Meinung & Analyse / Gesellschaft

Der Autor unserer neuen Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten. Heute: Ein Prosit auf die Schöntrinkerei oder wie der Irak am ehesten zu ertragen ist
Es ist zu erwarten, dass sich die Sieger der Parlamentswahlen zu wochen-, wenn nicht monatelangen Sondierungsgesprächen zusammenfinden werden, um sich darüber zu einigen, worin die Volksinteressen bestehen und wie darauf aufbauend das Regierungsprogramm aussehen müsste. Diesen Leerlauf möchte ich heute nutzen, um über ein anderes, nicht minder wichtiges Volksanliegen zu erzählen. (Ganz nebenbei bemerkt, könnten sich die Parteien ihre Mühe und kostbare Zeit sparen und ein jedes Kind auf der Straße fragen, wonach sie vermeintlich suchen: Sicherheit, Arbeitsplätze, Strom, Trinkwasser und vor allem reinen Tisch unter sich selbst, damit die Bevölkerung nicht unter ihrem Machtkampf zu leiden hat.)
Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Saddams Söhne, Honeckers ErbenTeil 2: Der Club der weißen WestenTeil 3: Quo Vadis, Irak?Teil 4: Liebe Leute, bleibt auf dem Boden!Teil 5: Zu Risiken und NebenwirkungenTeil 6: Alles wird gut - InschallahTeil 7: Befreiung oder Besetzung?Teil 8: Hibhib und kein Hurra!Teil 9: Sag mir, wo die Millionen sindTeil 10: GhostbomberTeil 11: Du stirbst nur zweimalTeil 12: HimmelfahrtskommandoTeil 13: Spätkapitalistischer SalonbolschewismusTeil 14: Die ReisfrageTeil 15: Checkpoint Ali Bagdad-Briefings Teil 16: Konstituierende Bananenrepublik Bagdad-Briefings Teil 17: Hundejagd Bagdad-Briefings Teil 18: Hiob im Dunkeln Bagdad-Briefings Teil 19: Homerisches Gelächter
Nun zu meinem Thema, dass weitaus wichtiger wäre als das Kindchenschema des Volkes zu sondieren: „Hibhib“ ist eine Kleinstadt bei Mossul, die jeder erwachsene Iraker kennt, auch wenn er sie noch nie gesehen hat. „Hibhib“ ist nämlich auch der billigste Fusel von Arrak, den die Einwohner dieser Kleinstadt brennen und der deswegen ihren Kleinstadtnamen trägt. Dieser Fusel ist das Getränk der Armen.
Vor dem Ablauf der Legislaturperiode meldete sich die Parlamentarierin der Sadristen, Frau Maha Al-Duri, um das Parlament und die Regierung zur Verabschiedung eines Gesetzes aufzurufen, das den Alkoholverkauf und -Genuss in allen Teilen des Landes verbieten soll. Der Provinzrat der südirakischen Multikulti-Stadt Basra und auch die Nachbarprovinz Wasit im Süden des Iraks haben ein solches Verbot bereits durchgesetzt. Der Aufruf der Parlamentarierin Duri (wohlgemerkt: der Aufruf und keineswegs Frau Duri selbst) erinnert mich an eine Anekdote, die ein jeder Iraker meines Jahrgangs kennt, obwohl sie sich vor gut fünfzig Jahres zugetragen haben soll:
Es war einmal ein ehrlicher Mann, der von Sonnenaufgang bis -Untergang seiner schweren Arbeit nachging, um seine Familie zu ernähren. Er ließ seiner Frau und seinen Kindern an nichts fehlen, zweigte aber auch für sich ein paar Fils (Groschen) ab, um eine „Rub’iya“ (Viertel-Liter-Flasche) Hibhib zu kaufen und damit des Abends vor dem Schlafengehen die Sorgen dieser Welt zu vergessen.
Nun hatte dieser Mann eine geschwätzige und auch noch hässliche Frau, die sich bei dieser Zeremonie jedes Mal ihm gegenüber hinsetzte und zu bellen begann: „Warum trinkst Du? Wann hörst Du endlich auf? Durch Deine Sauferei bringst Du uns noch um! Wir müssen hungern und Du säufst diesen Fusel! Empfindest Du keine Furcht vor Allah? Merkst Du nicht, dass schon die ganze Nachbarschaft über uns spricht? Allah möge es Dir heimzahlen. Allah wird Dich in die Hölle werfen!“
Über den Autor
Der Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.
