Bagdad-Briefings Teil 5: Zu Risiken und Nebenwirkungen
22.03.2010  | Abu Ghada   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
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Der Autor unserer neuen Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten. Heute: Wie einige Kandidaten ihre Wähler veräppeln wollten – und dabei jämmerlich gescheitert sind


Ein Kandidat der Irakisch-Nationalen Allianz, dessen Namen die Medien nicht nennen wollten (Diskretion ist Ehrensache), wurde bewusstlos ins Provinzhospital von Anbar eingeliefert, nachdem sein Zuckerspiegel hochgeschnellt war. Er hatte vernehmen müssen, dass er nicht mehr als neun Stimmen erhalten hatte, die auch nur von seiner Frau, seinen Kindern und Leibwächtern kamen. Ein Vertrauter dieses Kandidaten teilte im Krankenhaus den Umstehenden mit, der Arme habe all seinen Besitz und den Goldschmuck seiner Frau, insgesamt im Wert von etwa 60 Mio. IQD (ca. 37.000 Euro), für seine Wahlkampagne in Form von Plakaten sowie Geschenken an Witwen und Waisen ausgegeben. Der Arzt habe angeordnet, den Fernseher in seinem Krankenzimmer auszuschalten, damit er keine Nachrichten mehr über die tropfenweise verkündeten Hochrechnungen miterleben muss.

Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Saddams Söhne, Honeckers ErbenTeil 2: Der Club der weißen WestenTeil 3: Quo Vadis, Irak?Teil 4: Liebe Leute, bleibt auf dem Boden!Teil 5: Zu Risiken und NebenwirkungenTeil 6: Alles wird gut - InschallahTeil 7: Befreiung oder Besetzung?Teil 8: Hibhib und kein Hurra!Teil 9: Sag mir, wo die Millionen sindTeil 10: GhostbomberTeil 11: Du stirbst nur zweimalTeil 12: HimmelfahrtskommandoTeil 13: Spätkapitalistischer SalonbolschewismusTeil 14: Die ReisfrageTeil 15: Checkpoint Ali Bagdad-Briefings Teil 16: Konstituierende Bananenrepublik Bagdad-Briefings Teil 17: Hundejagd Bagdad-Briefings Teil 18: Hiob im Dunkeln Bagdad-Briefings Teil 19: Homerisches Gelächter

Er war beileibe nicht der einzige, dem es so erging. Mindestens einhundert der bisherigen Minister und Parlamentarier sowie andere Staatsdiener sind beim Volk kläglich durchgefallen. Sie haben nicht die erforderliche Anzahl der Stimmen erhalten haben, die sie befähigen würde, ins neue Parlament einzuziehen. Da gab es Kandidaten, die landesweit nicht einmal fünfzig Stimmen erhalten haben. Und selbst diese Stimmen waren entweder erkauft oder kamen von Verwandten und Freunden.

Beispiele dafür sind Verteidigungsminister Abdul Qader Al-Ubeydi, Ex-Parlamentspräsident Mahmud Al-Maschhadani, der Vorsitzende der Konferenz der Sahwa (Clantruppen, die die Al-Qaida bekämpfen), Scheich Ahmed Abu Rischah, Innenminister Dschwad Al-Bolani sowie Ali Al-Lami, der Chef der so genannten Rechenschafts- und Gerechtigkeits-Kommission, die als Nachfolgerin der Entbaathifizierungs-Kommission agiert.

Heute möchte ich nicht über diese „Oberen“ sprechen (die übrigens vor kurzem auch noch ganz unten waren), sondern über „kleine Fische“, die in den Medien nicht für Schlagzeilen sorgten, aber doch – wenn auch nur auf den lokalen Seiten der hiesigen Zeitungen und in den TV-Abendmagazinen – Erwähnung fanden.

Neben oben erwähntem Kandidaten der Irakischen Allianz gab es jenen, der sich für seine Wahlkampagne 187 Mio. IQD (ca. 117.000 Euro) geliehen und sich nach seiner Wahlniederlage nach Syrien abgesetzt hatte. Nach Informationen der Polizei haben daraufhin sechs Kaufleute, darunter ein landesweit bekannter Importeur von Fleisch aus Australien, Klage gegen den Kandidaten erhoben. Er soll nun über Interpol gesucht werden. Der Flüchtige hatte ihnen versprochen, nach seinem Wahlsieg die Anleihe zurückzuerstatten und ihnen Zollbefreiung sowie besondere Ausweise versprochen, mit denen sie frei und fröhlich durch den Irak ohne jede Kontrolle reisen dürfen.

Über den AutorDer Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.

Meine selige Großmutter sagte mir oft, Intelligenz hänge nicht von der Schulbildung ab. Es gebe Leute mit hohen Universitätsabschlüssen, die nichts vom Leben verstünden, und andere Menschen, die nicht die Möglichkeit hatten, eine Schule zu besuchen, aber trotzdem intelligent seien. An die Worte meiner Großmutter habe ich mich erinnert, als mir ein Freund folgende Geschichte über seinen Dozenten erzählte: Er hatte seinen Studenten versprochen, falls sie ihn wählen sollten, jedem von ihnen fünfzehn Punkte zur Endprüfung zusätzlich anzurechnen. Nachdem er sich sicher war, dass ihn niemand gewählt hatte, drohte er mit schweren Fragen bei der Prüfung. „Jetzt“, so der Professor laut der Erzählung meines Freundes wörtlich, „werdet Ihr mich erst richtig kennenlernen. Ich werde Euch die Uni zur Hölle machen!“ Inzwischen sei an der Fakultät ein Untersuchungsausschuss gebildet worden. Der Professor, der bei den Wahlen durchgefallen ist, wird höchstwahrscheinlich auch von der Uni fliegen.

Es gibt aber auch Gutes über die Wahlen zu berichten. Ich habe einen Freund, der eine Apotheke besitzt. An den Wahlen selbst hat er nicht teilgenommen, aber er ist von ihnen völlig eingenommen. Das höchste Gut im Leben sei die Demokratie, betonte er. Er würde sich sogar innigst wünschen, dass nicht alle vier, sondern jedes Jahr Wahlen stattfinden.

Auf meinen erstaunten Blick hin versicherte er mir, dass er in einem ganzen Jahr nicht so viele Herz-, Diabetes- und Bluthochdruck-Tabletten verkauft hat, wie in den zurückliegenden vierzehn Tagen.

 

Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)