Meinung & Analyse / Gesellschaft

Der Autor unserer neuen Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten. Heute: Über die wahren Opfer des Anschlages auf die deutsche Botschaft
Was am 3. April 2003 mit dem Angriff auf den internationalen Flughafen im Süden der Hauptstadt Bagdad begann und am 9. des gleichen Monats mit dem Sturz des Diktators Saddam Hussein noch lange kein Ende gefunden hat, bezeichnen einige Iraker als den „Fall Bagdads“, andere als „US-Besetzung“ und Dritte als „Befreiung des Irak“.
Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Saddams Söhne, Honeckers ErbenTeil 2: Der Club der weißen WestenTeil 3: Quo Vadis, Irak?Teil 4: Liebe Leute, bleibt auf dem Boden!Teil 5: Zu Risiken und NebenwirkungenTeil 6: Alles wird gut - InschallahTeil 7: Befreiung oder Besetzung?Teil 8: Hibhib und kein Hurra!Teil 9: Sag mir, wo die Millionen sindTeil 10: GhostbomberTeil 11: Du stirbst nur zweimalTeil 12: HimmelfahrtskommandoTeil 13: Spätkapitalistischer SalonbolschewismusTeil 14: Die ReisfrageTeil 15: Checkpoint Ali Bagdad-Briefings Teil 16: Konstituierende Bananenrepublik Bagdad-Briefings Teil 17: Hundejagd Bagdad-Briefings Teil 18: Hiob im Dunkeln Bagdad-Briefings Teil 19: Homerisches Gelächter
Immer, wenn es zu einer Anschlagsserie wie heute kommt, fragen sich die gottesfürchtigen Iraker, was sie verbrochen haben, dass sie all dieses Leid ertragen müssen. Heute waren es ausländische diplomatische Vertretungen, darunter die deutsche, spanische, ägyptische und fast die iranische Botschaft, gestern waren es Ministerien und vorgestern Marktplätze und Hauptverkehrsstraßen, auf die mit Autobomben und Sprengsätzen abgezielt wurde. Die Hauptopfer von heute und gestern waren wie immer einfache Iraker, die weder etwas mit der Al-Qaida noch mit den streitenden Parteien zu tun haben, die allesamt aus dem Ausland gekommen sind, als das vorige Regime gestürzt wurde, die im Ausland in besten Hotels und Wohnungen gewohnt hatten und nichts vom Leid des totalitären Regimes zu spüren bekommen hatten, die jetzt ihren Herren im Ausland ein Dankeschön sagen wollen.
Diese Parteien, die zuzeiten der Opposition auf ihren Konferenzen in London, Salahuddin und anderen Städten Einheit demonstriert hatten, verhalten sich nun, nachdem ihnen die Amerikaner und noch mehr die Mullahs der Islamischen Republik die Macht in die Hände gespielt haben, wie Katz und Maus und sind zu Erzfeinden geworden.
Trotzdem hatten viele Iraker nach sieben Jahren des Elends und Tods nicht die Hoffnung verloren. Über 62 Prozent von ihnen sind am 7. März in der schwachen Hoffnung auf ein besseres Leben zu den Wahlurnen gegangen.
Was müssen sie aber sehen: Die Parteispitzen rennen nach Teheran und Qumm, um sich beraten zu lassen, wer mit wem zu koalieren hat, um den Irak zu regieren. Andere fliegen in die arabischen Hauptstädte, um von dort Geld und Auskunft zu holen.
Über den Autor
Der Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.
Der Mann auf der Straße fragt sich aber, wo das vermeintliche Nationalgefühl dieser Parteiführer geblieben ist, mit dem sie sich in der Opposition gerühmt hatten.
Noch eins: Immer wenn es zu Massakern kommt, treten die Pseudopatrioten des neuen Irak öffentlich auf und schieben die Schuld auf die Al-Qaida und die Baathisten, obwohl die Medien laut den gleichen Verantwortlichen Tag für Tag melden, dass sowohl die Al-Qaida als auch die bewaffneten Organisationen der verbotenen Baath-Partei besiegt und dass alle Teile des Irak von Unterschlupfwinkel dieser Terroristen gesäubert worden seien. Lediglich einige „Trümmer dieser Organisationen“ seien übrig geblieben.
Der Iraker fragt sich sarkastisch, wenn Trümmer solche Operationen ausführen können, wie dem wenn sie noch heil wären?
Selbst dem naiven Iraker kann nicht mehr entgehen, dass ein böses Spiel mit ihm gespielt wird. Er ist zu einem Ball geworden, den ein jeder mit den Füßen tritt. Vier Autobomben und wer weiß wie viele Sprengsätze fast zeitgleich – wie heute – in der Hauptstadt zu sprengen, das benötigt eine außerordentliche Koordinierung und eine Beherrschung des Spielfeldes namens Bagdad. Eine Al-Qaida oder baathistische Verbrecher, die laut offiziellen Angaben am Ende sind, können unmöglich Massaker solchen Ausmaßes anrichten.
Fragen Sie, liebe Leser, irgendeinen Iraker! Er wird ihnen sagen, was so manchem neuen Machthaber nicht gefallen wird, vor allen jenen nicht, die doppelte Staatsangehörigkeiten haben und die irakische nur deshalb behalten, um das irakische Volk zu demütigen.
Können Sie mir, liebe Leser, vielleicht sagen, was ich den Kindern der alleinstehenden Mutter sagen soll, die bei uns und in anderen Häusern ausgeholfen hatte und ein- und ausging, um ihre fünf Kinder durchzubringen, die keine Arbeit gescheut hatte, nur um die Münder ihrer Kinder satt zu bekommen?
Die arme Frau lebt nicht mehr. Was aus den Kindern wird, weiß ich nicht. Es ist eins von Zehntausenden von Schicksalen der Elenden dieses Landes, deren einzige Schuld es ist, dass ihr Boden auf Öl schwimmt.
Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)











