Bagdad-Briefings Teil 10: Ghostbomber
26.04.2010  | Abu Ghada   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
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Der Autor unserer neuen Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten. Heute: Warum Topterristen der Al Qaida im Irak sogar aus Gräbern zuschlagen können


Am 19. dieses Monats, also vor wenigen Tagen, teilte der Oberbefehlshaber der irakischen Streitkräfte Nuri Al-Maliki vor laufenden Kameras stolz mit, dass seine Truppen zwei Tage zuvor den Emir des Phantomstaates der Qaida im Irak namens „Islamischer Staat im Irak“, Abu Omar Al-Baghdadi und dessen Kriegsminister Abu Ayyub Al-Masri, in einem Erdloch töten konnten. Mit Hilfe von US-Kampfhubschraubern hatten sie, so die Meldungen, deren Haus im Gebiet Tharthar, 10 Kilometer südwestlich von Tikrit gestürmt.

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Da nun die US-Armee diese Meldung gleich bestätigte und Herr Maliki auch Fotos der getöteten Topterroristen zur Hand hatte, fiel uns Irakern ein Stein vom Herzen. In unserer Euphorie vergaßen wir, dass der offizielle Sprecher des Bagdader Operationsstabes Generalmajor Qaßim Atta den Tod dieser Topterroristen schon mehrere Male bekannt gegeben hatte. Ebenso vergaßen wir, dass Al-Baghdadi laut irakischem Innenministerium eigentlich seit März 2007 im Gefängnis sitzen müsste. Aber nun: Al-Baghdadi und Al-Masri sind tot und mit ihrer Tötung wurden Computer und anderes Material dingfest gemacht, die alle Terroristen des Qaida-Ablegers „Islamischer Staat im Irak“ hochgehen lassen werden. So hat’s uns unser Ministerpräsident gesagt, und das muss stimmen!

Aber o weh, kaum ist eine Woche vorbei, da schlagen diese Terroristen erneut zu und zwar mit voller Wucht. Wie machen sie das, wo sie doch entweder tot oder im Gefängnis sitzten?

Die Anschläge wurden mit Autobomben, Sprengsatzgürteln und Sprengsätzen verübt, laut offiziellen Meldungen zwölf davon in der Hauptstadt und sechs in der Ortschaft Khalidiya in Anbar westlich von Bagdad. Es gab 65 Tote und 170 Verletzte. Diese Anschläge haben uns in den Alptraum zurückgerissen. Auch weil die US-Armee in ausländischen Medien, darunter in der New York Times, angedeutet hat, dass sie nicht sicher sei, ob die Qaida dahinter stecke. Auch politische Racheakte, so ihre Überlegung, könnten hinter dieser Serie von Anschlägen stehen, die mit den Autobombenexplosionen in der Nähe ausländischer Botschaften am 4. April ihren Anfang genommen hat.

Wir Iraker sind nicht einfältig genug zu übersehen, dass die meisten blutigen Anschläge immer dann erfolgen, wenn eine politische Krise im Lande eskaliert. Es fällt uns schwer, dafür eine andere Erklärung zu akzeptieren als jene, die sich jedem Menschen mit klarem Verstand geradezu aufdrängt.

Über den AutorDer Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.

In Bagdad zielten die jüngsten Anschläge vor allem auf schiitische Moscheen und Marktplätze nahe den Quartieren von Sadristen. Regierungsquellen deuteten dies als einen Versuch der Qaida, den Konfessionszwist erneut zu entfachen, um den Irak in das blutige Gemetzel der Jahre 2006/07 zurückzuwerfen.

Den Menschen im Irak glauben nicht an diese Deutung. Sie glauben, dass die neuen Anschlagsserien eine Folge des politischen Machtkampfes sind, der rücksichtslos auf Kosten des Mannes auf der Straße ausgetragen wird.

Die einzigen „Errungenschaften“, deren sich die Regierung bei jedem Anlass selber lobt, war die Konsolidierung der Sicherheit „im ganzen Land“. Nun fragt sich der Bürger, was aus dieser Errungenschaft geworden ist. Die Regierung, die noch vor einigen Tagen damit prahlte, dass die Qaida im Irak vernichtet worden sei und nur noch kümmerliche Reste ihr Dasein fristeten, muss nun dummerweise wieder auf die Qaida zurückgreifen, weil sie einen Sündenbock braucht: „Die Qaida versucht in ihrem Todeskampf all ihre Kräfte zu sammeln und kann nichts anderes mehr, als zivile Objekte und unschuldige Menschen angreifen.“ Ach ja?

Keine Sorge, es gibt noch andere Erklärungen. Die gegenwärtige Opposition behauptet, diese Anschläge seien ein Ausdruck der Schwäche der Regierung und Unterwanderung der Sicherheitskräfte. Diese Regierung müsse daher schnellstens abdanken, um „patriotischen Kräften“ Platz zu machen. Die Sadristen ergriffen die Gelegenheit und boten dem Ministerpräsidenten Hunderte ihrer Mahdi-Milizionäre zur Unterstützung der regulären Armee und Polizei an. Als ob die Mahdi-Armee während des Konfessionszwistes als Friedensstifter agiert hätte.

Uns Irakern entgeht nicht, dass hier ein Machtkampf zwischen den gegenwärtigen Parteien ausgetragen wird. Parteien, die über die Amerikaner, die Mullahs im Iran und die Ölscheichs in den arabischen Golfstaaten wie auch die Baathisten in Syrien und Jordanien 2003 in den Irak eingezogen sind. Parteien, die vor und nach den Wahlen in die Nachbarstaaten flüchteten, um sich beraten zu lassen, wer mit wem koaliert, um die neue Regierung zu bilden. Alle Oppositionsparteien – ob radikal oder liberal – und Regierungsparteien schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Ein jeder will die Macht, um die Agenden jener ausländischen Seiten zu realisieren, die sie finanzieren und jonglieren. Um die fetten Pfründe in die eigene Tasche zu stecken, ohne sich auch nur einen Deut um sein Volk zu kümmern. Der Iraker will schon nichts mehr von diesen Parteien und Politikern. Weder Arbeit noch Wohnungen, weder Strom noch Wasser, das haben sie schon aufgegeben. Aber diese Parteiensollen – bitte sehr – ihren Machtkampf unter sich austragen.

Der Iraker fragt sich, wohin er noch gehen kann. Im eigenen Land blickt er jeden Tag in den Tod, in anderen will ihn niemand mehr haben. Diese Situation erinnert mich an eine Anekdote, die sich die Iraker während des achtjährigen Krieges gegen den Iran erzählten, als der damalige Präsident nur mit „Herr“ und dem Zusatz „Allah bewahre ihn“ erwähnt werden durfte, auch wenn ihn Allah später nicht bewahrt hatte: Zwei irakische Soldaten befanden sich an der Front. Sagt der eine: „Lass uns flüchten!“ Antwortet der andere: „Kannst Du mir verraten wohin? Wenn über uns Allah, vor uns Ayatollah und hinter uns Allah bewahre sind?“

 

Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)