Meinung & Analyse / Gesellschaft

Der Autor unserer neuen Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten. Heute: Wie Terrororganisationen die Iraker von den Wahlen abzuhalten versuchten
Der 7. März 2010 wird nach dem 9. April 2003 in die Geschichte des neuen Iraks eingehen. Beide Termine stehen für den schweren Weg zur Demokratie in diesem Land. Und das steht jetzt an einem Scheideweg. Jedem Iraker ist klar, dass sein Land nun den demokratischen Prozess erfolgreich fortsetzen oder – Gott behüte – in die Zeit des Konfessionsgemetzels mit unabsehbaren Konsequenzen zurückfallen kann.
Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Saddams Söhne, Honeckers ErbenTeil 2: Der Club der weißen WestenTeil 3: Quo Vadis, Irak?Teil 4: Liebe Leute, bleibt auf dem Boden!Teil 5: Zu Risiken und NebenwirkungenTeil 6: Alles wird gut - InschallahTeil 7: Befreiung oder Besetzung?Teil 8: Hibhib und kein Hurra!Teil 9: Sag mir, wo die Millionen sindTeil 10: GhostbomberTeil 11: Du stirbst nur zweimalTeil 12: HimmelfahrtskommandoTeil 13: Spätkapitalistischer SalonbolschewismusTeil 14: Die ReisfrageTeil 15: Checkpoint Ali Bagdad-Briefings Teil 16: Konstituierende Bananenrepublik Bagdad-Briefings Teil 17: Hundejagd Bagdad-Briefings Teil 18: Hiob im Dunkeln Bagdad-Briefings Teil 19: Homerisches Gelächter
Entweder wird dem Leid des Volkes ein Ende gesetzt, indem die neue Regierung für Sicherheit, Arbeitsplätze und öffentliche Dienste sorgt. Oder das Land wird in Korruption und Vetternwirtschaft, in konfessionellem Gemetzel versinken, schließlich in drei Kleinstaaten namens Kurdistan, Sunnistan und Schiitistan zerfallen und zu leichter Beute für gierige Nachbarn werden.
Nach der Stimmenabgabe leerten sich die Straßen Bagdads. Die Wähler gingen eiligst nach Hause zurück, um sich auf den zahlreichen Fernsehsendern über die neuesten Ereignisse zu den Parlamentswahlen zu informieren.
Der Urnengang wurde den Nachrichten zufolge mit dem Einschlag von vier Mörsergranaten in die Grüne Zone eingeleitet, denen zahlreiche andere folgten. Alle Bagdader haben Explosionen gehört. Und manche wurden wieder zu Opfern: Allein im Nordbagdader Stadtviertel Ur stürzte ein Wohnhochhaus nach einem Raketeneinschlag ein. Alle zwanzig Einwohner starben, nur ein Mädchen blieb wie durch ein Wunder am Leben. Ihre Eltern hatten es zum Bäcker geschickt, um Brot zu kaufen.
Über den Autor
Der Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.
Der Einschlag solcher Granaten und die Explosionen von Sprengsätzen hielten landesweit den ganzen Vormittag an. Die Terrororganisation Al-Qaida hatte schon in der letzten Woche über das Internet vor der Teilnahme an diesen Wahlen gewarnt und von sich aus eine „Ausgangssperre“ für Sonntag verkündet. Wie viele unschuldige Menschen getötet, wie viele Frauen zu Witwen und Kinder zu Waisen wurden, weiß niemand.
Dass es zu Wahlfälschungen, Bestechungen, Erpressungen, Manipulationen und anderen Unregelmäßigkeiten und Unredlichkeiten vor und während des Urnengangs gekommen ist, haben wir Iraker miterlebt oder in den Nachrichten über die TV-Sender selbst verfolgen können. Jede Gruppe bezichtigt die andere schwerwiegender Manipulationen. Jetzt hoffen wir, dass diese Vorfälle nicht so gravierend sind, dass die Verlierer die Nichtanerkennung der Resultate betreiben könnte.
Die Bevölkerung hat ihr Votum abgegeben, jetzt beginnt der eigentliche Showdown. Der Mann auf der Straße kann nur hoffen, dass die Verlierer fair sind und auch fair bleiben. Und ihre Niederlage akzeptieren. Demokratie heißt auch, dass Macht abgegeben werden muss. Dass keine Seite glauben darf, nur sie habe das Recht, das Schicksal des irakischen Volkes zu bestimmen.
Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)