Nun, das war das Schicksal dieses armen Mannes. Statt sich bei einem Gläschen einem schönen Lied von Um Kulthum oder Mohammed Al-Qabandschi hingeben zu können, musste sich dieser leiderfüllte Mann dieses Geschwätz allabendlich anhören. Trotzdem schwieg dieser Elende voller Geduld und blieb stur: Solange er den Preis dieses billigen Fläschchens namens „Rub’iya“ nicht vom Munde seiner Kinder absparen musste, solange er sie gut ernährt und kleidet, solange es ihnen an nichts fehlt, werde er sich diesen Fusel leisten, um wenigsten ein paar Stunden sein Leid zu vergessen!
Eines Tages nahm ihn sein Weib gleich bei seiner Ankunft mit schweren Geschossen in Empfang und zielte mit ihren beleidigenden Worten mitten in sein Herz. Ohne darüber nachzudenken, was er sagt oder was seine Zauberworte anrichten könnten, flüsterte er vor sich hin: „Mensch Alte, wenn Du wüsstest, dass dieser Fusel Dich in meinen Augen hübsch erscheinen lässt, würdest...“
Ja, liebe Leser, Sie haben es erraten: Die Frau ließ ihn nicht aussprechen. Diese Worte wirkten wie eine Zauberformel auf sie. Auf einen Schlag wurde sie zu einem anderen Menschen. Von jenem Tag an war sie es, die ihm sein Gläschen gleich ihrem Herzen blank polierte, Appetithäppchen zum Hibhib vorbereitete und sich mit sanften Worten zu ihrem geliebten Ehemann setzte: „Mein Augapfel, wenn es etwas Besseres als diesen Hibhib gibt, dann bring und trink ihn doch. Mach Dir nichts draus, wenn es teurer ist! Die Gaben Allahs sind ja mehr als genug und uns fehlt es doch wahrlich an nichts dank Deiner täglichen Arbeit.“
Ich will nun nicht schlechthin nur der oben genannten Frau Parlamentarierin, sondern allen Parlamentariern und Ministern, ja zur Gesamtlage sagen, dass sie die Leute trinken und in Ruhe lassen sollen, damit sie in deren Augen schöner erscheinen! Ich sage voller Aufrichtigkeit und Überzeugung allen Machthabern dieses Landes: „Lasst die Iraker trinken, damit Ihr in einem besseren Bild erscheint!“
Die Iraker leben seit Jahrzehnten in Leid und Elend und waren aus Gründen, deren Aufzählung Hunderte dieser Kolumnen nicht reichen würden, nicht in der Lage, ihre Probleme zu lösen. Daher geben sie sich auch Illusionen und der zeitweisen Betäubung ihrer Schmerzen hin und haben dazu auch noch das Volkslied, „solange Datteln an der Palme hängen, werd’ ich den Arrak nicht verdrängen“ erfunden.(freie Übersetzung)
Oder sollen die Iraker etwa ihr Volksgetränk aufgeben, um sich gleich ihren Leidensgefährten an der Ostgrenze Haschisch und anderen Drogen hinzugeben, damit nicht die Alkoholverkäufer, sondern Schmugglerbanden und Mafias der Basare noch mehr verdienen?
Außerdem: Wer darf wem etwas verbieten? Der Täter dem Opfer oder das Opfer dem Täter? Und womit sollte Tabula rasa gemacht werden? Mit einer „Rub’iya Hibhib“, zu der ein Elender Zuflucht sucht? Oder mit der Korruption, dem Fehlen jeder Art öffentlicher Dienste, den Autobomben, von denen nicht nur Allah weiß, wer sie präpariert und zündet? Oder den falschen Versprechen, mit denen Minister wie Parlamentarier das Volk seit sieben Jahren hinhalten und sich dabei horrende Gehälter und vieles andere mehr in die eigene Taschen wirtschaften, während der einfache Mann am Morgen bei der Suche nach Arbeit nicht weiß, was seine Kinder essen und ob er überhaupt wieder heil nach Hause kommt?
Am 9. April 2010 war 7. Jahrestag des Sturzes der Diktatur, des Endes von über drei Dekaden Totalitarismus und Tyrannei. Der Mann auf der Straße hat seit sieben Jahren seine langersehnte Freiheit erhalten. Und was für eine Freiheit! Er kann sich die Freiheit nehmen, um zu fragen, nein, um zu jeder detonierten Autobombe und jedem anderen Anlass zu schreien: „Was ist das für eine Freiheit? Was hat uns diese verfluchte Freiheit eingebracht? Was ist besser geworden?“
Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)











