Meinung & Analyse / Gesellschaft

Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten. Heute: Warum der künftige Ministerpräsident scheitern wird – auch wenn er sich von Gott persönlich berufen fühlt
Vor einigen Tagen habe ich einen renommierten Politiker a. D. besucht, der trotz seines hohen Alters das aktuelle politische Tagesgeschehen im Irak noch intensiv verfolgt.
Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Saddams Söhne, Honeckers ErbenTeil 2: Der Club der weißen WestenTeil 3: Quo Vadis, Irak?Teil 4: Liebe Leute, bleibt auf dem Boden!Teil 5: Zu Risiken und NebenwirkungenTeil 6: Alles wird gut - InschallahTeil 7: Befreiung oder Besetzung?Teil 8: Hibhib und kein Hurra!Teil 9: Sag mir, wo die Millionen sindTeil 10: GhostbomberTeil 11: Du stirbst nur zweimalTeil 12: HimmelfahrtskommandoTeil 13: Spätkapitalistischer SalonbolschewismusTeil 14: Die ReisfrageTeil 15: Checkpoint Ali Bagdad-Briefings Teil 16: Konstituierende Bananenrepublik Bagdad-Briefings Teil 17: Hundejagd Bagdad-Briefings Teil 18: Hiob im Dunkeln Bagdad-Briefings Teil 19: Homerisches Gelächter
Bei meinen letzten Besuchen zeigte sich dieser friedliebende Mensch, der schon zu Zeiten der Monarchie im berüchtigten Wüstengefängnis von Samawa nahe der Grenze zu Saudi-Arabien namens „Nugrat Salman“, auf Deutsch „Erdloch Salomons“, sieben Monate einsitzen musste, immer von tiefer Trübsal bedrückt. Er konnte nicht mit ansehen, wie die ehemaligen Vertreter der einheitlichen Opposition gegen das Saddam-Regime zu Erzfeinden geworden sind und Tag für Tag unschuldige Menschen wegen der grässlichen Terroranschläge sterben müssen oder zu Krüppeln werden.
Entgegen meinen Erwartungen fand ich ihn bei meinem letzten Besuch in gewissem Maße frei von seiner tiefen Betrübnis. Ich wollte seine innere Ruhe nutzen, um mich von ihm bezüglich der aktuellen Streitigkeiten um das Amt des Ministerpräsidenten erhellen zu lassen, denn ich allein fühlte mich außerstande, mir Klarheit in diesem Wirrwarr von Auseinandersetzungen und gegenseitigen Anschuldigungen zwischen unseren Politikern im „neuen Irak“ zu verschaffen.
Nachdem uns seine Haushälterin einen starken Tee gebracht hatte, fing ich auch gleich mit meinen Fragen an, die einem Mann wie diesem älteren Herren, der in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein bekannter Politiker und war und es bis zum hohen Staatsbeamten gebracht hatte, wohl kindisch erscheinen mussten: „Was halten Sie von einer Amtsbestätigung des Herrn Maliki in seinem Amt als Ministerpräsident für weitere vier Jahre?“
Die Antwort meines Gesprächspartners, der übrigens auch in Deutschland promoviert hat und nach seiner Rückkehr in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Politologie und Rechtswissenschaft an einer Bagdader Universität unterrichtet hatte, kam prompt und bündig: „Wir müssten dann nicht nur mit weiteren politischen Spannungen und terroristischen Anschlägen rechnen, sondern auch mit anhaltender Verwaltungs- und Finanzkorruption, obwohl Herr Maliki selbst als ein integerer Mann bekannt ist. Der Haken liegt also nicht bei ihm, sondern bei seinen Beratern, die über keine politischen Erfahrungen verfügen und von der politischen Arbeit im Grunde nichts verstehen, aber nichts desto trotz ihren Chef stark beeinflussen. Ganz zu schweigen davon, dass Herr Maliki weder von den Sunniten noch von den schiitischen Sadristen, die sich an die Verfolgung ihrer Mahdi-Armee durch die Truppen des Ministerpräsidenten in den Jahren 2007/08 erinnern, akzeptiert wird.“
Über den AutorDer Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.
