Bagdad-Briefings Teil 11: Du stirbst nur zweimal
03.05.2010  | Abu Ghada   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
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Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten. Heute: Ein Nachruf auf Umm Ali und ihren Sohn Jaafar


Hatte der Selbstmordattentäter, der am 4. des vergangenen Monats April seine Autobombe vor der Ägyptischen Botschaft zündete, gewusst, wem das Nachbarhaus gehörte, in dessen Garage er einfuhr, um sein Attentat zu verüben? Hatte dieser Selbstmordattentäter gewusst, dass dieses Haus Kunstschätze und Literaturraritäten beherbergte?

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Das Haus, in dessen Garage der Selbstmordattentäter seine Autobombe gesteuert hatte, um seinen Anschlag auf die ägyptische Botschaft zu verüben, gehörte einem der größten arabischen Romanciers und Dichter des vorigen Jahrhunderts. In diesem Haus befanden sich neben Werken der berühmtesten irakischen Maler auch Tausende Manuskripte und andere Dokumente von Jabra Ibrahim Jabra. Er lebte von 1919 bis 1994 und war ein palästinensischer Schriftsteller, Maler und bildender Künstler, Übersetzer und Literaturkritiker. Geboren wurde er in Bethlehem, den Großteil seines Lebens verbrachte der heimatlose syrisch-orthodoxe Christ im Irak.

Das Haus wurde von Umm Ali, der Schwägerin von Sadir, dem Sohn des Künstlers, bewirtschaftet. Der war ein Jahr nach dem Tode seines Vaters nach Australien ausgewandert und hatte ihr das Haus und dessen Kunst- und Literaturschätze zur Obhut hinterlassen. Umm Ali bewachte alles, was an den Verstorbenen erinnerte, wie ihren eigenen Augapfel. Die Gemälde an den Wänden putzte sie täglich, die Schriftstücke bewahrte sie sicher auf und die große Bibliothek hielt sie immer sauber.

Jetzt, nach der Autobombendetonation, ist das Haus zusammengestürzt. Von den Gemälden, Büchern und Manuskripten ist nur noch Asche übriggeblieben. An den Trümmern des Hauses hängt ein schwarzes Transparent mit der Anzeige des Todes von Umm Ali und ihres Sohnes Jaafar.

Eine Nachbarin sagt, Umm Ali hatte zur Stunde der Explosion in dem Zimmer links neben der Hausgarage gesessen, in dem Jabra immer seine besten Freunde und Kollegen zu empfangen pflegte. Das Zimmer war über Umm Ali eingestürzt, ihre Leiche konnte erst am nächsten Tag ausgegraben werden.

Über den AutorDer Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.

Die Menschen, die jetzt an den Trümmern vorbeilaufen, beten zu Allah, die Opfer zu segnen, ohne zu wissen, um wen es sich handelt. Daher können sie auch nicht wissen, welcher Schatz dem irakischen Kunst- und Kulturerbe verloren gegangen ist. Sie wissen nicht, dass sich an den Wänden und auf den Tischen dieses Hauses Gemälde, Skulpturen und andere Kunstwerke von Jawad Salim, Shaker Hassan, Mohammed Ghanni Hikmat und Dutzenden anderen irakischen Künstlern befunden hatten. Sie wissen nicht, dass auf Regalen und in Schubladen unveröffentlichte Werke des großen Künstlers lagen.

Jabra hatte einmal gesagt, dass er mindestens zehntausend Briefe geschrieben habe. Ohne Zweifel hat er mindestens genauso viele Antworten erhalten. Er sagte immer, er bewahre seine Post in einem bestimmten Schubladenschrank auf und habe sie alphabetisch katalogisiert.

Zu den Raritäten, die mit der Explosion vernichtet wurden, gehörten seltene Fotos sowie Tonband- und Videoaufnahmen von Symposien, Konferenzen und Vorlesungen, an denen Jabra teilgenommen hatte. Diese Dokumente sollten die zweite Phase des Projektes der Veröffentlichung der vollständigen Werke des Schriftstellers und Künstlers Jabra bilden, dessen sich das Abdul Hameed Shoman Institut angenommen hatte.

Der größte Wunsch Jabras war, dass sein Haus, dessen Bauskizze er persönlich gezeichnet und dessen Errichtung er Stein für Stein beaufsichtigt hatte, nach seinem Ableben zu einem Museum umgewandelt wird, damit seine Werke und die seiner Freunde für die kommenden Generationen erhalten bleiben. Aus diesem Traum ist leider nie etwas geworden. Weder das vorige Regime noch unsere jetzigen Machthaber haben sich darum gekümmert.

Schon zu Zeiten von Saddam Hussein erinnerten sich die Machthaber nur an einen Künstler, wenn er in Armut und vor Hunger verstorben war. Um den Erhalt seiner Werke hat man sich schon damals wenig gekümmert.

Vom Hause Jabras sind nur noch Trümmer geblieben, das Innere ist verbrannt. Von Umm Ali und ihrem Sohn Jaafar bleiben nur noch die Schriftzüge ihrer Namen auf dem schwarzen Transparent an den Hausresten zurück.

 

Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)