Meinung & Analyse / Gesellschaft

Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten. Heute: Wie bei irakischen Volksvertretern durch Luxusprobleme Zeitmangel entsteht
Ich weiß nicht, warum dieses ignorante Volk über alles und an allen nörgelt, warum es den Regierenden in der Grünen Zone grollt und sie für den Krebsgang der Sicherheitslage, seiner Lebensverhältnisse und selbst seines Gesundheitszustands verantwortlich macht.
Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Saddams Söhne, Honeckers ErbenTeil 2: Der Club der weißen WestenTeil 3: Quo Vadis, Irak?Teil 4: Liebe Leute, bleibt auf dem Boden!Teil 5: Zu Risiken und NebenwirkungenTeil 6: Alles wird gut - InschallahTeil 7: Befreiung oder Besetzung?Teil 8: Hibhib und kein Hurra!Teil 9: Sag mir, wo die Millionen sindTeil 10: GhostbomberTeil 11: Du stirbst nur zweimalTeil 12: HimmelfahrtskommandoTeil 13: Spätkapitalistischer SalonbolschewismusTeil 14: Die ReisfrageTeil 15: Checkpoint Ali Bagdad-Briefings Teil 16: Konstituierende Bananenrepublik Bagdad-Briefings Teil 17: Hundejagd Bagdad-Briefings Teil 18: Hiob im Dunkeln Bagdad-Briefings Teil 19: Homerisches Gelächter
Dieses Volk scheint zu vergessen, dass die Herren Verantwortliche ganz andere, viel wichtigere Sorgen und eigentlich überhaupt keine Zeit haben für diese Lappalien des Volkes. Schließlich müssen sie sich hehreren Aufgaben und Pflichten widmen. Sie müssen die Angelegenheiten ihrer Kinder in den europäischen und amerikanischen Schulen verfolgen, ihre Frauen zu den Modeshows von Yves Saint Laurent, Dior, Calvin Klein, Hugo Boss, Valentino und nicht zuletzt zur Show des deutschen Herrn mit der dunklen Brille begleiten, dessen Modefeldlager überall aufgeschlagen werden. Oder will mir da jemand einreden, dass es ein Kinderspiel sei, immer mit den Immobilienpreisen und den Spekulationen an den internationalen Börsen Schritt zu halten?!
Nach den Dekaden ihres Dschihad und Befreiungskampfes in den Metropolen des Orients und Okzidents hatten sie sich ihren Ruf in den dortigen Luxushotels und Kneipen genauso wie unter den Schönheiten des Moulin Rouge auf Kosten der befreundeten Staaten errungen – nun müssen unsere Verantwortlichen in der Grünen Zone seit sieben Jahren die Quittungen doppelt und dreifach mit den Reichtümern des Landes auf Kosten des Volkes begleichen.
Um das rückständige irakische Volk zu zivilisieren und einen demontierten Irak aufzubauen, der in seiner Demokratie keine Konfession und Ethnie von der Liquidierung ausschließt, aber dafür Menschen aus aller Herren Länder die irakische Staatsangehörigkeit verleiht, muss ein ethnisch-konfessioneller Föderalismus geschaffen werden, der der Tyrannei des Einheitsstaates und der Zentralregierung ein Ende setzt. Dies erfordert eine Zerstückelung des Iraks in antagonistische Stadtstaaten und Kantone, die von den Nachbar- und Nichtnachbarstaaten geschützt werden, auf dass diese Stadtstaaten und jedes Kanton eines Tages zu erträglichen Satelliten dieser Staaten werden, in denen die eigentlichen Iraker als Fremde leben und sich mit der Zeit gar eine andere Sprache und fremde Sitten aneignen müssen.
Eine andere Option wäre die Umwandlung der Provinzen und Städte des Iraks in Landgüter und Herrschaftsbereiche von Großfamilien und Milizen, die frei darüber verfügen, entweder dort bleiben oder sie verkaufen, verpachten oder verpfänden. Und wer sich dagegen auflehnen sollte, ist entweder ein Terrorist der Qaida oder eine Waise des vorigen Regimes, der das Antlitz des neuen Iraks diffamieren will, in dessen Grüner Zone es keine Stromunterbrechung für die Verantwortlichen, deren Familienangehörigen und Parteigänger gibt.
Über den AutorDer Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.
In diesem Fall müssten die Ölgelder auch nicht für die Aggressionskriege der Baathisten vergeudet werden. Vielmehr könnten die Verantwortlichen dieser Parteien und Milizen ihre Guthaben und Wolkenkratzer in den Ländern erhöhen, aus denen sie nach dem Sturz des vorigen Regimes gekommen waren. Diese Erhöhung könnte selbstverständlich genauso wie das Leid des irakischen Bürgers proportional mit dem Anstieg des Ölpreises auf dem Weltmarkt erfolgen. Denn mit diesem Ölpreisanstieg ziehen normalerweise auch die Preise für Lebensmittel, Kraftstoff und per se auch Arbeitslosigkeit, Miete, Krankheiten und Armut an. Außerdem haben sich die Herren Verantwortlichen in der Grünen Zone ja beehrt, der Forderung der Weltbank nachzukommen und die Subventionen für die rationierten Lebensmittelscheine und den Kraftstoff zu streichen, während die Krankenhäuser seit Jahren vergammeln.
Die Iraker außerhalb der Grünen Zone verdienen es gar nicht zu leben, denn erstens haben sie nur eine Staatsangehörigkeit und zweitens hatten sie nicht am Dschihad und Befreiungskampf in den Luxushotels und Nachtclubs der ausländischen Metropole teilgenommen. Deswegen rührt sich auch kein Gewissen in der Grünen Zone, falls es dort überhaupt eins geben sollte, wenn die Iraker täglichen Massakern ausgesetzt werden, während sich die Herren in der Grünen Zone und ihre Hintermänner im Ausland um die Macht streiten und größtmögliche persönliche Vorteile auf Kosten des Volkes herausschlagen wollen.
Nicht nur das! Je mehr sie sich um die Aufteilung ihrer Beute streiten, desto mehr muss das Volk bluten. Und wenn sie sich danach provisorisch einigen, erheben sie gemeinsam ihre Gläser und vergessen, was diese Einigung dem Volk gekostet hat.
Die Rechnung ist kinderleicht: Solange sie und ihre Familien unversehrt bleiben und sowohl in der Grünen Zone als auch im Ausland in Saus und Braus leben, geht ihnen das Dahinvegetieren des Volkes und die Anzahl der getöteten und noch zu tötenden Iraker einen alten Sch...... an!
Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)