Da mein Gegenüber keine Chance für Maliki sah, ging ich in der Hoffnung darauf, den neuen Ministerpräsidenten fixiert zu haben, gleich zu dessen Hauptrivalen über: „Und wie steht’s mit Dr. Iyad Allawi?“
Die Antwort fiel auch nicht erfolgversprechend aus: „Wenn Dr. Allawi das Amt des Ministerpräsidenten erhalten sollte, würde es zu einer Kluft zwischen der Regierung und dem Volk kommen, die den Texasbarrieren ähnelt, welche seit Jahren die einzelnen Wohnviertel Bagdads von einander abschirmen. Allawi glaubt, dass er ein Volk wie das schwedische oder schweizerische verdient. Zudem ist er völlig davon überzeugt, dass er nicht schlechthin ein Staatsmann, sondern ein Kosmopolit ist, der vom Himmel herab gesandt wurde, um das ignorante irakische Volk zu führen. Ich glaube nicht, dass dieser Mann weiß, was wir als Volk von ihm wollen. Genauso wenig wissen wir, was er von uns will, als ob einer von uns beiden Sanskritisch spricht.“
Ich konnte nichts gegen diese Antworten einwenden, die eine profunde Kenntnis der Akteure der gegenwärtigen politischen Bühne des Irak offenbarten und mich zum weiteren Eindringen in die Gedankengänge dieses Neunzigers ermutigten: „Mein Herr, dann haben wohl einige Menschen nicht Unrecht, wenn sie Dr. Ibrahim Al-Dschaaferi favorisieren?“
Mein Meister erwiderte mit einem kalten Lächeln: „Dann würden wir in die blutigen Verhältnisse der ersten Hälfte des Jahres 2006 zurückgeworfen werden, als Dschaaferi noch Premier war. Können Sie sich nicht an das Gemetzel unter den Konfessionen mit täglich dutzenden, anonymen Leichen erinnern?! Mein Lieber, Dschaaferi wäre vielleicht als Arzt geeignet oder als ein Subunternehmer. Ganz bestimmt wäre er ein geeigneter Führer von Pilgern zum Berg Arafat und noch besser würde er sich als ein Imam in einer Moschee eignen. Als Politiker ist er aber fehl am Platz. Wenn bei uns im Irak die höchste Note in der Schule „ausgezeichnet“ ist, dann ist Dschaaferi in der Politik mit „Auszeichnung“ durchgefallen. Er kann keinen überzeugen und lässt sich auch von keinem überzeugen. Genügt Ihnen das?“
Ich nickte bejahend und wollte mir keine Blöße geben: „Mein Herr, ich weiß, wo Sie hinwollen! Dr. Adel Abdul Mahdi wird die verfahrene Situation im Irak wieder hinbiegen. Er hat in Frankreich studiert und kennt die politische und wirtschaftliche Lage im Irak. Zudem ist er als ein Mann bekannt, der sich die Meinungen der anderen voller Geduld anhört und seine Beschlüsse profund durchdenkt, bevor er sie fasst.“
Auch hier musste ich eine Lektion dieses weisen Mannes hinnehmen: „Oft hören wir von Menschen, darunter Politikern, Worte, denen keine Taten folgen. Dr. Adel Abdul Mahdi ist einer dieser Politiker. Er hat keine Erfahrung in der Staatsführung und auch nicht im Managen der Staatswirtschaft. Sein gegenwärtiges Amt als Vizestaatspräsident bildete kein Experimentierstadium, sodass aus ihm ein „Erhard der Iraker“ werden könnte. Abdul Mahdi ist zwar bescheiden, einfach und leicht zu überzeugen, aber zur Führung des Staates unfähig. Da nützt ihm auch nicht seine Doktorarbeit an der Sorbonne in Ökonomie, die er durch eine Dissertation ohne praktische Erfahrungen erworben hat. Wenn Sie es noch genauer haben wollen: Ein Kabinett mit einem Adel Abdul Mahdi als Ministerpräsidenten würde einem Lappen gleichen, der ziellos auf dem Tigris treibt.“
Bevor ich meinen Gastgeber verließ, wollte ich nicht genauso ahnungslos gehen, wie ich gekommen war. „Eine letzte Frage noch“, bat ich ihn, als ich schon die Türklinke in der Hand hielt: „Wer könnte denn Ihrer Meinung nach den Irak zum Ufer der Sicherheit steuern?“
Die Antwort des weisen Mannes kam trocken: „Die geeignete Person werden wir vielleicht in vier Jahren finden!“
Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)











