Meinung & Analyse / Gesellschaft

Der Autor unserer neuen Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten. Heute: Warum viele Iraker nach den Wahlen noch lieber an den lieben Gott glauben
Die Parlamentswahlen sind zu Ende, die Sieger stehen fest – und es gibt keine Partei, die nicht von Wahlfälschung und Betrug gesprochen hat und spricht. Aber sie alle, auch die Kandidaten bedauern in erster Linie, dass die Wahl nicht zu ihrem Vorteil ausgefallen ist. Sie alle dachten bei dieser entscheidenden Schlacht nur an sich und wollten die größte Beute in Form von Stimmen davontragen, um sich danach als erstes das Nettogehalt eines Parlamentariers von mehreren tausend US$ pro Monat plus Spesen und Zuschläge für Bodyguards zu sichern – und unverzüglich die Möglichkeiten auf lukrative Nebengeschäfte und Schmiergelder auszutarieren.
Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Saddams Söhne, Honeckers ErbenTeil 2: Der Club der weißen WestenTeil 3: Quo Vadis, Irak?Teil 4: Liebe Leute, bleibt auf dem Boden!Teil 5: Zu Risiken und NebenwirkungenTeil 6: Alles wird gut - InschallahTeil 7: Befreiung oder Besetzung?Teil 8: Hibhib und kein Hurra!Teil 9: Sag mir, wo die Millionen sindTeil 10: GhostbomberTeil 11: Du stirbst nur zweimalTeil 12: HimmelfahrtskommandoTeil 13: Spätkapitalistischer SalonbolschewismusTeil 14: Die ReisfrageTeil 15: Checkpoint Ali Bagdad-Briefings Teil 16: Konstituierende Bananenrepublik Bagdad-Briefings Teil 17: Hundejagd Bagdad-Briefings Teil 18: Hiob im Dunkeln Bagdad-Briefings Teil 19: Homerisches Gelächter
Die meisten Parlamentarier, deren Legislaturperiode jetzt abgelaufen ist, haben ihre „Dienstzeit“ überwiegend in Damaskus, Amman, Beirut, London und New York oder weiß der Teufel wo verbracht. Von einem Parlamentarier ist bekannt, dass er beinahe die gesamten vier zurückliegenden Jahre in Teheran war. Er kann sich im Irak nicht blicken lassen, weil ihn die Amerikaner suchen. Er soll hinter dem Anschlag auf die US-Botschaft in Kuwait im Jahre 1983 stecken. Trotzdem erhielt er wie all seine Kollegen sein volles Gehalt.
Man fragt sich, was solche Parlamentarier für ihr Volk getan haben oder überhaupt tun konnten.
Der Mann auf der Straße, dessen Leben sich in den sieben Jahre nach dem Sturz der Diktatur nicht wesentlich verbessert hat, fragt sich mehr als einmal, warum er seine Stimme abgegeben und welchen Sinn dieses Leben hat. Der Mann, der durch keine Straße laufen kann, ohne sich der Gefahr auszusetzen, im Morast des verstopften und total ruinierten Kanalisationsnetzes der Stadt auszurutschen. Der vergessen hat, was Stromversorgung bedeutet und schon in die Hände klatscht, wenn er ein paar Stunden am Tage eine Lampe anmachen oder im Winter eine Heizung einschalten kann. Der weder sauberes Trinkwasser trinken noch einer regelmäßigen Arbeit mit ausreichendem Einkommen nachgehen kann. Trotzdem gibt er die Hoffnung nicht auf. Vielleicht kommt wenigstens kein Unmensch an die Macht!
Dass die Iraker so anspruchslos geworden sind, hat seinen Grund. Wenn wir zum ersten Aggressionskrieg zurückblicken, den die inzwischen gestürzte Diktatur unter Saddam Hussein im Jahre 1980 vom Zaune gebrochen hatte, wenn wir die folgenden drei Dekaden Revue passieren lassen, stellen wir fest, dass die Iraker seit über dreißig Jahren nur Tod, Elend, Hunger und alle anderen Unarten dieses Daseins erleben mussten.
Über den Autor
Der Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.
Wenn wir davon ausgehen, dass sich ein Mensch im Alter von zehn Jahren seiner Umwelt bewusst zu werden und nach dem Sinn seines Lebens zu fragen beginnt, können wir in diesem Land des Elends feststellen, dass zwei Generationen nichts anderes als Krieg, Tod, Embargo, Terror und deren Folgen kennen. Sie wissen ganz einfach nicht, was ein „normales Leben“ ist, das wir Älteren in unserer Kindheit und Jugend leben durften.
Wenn ich zu Zeiten des früheren Regimes auf den Bagdader Straßen lief, saßen dort auch Bettler in irgendeiner Ecke und warteten darauf, dass ein gütiger Mensch ihnen Almosen gibt.
Wenn ich heute durch die Hauptstadt laufe, sehe ich Bettler, die aufspringen, wenn Fußgänger kommen. Sie ziehen sie am Kragen oder an den Hemdsärmeln, um herzzerreißend zu schreien, dass sie und ihre Kinder nichts zu essen haben.
Dies ist das eine Bild Bagdads, das stellvertretend für alle irakischen Städte steht. Das andere ist das des Reichtums und Überflusses. Das Bild korrupter Politiker, die ohne jedes Gewissen auf Kosten des leidenden Volkes in Saus und Braus leben.
Viele Jugendliche beneiden mich, weil ich eine andere Welt in meiner Jugend gesehen habe. Sie wissen aber nicht, dass sie glücklicher in ihrem Elend sind als ein Mensch es wäre, der früher in Freude und Freiheit leben konnte. Ich erwidere in diesen Fällen immer folgendes: „Der Mensch gleicht einem Tier. Holst Du es aus der Wildnis und steckst es in ein Käfig, stirbt es. Wird es aber in einem Käfig geboren, ist es etwas Selbstverständliches für dieses Tier. Wenn Ihr das Leben in Freiheit und Demokratie wie ich gesehen hättet und in diesem Elend leben müsstet, würde Euer Herz zerbrechen!“
Können die Iraker nach den Wahlen vom 7. März auf ein besseres Leben hoffen? Ich zweifle daran und glaube, dass meine Zweifel begründet sind. Da will der Ministerpräsident die Macht nicht abgeben, weil er nicht wahr haben möchte, dass das Volk ihn nicht mehr will. Nicht begreift, dass es ihn abgewählt hat, weil sein Kabinett in den vergangenen vier Jahren für Schlagzeilen wegen Korruption und Unterschlagung gesorgt hat. Da will ein anderer Politiker die Macht ergreifen, der nicht wirklich anders ist, weil er schon einmal ein Kabinett geführt, das nicht weniger korrupt war. Da wollen wieder andere die Zügel der Macht ergreifen, die den Konfessionszwist geschürt haben.
Ich bin überzeugt, dass die Demokratie, die uns unsere Retter und Freunde von Übersee gebracht haben, im Irak nicht so funktioniert und nicht funktionieren kann, wie sich das diese Freunde und auch wir gewünscht haben.
Trotzdem, und das sagen wir Iraker schon mechanisch: Unseren Glauben an Gott haben wir nicht verloren. Das ist aber auch der einzige Trost!
Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)











