sunniten und Schiiten oft über den Beginn der Festlichkeiten uneinig sind. Deshalb sieht sich die Regierung veranlasst, zusätzliche Tage zu vergeben, um beide Seiten zu besänftigen - auf Kosten der Wirtschaft und der Effizienz der staatlichen Verwaltung.

Experten schätzen, dass jährlich etwa 100 Arbeitstage im staatlichen Sektor verloren gehen

Einer der gesetzlichen Feiertage ist der 10. Muharam, also der zehnte Tag im ersten Monate des islamischen Kalenders. An diesem Tag wird der Ermordung des Imams Hussein in Kerbala im Jahre 680 gedacht. Die Feierlichkeiten zum Ashura-Fest, dem wichtigsten Gedenktag der Schiiten dauern gleich mehrere Tage, das öffentliche Leben liegt praktisch lahm. Schon vor dem Gedenktag machen sich Hunderttausende auf dem Weg und pilgern zu Fuß nach Kerbala. Die Gläubigen lassen sich nicht einaml davon abschrecken, dass ihre Prozessionen in der jüngeren Vergangenheit oft Zielscheibe von blutigen Terroranschlägen waren.

Während der Diktatur von Saddam Hussein waren die Ashura-Rituale verboten. Die Freude war groß, als sich unmittelbar nach dem Sturz des alten Regimes Millionen an den Feierlichkeiten beteiligten. Heute haben sich die schiitischen Passionsspiele zu Ashura zu einem großen Spektakel aus Trauer, Geschäft und Politik entwickelt. Islamistische und schiitische Parteien versuchen, ihre Anhänger zu mobilisieren und die Zeremonien für ihre Politik zu instrumentalisieren, ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Verluste und andere Risiken. Auch andere Anlässe, die mit der Geburt beziehungsweise dem Tod schiitischer Imame zusammenhängen, werden so instrumentalisiert. Die Massenveranstaltungen sind mit einem hohem finanziellen und organisatorischen Aufwand verbunden. Sie werden von verstärkten Sicherheitsvorkehrungen flankiert, um die Massen vor möglichen Terrorangriffen zu schützen. Dabei kommt das Wirtschaftsleben in großen Gebieten weitgehend zum Erliegen.

Auch im Ramadan ist das so. Das Fest dauert offiziell drei Tage. Jedoch wird die offizielle tägliche Arbeitszeit während des Fastenmonats um eine Stunde verkürzt. Praktisch sinken die Produktivität und Arbeitsintensität in dieser Zeit auf einem Minimum. Zwar profitiert der Handel, ähnlich wie im Weihnachtsgeschäft in Deutschland, vom Ramadan. Der wirtschaftliche Nutzen kann die Verluste aber nicht annähernd auffangen.

Doch im Irak gibt es nicht nur muslimische Feiertage. Christen dürfen zum Beispiel am 25. Dezember der Arbeit fern bleiben. So summiert eine stattliche Zahl an Feiertagen, ein ungeheuerer Arbeitsausfall inklusive. Einige Wirtschaftsexperten schätzen, dass jährlich etwa 100 Arbeitstage im staatlichen Sektor verloren gehen. Das vergeudete Wachstumspotenzial lässt sich nur erahnen. Zum Vergleich: In Deutschland geht man davon aus, dass jeder ersparter Feiertag ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von etwa 0,1 Prozentpunkten bringt.

Das Ferienchaos ermuntert ausländische Investoren nicht gerade, sich im Irak zu engagieren. Katastrophale Folgen haben die Feiertage auch für den Bildungssektor, da die Schulen kaum genügend Zeit haben, den Unterrichtsstoff durchzunehmen.

Arbeitsmoral auf den Prüfstand

Die Iraker sind eigentlich für ihre Arbeitsamkeit bekannt und galten sogar lange als die "Preußen" unter den Arabern. In den vergangenen Jahren litt die Arbeitsdisziplin jedoch erheblich. Dies gilt insbesondere für Staatsorgane und Staatsbetriebe. Während die meisten Arbeiter, Bauern, Handwerker, Kleinunternehmer und Freiberufler nach wie vor hart und häufig unter schwierigen Bedingungen für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen, frönen insbesondere Staatsbedienstete ein Leben wie in einem Schlaraffenland. Viele Iraker kritisieren, dass vor und nach dem Opferfest die Arbeit im Parlament und in der Regierung fast still steht. Viele Abgeordnete und hohen Beamte gehören den islamistischen Parteien an und pilgern während dieser Zeit nach Mekka. Oft werden Sitzungen des Parlaments wegen fehlender Beschlussfähigkeit verschoben, weil einige Volksvertreter eine Art Dauerurlaub in Amman, Damaskus oder Teheran verbringen.

Die Bedeutung von Ferien und Urlaub für die Regeneration ist nur unbestritten, sie sind, siehe Tourismus, auch ein Wirtschaftsfaktor. Die Art und Weise, wie Feiertage heutzutage im Irak organisiert und begangen werden, sind mit einem rationellen Wirtschaften jedoch unvereinbar. Um das zu ändern, müsste die Regierung zunächst für klare rechtliche Rahmenbedingungen sorgen und diese auch durchsetzen. Sie muss sich endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass allein die Milliarden aus dem Ölgeschäft alle Wirtschaftsprobleme lösen. Eine nachhaltige Entwicklung erfordert in erster Linie auch eine maximale Auslastung des Leistungspotenzials der Bevölkerung. Dazu gehört eine bessere Ausnutzung der verfügbaren Arbeitszeit.

Als erster Schritt könnten etwa der Beginn und die Dauer der vielen religiösen Feiertage einheitlich und verbindlich geregelt werden. Auch eine Verkürzung beim Ramadan- und Opferfest wäre durchaus angebracht. Bei aller Sensibilität für diese Thema ist in der Gesellschaft eine offene Diskussion über Sinn und Zweck religiöser Feiertage zu führen. Feste, auch wenn sie mit tragischen Ereignissen in der Vergangenheit zusammenhängen, sollten Anlässe der Besinnung und Versöhnung sein. Ihre Politisierung sorgt immer für Unruhe, führt unausweichlich zu konfessionellen Spannungen – und damit zur Schwächung des Wirtschaftsstandorts Irak.

 

Foto: AHMAD AL-RUBAYE/AFP/Getty Images