Fadils Fazit: „Deutsche sollten öfter ja sagen“
03.08.2009  | Protokoll: Lilli Oberndorfer   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
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Der Elektroingenieur Ahmad Fadil aus Bagdad ist seit einigen Wochen Hospitant bei einem Unternehmen in Mannheim. Hier erzählt er, was Iraker und Deutsche voneinander lernen können und warum die Deutschen Kommunikationsmuffel sind


Klar, das allererste, was auch mir hier in Deutschland aufgefallen ist, war, dass die Gebäude, Straßen und Plätze schön, neu und gepflegt sind. Alles hier ist hoch technisiert. Mit Geld kann man ganz offensichtlich viel bewegen. Auch wir im Irak können mit Geld in einigen Jahren schöne moderne Gebäude bauen, Straßen asphaltieren und Gärten anlegen. Aber darum geht es nicht. Wir müssen den Schlüssel des Erfolgs finden. Nur so können wir etwas aufbauen, das nachhaltig ist, so wie es die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht haben.

Deshalb interessiert mich vor allem die Arbeitsmentalität der Deutschen. Denn Technologien kommen und gehen, die Wirtschaft ist mal oben und mal unten. Aber die Bildung und die Einstellung, etwas aufbauen zu wollen, ein gemeinsames Denken, das bleibt. „Technologien kommen und gehen. Was bleibt, sind Bildung und ähnliche Denkweisen“ Und nur das wird ein Land zu Höchstleistungen anspornen und es ihm ermöglichen, sich neuen Technologien und Ideen anzupassen oder diese selbst zu entwickeln. Wir Iraker müssen eine solche Aufbau-Mentalität erst noch entwickeln. Und das wird sehr lange dauern.

Ich betrachte Irak Horizonte als einmalige Chance für mich und meine Kollegen. Wir sind aus verschiedenen Regionen, haben verschiedene Sprachen, Religionen, aber wir sind alle eins – Iraker. Was wir hier voneinander und von den Deutschen lernen, können wir in unsere Heimat mitnehmen und dort umsetzen. Ich wünschte, es gäbe mehr Projekte dieser Art.

Die Deutschen lieben das Leben: sie wollen etwas aufbauen, Erreichtes bewahren, Neues entwickeln. Sie haben nach der Erfahrung des Kriegs nach vorne geschaut. Ihnen graut vor Rückschritt, Stillstand oder gar Zerstörung. Im Irak brauchen wir diesen fortschrittsgewandten gesellschaftlichen Konsens dringend. Doch unsere Gesellschaft im Irak muss zuerst zusammenwachsen und sich vom Grauen des Krieges und der Vergangenheit erholen. Erst dann können wir in die Zukunft blicken und ein Ziel haben, für das es sich lohnt, hart zu arbeiten.

Denn die Arbeitsleistung hat viel mit den Lebensumständen zu tun: Wenn ich in Bagdad aus dem Haus gehe, weiß ich nicht, ob ich abends heil zurückkomme. Ein Mensch in solch einer Situation gibt nicht hundert Prozent seiner Arbeitskraft. Er hat andere Sorgen und zweifelt vielleicht auch am Sinn seiner Arbeit und glaubt nicht an den Wiederaufbau.

Deutsch-Irakisches Klassentreffen in Berlin

Auch in anderen arabischen Ländern kann man die geringere Arbeitsdisziplin und Genauigkeit beobachten. Dort ist zwar kein Krieg, aber es sind die politisch starren Systeme, die auf den Menschen lasten und ihre Kreativität und Selbstverantwortung lähmen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Art, mit Fehlern umzugehen. In Deutschland werden bestimmt genauso viele Fehler gemacht wie im Irak. Das ist menschlich, jeder macht Fehler. Aber hier werden Arbeitsschritte und Projekte evaluiert. Wenn ein Fehler gefunden wird, wird nach den Ursachen geforscht. Die Menschen stehen zu ihren Fehlern und versuchen gemeinsam eine Lösung zu finden.

Im Irak werden Dinge oft unter den Teppich gekehrt oder Ergebnisse nicht kritisch untersucht. Deshalb können wir nicht aus unseren Fehlern lernen und es in der Zukunft besser machen. Diesen ehrlichen Umgang mit sich selbst, das lösungsorientierte Denken und der ständige Wunsch nach Weiterentwicklung ist sicherlich einer der Gründe für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands.

Während meines Praktikums habe ich die typisch deutschen Tugenden wie Ordnung und Pünktlichkeit kennengelernt. Meiner Meinung nach sind aber die strukturierten und systematischen Arbeitsabläufe wichtiger. Und die Balance zwischen Teamwork und eigenverantwortlichem Arbeiten hat mich beeindruckt. Allerdings finde ich, dass es trotz der guten Teamarbeit oft Kommunikationsprobleme bei den Deutschen gibt. Egal ob per e-Mail oder telefonisch: Da werden Informationen nicht weitergegeben oder Sachverhalte missverständlich dargestellt. Die Deutschen sind Kommunikationsmuffel.

Was mich wunderte, war die anfängliche Verschlossenheit der Deutschen. Es war für mich nicht leicht mit den Kollegen und vor allem mit den Menschen außerhalb des Unternehmens warm zu werden wie ich es vom Irak gewöhnt bin. Die Leute hier sind anderen gegenüber skeptisch und brauchen Zeit bis sie auftauen. Das ist schade.

„Iraker achten sehr auf das Zwischenmenschliche. Vielleicht können die Deutschen, was das anbelangt, von uns Irakern noch etwas lernen?“

Gerade im interkulturellen Bereich wirkt sich das negativ aus. Dabei sind die Deutschen in anderen Bereichen außergewöhnlich flexibel: Deutschland hat im Gegensatz zum Irak keine nennenswerten Öl- und Gasvorkommen und trotzdem gibt es hier ein bemerkenswert gutes Ingenieurswesen in der ölverarbeitenden Industrie. Das bedeutet, dass sie sich technisch auf die Bedürfnisse der Kunden einstellen.

Aber vor allem im Umgang mit Kunden aus dem arabischen Raum hapert es noch mit dem Einfühlungsvermögen. Zum Beispiel ist mir aufgefallen, dass die Deutschen sehr oft „nein“ sagen. Ein Kunde fragt: „Könnt ihr meine Ideen umsetzen?“ Und der deutsche Geschäftspartner sagt gleich „nein, nein! Das geht nicht.“ Er sollte sich aber flexibel und diplomatisch zeigen. Das ist in der Wirtschaft eine der wichtigsten Tugenden, besonders im Umgang mit Irakern. Die Iraker sind einfache Leute. Sie sind schnell für neue Dinge aus dem Ausland zu begeistern. Aber sie achten auch auf das Zwischenmenschliche. Vielleicht können die Deutschen, was das anbelangt, von uns Irakern noch etwas lernen.

 

Zur Person: Der dreißigjährige Ahmad Fadil hat seinen Bachelorabschluss in Elektroingenieurswesen in Bagdad und seinen Masterabschluss in New York erworben. Momentan pendelt er für den deutschen Kompressoren- und Pumpenhersteller HOVA zwischen Bagdad und Dubai. Derzeit absolviert er ein Praktikum bei KSB, einem führenden Hersteller von Industriepumpen in Frankenthal bei Mannheim.

 

Fotos: Ala Francis, 2 (WPI)