Meinung & Analyse / Gesellschaft

Der Autor unserer neuen Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten. Diese Woche: Schlammschlacht vor den Wahlen. Und warum Ministerpräsident Nuri Al-Maliki plötzlich Pistolen an seine Wähler verschenkt
Wenn schmutzige Wäsche vor den Augen anderer Leute gewaschen wird, hat das oft auch seine Vorteile, und was ich jetzt erzähle, ist Tatsache: Während einer hitzigen Debatte in Hinblick auf die bevorstehenden Parlamentswahlen beschuldigte ein arabischer Parlamentarier seinen kurdischen Kollegen der Korruption. Dieser ließ sich dies selbstverständlich nicht gefallen und erwiderte: „Bruder, halt deinen Mund, ansonsten entblöße ich die Korrumpiertheit aller Parlamentarier vor den Augen der Iraker!“
Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Saddams Söhne, Honeckers ErbenTeil 2: Der Club der weißen WestenTeil 3: Quo Vadis, Irak?Teil 4: Liebe Leute, bleibt auf dem Boden!Teil 5: Zu Risiken und NebenwirkungenTeil 6: Alles wird gut - InschallahTeil 7: Befreiung oder Besetzung?Teil 8: Hibhib und kein Hurra!Teil 9: Sag mir, wo die Millionen sindTeil 10: GhostbomberTeil 11: Du stirbst nur zweimalTeil 12: HimmelfahrtskommandoTeil 13: Spätkapitalistischer SalonbolschewismusTeil 14: Die ReisfrageTeil 15: Checkpoint Ali Bagdad-Briefings Teil 16: Konstituierende Bananenrepublik Bagdad-Briefings Teil 17: Hundejagd Bagdad-Briefings Teil 18: Hiob im Dunkeln Bagdad-Briefings Teil 19: Homerisches Gelächter
Die Minister der Daawa-Partei des Kabinettschefs Nuri Al-Maliki beschuldigen Parlamentarier der Korruption. Und die Parlamentarier der Gegenseite halten den Ministern Malikis das gleiche vor.
Die Partei, die sich „Partei der Islamischen Tugend“ nennt und im Ölschmuggel in Basra mitgemischt hat und noch mitmischt, stellt den Vorsitzenden des parlamentarischen Integritätsausschusses namens Sabah Al-Saidi. Von den fünfzehn Mandaten im Provinzrat ihrer Hochburg Basra ist dieser Partei nach den letzten Kommunalwahlen nur ein Mandat geblieben, weil das irakische Volk weder blind noch taub ist.
Bekannt ist auch, dass die Minister aus der Staatskasse schöpfen, um ihre gegenwärtige Wahlkampagne zu finanzieren. Wer nicht an diese Kasse rankommt, hat entweder andere unreine Einnahmequellen im Inland oder bekommt Geld aus dem unmittelbaren Ausland. Ganz gleich, ob es nun der Iran ist, der seine schiitischen Glaubensbrüder unterstützt oder die sunnitischen Nachbarn, die ihren Glaubens-, nein Konfessionsbrüdern im armen Irak zur Seite stehen.
Der arme Mann auf der Straße aber, der weder einem Iraner noch einem Araber aus den Nachbarländern seine Stimme geben will, der nach sieben Jahren seit seiner Befreiung von einem totalitären Regime immer noch weder Strom noch sauberes Trinkwasser hat, der arbeitslos ist, der in einem Land mit den zweitgrößten Ölreserven der Welt lebt, das Benzin importiert und verstopfte Kanalisation hat, die selbst in den Villenvierteln überläuft, der nicht weiß, ob er heil nach Hause zurückkommt, falls er nach Arbeit suchen geht – dieser Mann fragt sich nun, wen er wählen soll, wenn die selben Gesichter auf den Plakaten an den Straßen und auf den Plätzen hängen, die sich gegenseitig als korrupt bezeichnen.
Über den Autor
Der Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.
Wer mir nicht glaubt, den erinnere ich an das jüngste Fernsehduell im TV-Sender Al-Arabiya zwischen dem oben genannten Chef des Integritätsausschusses und einem Parteifreund und lautstarken Verteidiger Malikis namens Abbas Al-Bayati. Nach einem hitzigen Wortgefecht zwischen beiden Parlamentariern holte Al-Saidi eine höchst elegante Pistole hervor und fragte seinen Widersacher, ob er wisse, was dies sei. Der wortstarke Al-Bayati kam ins Stocken und musste schlucken. Al-Saidi darauf: „Ich werde es Ihnen sagen, falls sie es nicht wissen sollten. Dies ist eine der Pistolen, die Herr Maliki Clanscheichs schenkt, die ihn besuchen kommen, damit sie ihn beim Wahlkampf unterstützen. Ich habe diese Pistole, auf der „Geschenk S. E. Ministerpräsidenten Nuri Al-Maliki“ steht, vom Schwarzmarkt für 3.000 US$ gekauft.“
Für Iraker sind 3.000 US$ viel. Hunderte solcher Pistolen hat Herr Maliki verschenkt. Aus seiner eigenen Tasche hat er sie bestimmt nicht bezahlt. Aber schlimmer als diese Bestechung ist, dass solch ein Vorgehen an jenes des gestürzten und hingerichteten Diktators erinnert, der die irakische Gesellschaft militarisiert und ins Unglück gestürzt hatte.
Gestern traf ich einen älteren Herrn, den ich seit Jahren kenne. Er hatte im Ausland Elektromechanik studiert und ist nun arbeitslos. Um doch noch ein paar Dinare verdienen zu können, verkauft er auf einem Bürgersteig Zigaretten. Ich kaufe meine Zigaretten immer von ihm, denn Almosen anzunehmen, erlaubt ihm sein Ehrgefühl nicht. Dass er trotz dieser Armut seinen Stolz, aber noch mehr seine Witzigkeit nicht verloren hat, wundert mich immer wieder. Mit festem Blick teilte er mir mit, dass er einen Beschluss gefasst habe. Wollen Sie wissen, liebe Leser, welchen?
Er werde sich als Kandidat zu den kommenden Wahlen am 7. März stellen. „Ja, wie denn?“ fragte ich verwundert. „Für eine Wahlkampagne bräuchtest Du viel Geld. Du müsstest Anzeigen veröffentlichen, im Fernsehen auftreten oder zumindest Plakate mit Deinem Konterfei an den Straßen aufhängen!“
Seine Antwort: „Stimmt, ich habe kein Geld, um Plakate von mir an Straßen und auf Plätzen aufzuhängen. Deswegen müsstest Du mir als Freund helfen. Besorge einen Strick, binde ihn an meinem Hosengürtel fest und zieh mich an einem Straßenmast damit hoch. Ich werde solange dort hängen bleiben, bis die Wahlen beginnen!“
Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)











