Bagdad-Briefings Teil 1: Saddams Söhne, Honeckers Erben
22.02.2010  | Abu Ghada   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
E-mail   Print    


Der Autor unserer neuen Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten. Diese Woche: Die Buhmänner der Baath-Partei – und warum der Irak plötzlich Jagd auf alte Feinde macht


In der Versöhnung lag wohl mal die Kraft. Im Sommer 2006, nach konfessionellen Unruhen mit tausenden Toten startete Ministerpräsident Nuri Al-Maliki seine beherzte Initiative, die dem Gemetzel zwischen Glaubensbrüdern ein Ende setzen sollte. Die „Nationale Versöhnung“ sollte endlich zur Befriedung der Parteien führen - denn im Volk, zwischen Schiiten, Sunniten, Christen und anderen Glaubensgemeinschaften, innerhalb der einfachen Bevölkerung nämlich, gab es keinen Hass.

Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Saddams Söhne, Honeckers ErbenTeil 2: Der Club der weißen WestenTeil 3: Quo Vadis, Irak?Teil 4: Liebe Leute, bleibt auf dem Boden!Teil 5: Zu Risiken und NebenwirkungenTeil 6: Alles wird gut - InschallahTeil 7: Befreiung oder Besetzung?Teil 8: Hibhib und kein Hurra!Teil 9: Sag mir, wo die Millionen sindTeil 10: GhostbomberTeil 11: Du stirbst nur zweimalTeil 12: HimmelfahrtskommandoTeil 13: Spätkapitalistischer SalonbolschewismusTeil 14: Die ReisfrageTeil 15: Checkpoint Ali Bagdad-Briefings Teil 16: Konstituierende Bananenrepublik Bagdad-Briefings Teil 17: Hundejagd Bagdad-Briefings Teil 18: Hiob im Dunkeln Bagdad-Briefings Teil 19: Homerisches Gelächter

Hass wurde stets angezettelt. Von den Führern der Parteien, die nach dem Sturz der Saddam-Diktatur aus aller Herren Länder zurückgekehrt waren, und doch nie das Leid ertragen mussten, das die Iraker unter der Diktatur und dem Embargo Tag für Tag erlebten.

Leitfaden der Al-Maliki-Initiative war: Alle Iraker, auch die Baathisten, deren Hände nicht mit dem Blut des irakischen Volkes besudelt waren und die bereit sind, ihre Waffen niederzulegen, dürfen, nein, sie sollten sogar wieder am politischen Leben teilnehmen.

Es lief relativ gut. Maliki entsandte Delegationen ins Ausland, um mit Vertretern der verbotenen Baath-Partei über deren Teilnahme am politischen Prozess im Irak zu verhandeln. Im Westirak trennten sich Clanmitglieder von der Qaida und bildeten die Clanmilizen namens Sahwa, die nun selbst die Terroristen der Qaida erfolgreich verfolgten. Das Land wurde relativ sicher.

Über den Autor Der Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.

Aber o weh! Kurz vor den Parlamentswahlen am 7. März hat Herr Maliki plötzlich seine Meinung geändert, wohl wegen der Beschlüsse einer Pseudo-Gerechtigkeits-Kommission, für deren Bildung zwar ein Gesetz besteht, deren Mitglieder aber nicht vom Parlament bestätigt wurden. Aber auch, um die lieben schiitischen Konfessionsbrüder jenseits der Ostgrenze des Irak zufrieden zu stellen.

Diese selbsternannte Entbaathifizierungs-
kommission, deren Mitglieder schon einmal Jagd auf Baathisten gemacht hatten (nämlich direkt nach 2003), schloss nun reihenweise Kandidaten aus, die früher der Baath-Partei angehört hatten und vermeintlich weiterhin die Ideologie dieser Partei propagieren.

Die Versuche der Amerikaner, Baathisten zu integrieren, um das Land zu befrieden, wies Patriot Al-Maliki am 8. Februar 2010 entschieden zurück: „Es gibt niemanden in der Welt, der die Baathisten zurückholen könnte!“ Da müssen die Amerikaner ganz schön Angst bekommen haben, denn nicht sie waren es, die Saddam Hussein gestürzt hatten, sondern es waren Al-Maliki und seine Mitkämpfer, nämlich mit den Autobomben, die sie damals gezündet hatten.

Al-Malikis Daawa-Parteigenossen hatten ihrem Chef beste Vorarbeit geleistet. Salah Abdul Razzaq, Gouverneur von Bagdad, am 7. Januar 2010: „Ich werde alle Baathisten aus den Ämtern der Hauptstadt feuern!“ - Schiltagh Abbud, Gouverneur von Basra, ebenfalls am 7. Februar 2010: „Wir werden es auf keinen Fall zulassen, dass Baathisten in unserer Provinz kandidieren!“

Der Provinzrat von Nadschaf, der vom Sadristen Abdul Hussein Al-Mussawi präsidiert wird und dem Daawa-Mitglieder angehören, forderte am 18. Januar nach einem blutigen Anschlag in der Provinz alle Baathisten ultimativ auf, binnen 24 Stunden die heilige Stadt zu verlassen. Die Menschen auf der Straße erinnern sich an die Ära des Diktators und vergleichen sie mit dem Faschismus, der kommunistischen Diktatur in Deutschland. Und mit der Zeit nach der Wende.

Denn hier werden weder Saddam Söhne gejagt, genausowenig wie in Deutschland zehn Jahre nach der Wiedervereinigung sich noch Honeckers Erben in irgendwelchen relevanten Ämtern wähnten. „Wer von uns Irakern war denn nicht in der Baath-Partei?“ fragt der Mann auf der Straße: „Wer Arbeit suchte, wer studieren wollte, wer ein Haus oder eine Wohnung mit staatlicher Unterstützung bauen oder kaufen wollte, musste in die Partei eintreten. Außerdem hat die Baath-Partei 35 Jahre im Irak geherrscht, so dass Generationen nichts anderes als dieses Einparteiensystem und deren Ideologie kannten. Verbrecher sollen ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Andere aber, Mitläufer und Zwangsmitglieder dieser Partei, sollten integriert und umgeschult werden. Denn Demokratie benötigt Zeit und Reife!“

 

Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)