Bagdad-Briefings Teil 14: Die Reisfrage
24.05.2010  | Abu Ghada   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
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Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten. Heute: Wo sind eigentlich die subventionierten Lebensmittel geblieben?


Die staatlich subventionierten Lebensmittel, die die Bürger des Iraks seit der Kuwait-Invasion durch das Saddam-Regime im Jahre 1990 über Rationsscheine monatlich erhalten bzw. offiziell erhalten müssten, sind Reis, Mehl, Zucker, Speiseöl, Hülsenfrüchte, Tomatenmark, Tee, Kindermilch, Salz, Seife und Waschpulver. Angesichts der massiven Arbeitslosigkeit ist der Großteil der irakischen Bevölkerung auf diese subventionierten Lebensmittel angewiesen.

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Eine Lokalzeitung von Nassiriya brachte diesen Monat unter Berufung auf den Provinzrat von Dhi Qar eine Nachricht, in der es hieß, dass an die rund zwei Millionen Einwohner dieser Provinz seit neun Monaten kein Zucker, seit elf Monaten kein Tee und seit vier Monaten kein Reis verteilt wurde.

Es sei hier angemerkt, dass die Rationen, die nicht verteilt werden auch zu einem späteren Zeitpunkt nicht herausgegeben werden – sie sind wie „vom Winde verweht“. Wo die Ware bzw. das im Rahmen des Haushalts des Handelsministeriums dafür bereitgestellte Geld verbleibt, weiß nicht nur Allah. Nein, selbstverständlich auch der amtierende Handelsminister, denn der eigentliche Minister Abdul Falah Al-Sudani musste abdanken. Obwohl seine beiden Brüder (und ehemaligen engsten Mitarbeiter) und die meisten Generaldirektoren des Handelsministeriums wegen Korruption und Unterschlagung von Geldern für die subventionierten Lebensmittel hinter Gitter sitzen oder ihren Hut nehmen mussten, wurde Al-Sudani nach monatelangem Hin und Her wegen Mangels an Beweisen freigesprochen.

Die obige Meldung aus Dhi Qar ist kein Einzelfall. So teilte mir meine Frau gestern mit, dass wir seit zehn Monaten zum ersten Mal wieder Reis bekommen. „Morgen soll– so Allah will – auch noch das Speiseöl eintreffen“, fügte sie erfreut hinzu. So hat es jedenfalls unser Lebensmittelverteiler Abu Mohammed zu ihr gesagt. Die Seife, die er ihr geben wollte, hat sie wie immer dankend abgelehnt. Er könne sie wieder bedürftigen Menschen schenken. (Das soll übrigens nicht heissen, dass wir uns ohne Seife waschen. Aber aus der Seife, die für Rationsscheine abgegeben wird und bisher immer verfügbar war, kann man beim besten Willen, selbst mit heißem Wasser, keinen Schaum rausschlagen).

In einem arabischen Gedicht heißt es: „Beklage Dich nicht bei anderen wegen deiner Wunde/ den Schmerz fühlt nur der Verwundete.“ Und eine arabische Redewendung besagt: „Eine Hand im Wasser gleicht nicht jener im Feuer.“

Über den AutorDer Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.

Seit Monaten sprechen Regierungsverantwortliche wie Parlamentarier immer mehr von der Überflüssigkeit der subventionierten Lebensmittelrationen. Einige wollen sie auf Reis, Mehl, Speiseöl, Zucker und Kindermilch reduzieren. Andere Bürger mit einem Monatsgehalt von rund 900 US$ wollen sie völlig streichen. Wieder andere wollen die Ration durch einen pauschalen Geldbetrag ersetzen, ohne dabei darauf zu achten, dass unsere ehrlichen Händler immer ihre Preise anheben, wenn bestimmte Schichten des Volkes auch die kleinste Summe von ihrer Regierung in irgendeiner Weise zusätzlich erhalten. Nicht umsonst sagt man im Irakischen „Handel ist Verschlagenheit“, nicht umsonst heißt „verschlagen“ im Duden „auf hinterhältige Weise schlau“ sein oder eben handeln.

Wer sich die Reden der Regierenden über die Rationsscheine anhört, muss glauben, dass diese verfluchten Scheine für die Armut, die Korruption und den Terrorismus, ja für alle Krisen im Lande verantwortlich sind.

Nach dem Beschluss der Aufstockung der Parlamentssitze von 275 auf 325 glaubte der einfache Mann auf der Straße, dass diese Aufstockung aus politischen Gründen im Interesse des Volkes und angesichts der offiziell bekanntgegebenen Zunahme der Bevölkerungsanzahl trotz der täglichen Autobomben und Sprengsätze erfolgte. Der naive Mann auf der Straße konnte nicht ahnen, dass die Erhöhung der Mandate sich auf seine Lebensverhältnisse auswirken wird. Denn sofort nach dieser Mandatsanhebung kam die Meldung von der Reduzierung der subventionierten Lebensmittel.

Da wollen die Herren in der Grünen Zone diese subventionierten Lebensmittel, die im Prinzip nur noch auf dem Lebensmittelschein stehen, schrittweise abbauen. Anscheinend lassen sie sich dabei von der Frühzeit des Islam inspirieren, als der Wein durch die versweise Herabsendung des Korans verboten wurde. Da heißt es im ersten dieser Verse: „…Sie befragen dich über Berauschendes und Glücksspiel. Sprich: ‚In beiden liegt großes Übel und Nutzen für die Menschen. Doch ihr Übel ist größer als ihr Nutzen‘.“ Also wird dem Volk erst einmal beigebracht, wo das Übel liegt. Dann kommt der zweite Schritt: „O ihr, die ihr glaubt, nahet nicht dem Gebet, wenn ihr betrunken seid, bis ihr versteht, was ihr sprecht,…“ Schließlich kommt das völlige Verbot: „O ihr, die ihr glaubt! Berauschendes, Glücksspiel, Opfersteine und Lospfeile sind ein Greuel, das Werk Satans...“

Unsere weise Regierung will also dem Volk schrittweise beibringen, dass die Rationsscheine ein Übel und eine unerträgliche Last für den Staatshaushalt bilden, die beseitigt werden müssen. Die Menschen werden genauso zur schrittweisen Verringerung der subventionierten Lebensmittel schweigen, wie sie bisher geschwiegen haben, wenn die Rationen monatelang nur mangelhaft oder überhaupt nicht eintrafen. Wenn sich die Bürger daran gewöhnt haben, nur einen Teil der Rationen zu erhalten und zu hungern, dann können unsere klugen Führer auf einer Großfeier, an der alle bisherigen Minister und Parlamentarier teilnehmen, den endgültigen Sieg über die Pest der Rationsscheine verkünden.

Das Vorspiel für diese Großfeier hat bereits begonnen. Den Ministern und Parlamentariern ist jedoch entgangen, dass ihre Gehälter das Mehrfache der Subventionen für die Rationsscheine ausmachen und dass nach einer einfachen Rechnung, die selbst von Regierungskreisen aufgestellt wurde, die Gelder von fünfzig Parlamentariern für einen einzigen Monat dem gesamten Budget für die Subventionierung der Lebensmittel im Rahmen der Rationsscheine für die gesamte irakische Bevölkerung in einem Jahr gleichkommen.

Ich bin mir gewiss, dass nach dem Beispiel der Entbaathifizierungs-Kommission spätestens mit der Bildung des neuen Kabinetts eine Entsubventionierungs-Kommission gebildet wird, deren Ziel es ist, weitere Spuren des vorigen Regimes zu beseitigen.

 

Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)