Anschläge in Bagdad: Die schwarze Neunzehn
20.08.2009  | Administrator   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
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Der irakische Widerstand hat mit den aktuellen Anschlägen ein Fanal geschaffen. Am selben Tag – am 19. August 2003 – detonierte eine LKW-Bombe vor dem UN-Gebäude in Bagdad und tötete 100 Menschen. Was bedeuten die aktuellen Angriffe für den Irak? Und was bedeuten sie für deutsche Unternehmer, die sich dort engagieren?


Gerne würde man die aktuellen Angriffe auf Ministerien in Bagdad klein reden, viel kleiner, als sie tatsächlich sind.

Zu positiv waren die Nachrichten aus dem Irak in der jüngsten Vergangenheit. Große Bildungsprojekte wurden angeschoben, Universitäten gegründet, Reformen verabschiedet, Straßen gebaut, Häfen erweitert und Krankenhäuser renoviert – auch mithilfe deutscher Firmen. Vielfach wurde der Wiederaufbau schon mit der Dynamik Westdeutschlands in den Fünfziger Jahren verglichen. Die Berichte deutscher Unternehmer, die sich im Irak engagieren, werden spannender, vielschichtiger und auf eine positive Weise zeitgemäß. Heute engagiert sich eine neue Generation von Mittelständlern im Land, die mit Verantwortung, Feingefühl und Klugheit vorgehen. Die ihre Aufträge ohne Schmiergeld an Land ziehen. Die per Internet, e-Learning und Satellitentechnologie geografische Barrieren überwinden und vor Ort unbürokratisch in die Ausbildung ihrer irakischen Geschäftpartner investieren.

Und dann dies: Mörsergranaten, Autobomben und Sprengsätze. Eine Autobombe nahe der Grünen Zone, vor dem internationalen Hotel Rasheed. Zeitgleich schlägt eine Mörsergranate in die Grüne Zone ein. Alle wichtigen Ministerien werden getroffen: Auswärtiges, Finanzen, Gesundheit, Handel und Wohnungswesen. Explosionen auch in Westbagdader Stadtteil Aadhamiya und im Zentralbagdader Salihiya (nahe dem Außenministerium und dem dazugehörigen Wohnkomplex). 100 Menschen wurden getötet, wohl mehr als 1.000 Menschen wurden verletzt.

Symbole, Botschaften, Machtgesten. Diese Attacken sind keine anarchischen Nadelstiche. Sie sind direkte Angriffe auf die amtierende irakische Regierung. Und auf die Verfassung des Landes – auf seine politische und gesellschaftliche Psyche.

Das hohe Maß an Koordination, mit der Ministerien (und Ziele in der bis dahin als sicher geltenden Grünen Zone) angegriffen wurden, schockiert nur Außenstehende. „Der Organisationsgrad des sunnitischen Widerstands war und ist enorm“, kommentiert ein Sicherheitsexperte die Attacken, für die ein Zusammenschluss von Baathisten, sunnitischen Extremisten und Al-Qaida verantwortlich gemacht wird. „Die Durchsuchungen der Bagdader Stadtteile durch US-amerikanischen Truppen im Jahr 2007 dürfte seinerzeit die Sicherheit erhöht haben. Aber seit Premier al-Maliki nach dem Abzug der amerikanischen Truppen aus den Städten die Barrieren und Kontrollpunkte abbauen ließ, war mit einer solchen Anschlagserie zu rechnen.“

Das Datum für die Anschläge ist historisch gewählt. Am 19. August 2003 zerstörte eine Autobombe das UN-Gebäude in Bagdad und tötete 100 Menschen. Die Ziele sind politisch, alle wichtigen Ministerien wurden getroffen. Die zeitliche Koordination – alle Explosionen ereigneten sich innerhalb nur einer Stunde – belegt den Organisationsgrad des Widerstands.

Symbole, Botschaften, Machtgesten. Diese Attacken sind keine anarchischen Nadelstiche. Sie sind direkte Angriffe auf die amtierende irakische Regierung. Und auf die Verfassung des Landes – auf seine politische und gesellschaftliche Psyche. Der Irak wird unsicherer, ist ein Stück weiter entfernt von Stabilität. Aber die Regierung wird sich zu wehren wissen. In der Lage dazu ist sie. Von Deutschland aus ist da wenig zu helfen. Runde Tische lassen sich für Parteien, die auf einem derart hohen Gewaltniveau agieren, nicht organisieren. Die Anschläge haben innenpolitische Bedeutung, und nur mit den Mitteln der Innenpolitik kann mit ihnen umgegangen werden.

Aber was bedeuten die Angriffe für den Wiederaufbau und für deutsche Unternehmer? Vor allem: Verzögerung. Sicherheit und innenpolitische Stabilität sind die Grundlagen für wirtschaftliche Dynamik. Konzerne und Mittelständler, die sich bereits im Land engagieren, werden ihre Projekte durchziehen. Nur eben langsamer. Denn je mehr schlechte Schlagzeilen der Irak in Deutschland macht, umso weniger Mitarbeiter finden sich für die Arbeit vor Ort. Umso wichtiger werden flexible Lösungen sein, um Iraker für Schulungen nach Deutschland zu holen.

Die Hotels in Arbil und in der lässigen Metropole Sulaimaniyah werden ausgebucht sein. Die Anschläge werden den Wiederaufbau im Irak nicht anhalten. Sie halten ihn nur auf.

Diejenigen Unternehmer aber, die sich erst jetzt für das Zweistromland interessieren, werden ihre Reisen nach Bagdad, Basra und Nadschaf noch eine Weile aufschieben. Oder sie gehen – wie viele andere – nach Arbil. Die Hauptstadt der Föderalen Region Kurdistan-Irak erlebt seit Jahren einen Boom. Je instabiler die Mitte und der Süden des Landes, umso mehr wird der Norden zum Gateway: Weil Iraker relativ unproblematisch in den Norden reisen können, bieten sich die Region für Meetings, Konferenzen und Trainings an.

Die Hotels in Arbil und in der lässigen Metropole Sulaimaniyah werden ausgebucht, aber wirkliche Markteinstiege in den Irak werden über Kurdistan weiterhin nicht zu realisieren sein. Dafür sind die beiden Märkte und Systeme – bewusst – viel zu stark voneinander getrennt. Jedoch wird ein Effekt der Unruhen im Zentral-Irak die innere Konsolidierung Kurdistans sein; allein schon in Abgrenzung gegen die arabische Unordnung. Ob dieses Zusammenrücken allerdings die in Kurdistan dringend notwendigen Reformen (gegen Korruption, für mehr Demokratie) begünstigen wird, ist zu bezweifeln.

Mitte Oktober wird in Arbil die internationale Industriemesse „Arbil International Fair“ stattfinden. Der Andrang ist weiterhin enorm. Von Abmeldungen hiesiger Unternehmer, die dort im deutschen Pavillon ausstellen wollen, ist bislang nichts bekannt. Die Messe wird also weiterhin Anlass sein für viele Treffen und Gespräche, die eigentlich den Irak zum Thema haben, und nicht Kurdistan. Denn an der Größe des irakischen Marktes hat sich nichts geändert, es gelten dieselben Regeln, Ausschreibungen stehen, Verträge und Partnerschaften werden weiterhin erfüllt. Das Essen wird mittelmäßig bleiben. Und die Menschen werden weiterhin warm, höflich, gastfreundlich und auf diese wunderbare Weise sensibel bleiben.

Nun wird es, leider, wieder etwas länger dauern, bis dieses wunderschöne Land normal wird.

 

Foto: Ali Al-Saadi (AFP/Getty Images)