Bagdad-Briefings Teil 15: Checkpoint Ali
07.06.2010  | Abu Ghada   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
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Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten. Heute: Warum in Bagdad endlich die Mauern fallen müssen


Seit Wochen hält in Bagdad eine furchterregende Welle der Morde mit Schalldämpferpistolen an, die mittlerweile unter den Irakern als „al-mout al-akhras“, auf Deutsch „stummer Tod“ bezeichnet wird.

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Niemand zeichnet für diese Morde verantwortlich und niemand kann angeben, wer die Mörder sind, woher sie kommen oder wer ihre Hintermänner sind. Das einzige, was die Sicherheitskräfte vermögen, ist bekannt zu geben, dass sie wieder einmal eine Leiche in einem Auto oder an einem Straßenrand gefunden haben. Die Täter seien unerkannt entkommen und hätten sich „wie Salz im Wasser aufgelöst“.

Wer daran zweifelt, dass Dutzende Menschen täglich hinterrücks ermordet werden und die Sicherheitsorgane diese Meuchelmorde totschweigen, der will verhindern, dass die unabhängigen Medien davon berichten und der Mann auf der Straße etwas davon erfährt. Und der möchte ohne jeden Zweifel die Sicherheitslage im heutigen Irak schön färben und vorgeben, dass die Regierung und ihre Truppen die Sicherheitslage unter Kontrolle haben. Die Menschen aber wissen, dass diese Sicherheit trotz des vermeintlichen Optimismus der Regierung und ihrer Sicherheitsverantwortlichen einem Krebsgang gleicht.

Sowohl Regierungs- als auch Sicherheitsverantwortliche haben sich in einem chaotischen Wirrwarr verloren. Da beabsichtigt der Bagdader Operationsstab, die Stadt in ein bis zwei Jahren durch eine Betonmauer, Gräben und Stacheldraht von den anderen Städten abzutrennen, um nur noch eine Ein- und Ausfahrt in den vier Himmelsrichtungen zu belassen. Da schlägt der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Muaffaq Al-Rubeyi vor, eine elektronische Mauer um Bagdad herum zu errichten. Beide Seiten vergessen, dass die Politik des Mauerbaus bereits erprobt wurde und gescheitert ist. Die einzelnen Wohnviertel sind bereits durch Betonmauern von einander isoliert.

Dann aber hat sich herausgestellt, dass die Autobomben oft in dem Wohnviertel, in dem sie explodieren, präpariert und nicht von wo anders hergebracht werden. Selbst die Autobomben, die im vorigen Monat vor der Textilfabrik in Hillah detonierten, wurden in dieser Stadt präpariert. Desgleichen gilt für die Autobomben in den vergangenen Wochen in Tel Afer, Mossul und Basra. Wären diese Autobomben nicht in denselben Städten und Vierteln präpariert, hätten sie kilometerlange Routen zurücklegen und Kontrollposten passieren müssen und wären bestimmt aufgespürt worden. Anderes kann das nur heißen, dass es Sicherheitslücken gibt oder dass die Sicherheitskräfte unterwandert sind. Oder dass sie Anweisungen von bestimmten Seiten haben, diese Autobomben durchzulassen. Ganz nebenbei bemerkt: Auch diese Möglichkeit wird von Irakern durchaus erwogen, zumal selbst Sicherheitsverantwortliche davon sprechen.

Über den AutorDer Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.

Für einen Europäer ist es unvorstellbar, wenn er liest, dass rund 80 Prozent der Straßen Bagdads abgeriegelt sind. Wenn ich in irgendein Stadtviertel fahren will, muss ich um hohe Betonmauern fahren, da es für jedes Viertel kaum mehr als eine Einfahrt gibt. Dies gilt vor allem für jene Wohnviertel, die sich infolge der Konfessionsunruhen seit dem terroristischen Anschlag auf die Grabmoschee der schiitischen Imame Hassan Al-Askari und dessen Vater Ali Al-Hadi im sunnitischen Samarra im Jahre 2006 zu rein schiitischen oder sunnitischen Zonen verwandelt haben.

Dass die Politik des Mauerbaus zu keinem Resultat außer der Zunahme des Leids der betreffenden Einwohner führt, hätten sich die Politiker und Sicherheitsorgane des Irak von anderen Beispielen absehen können. Schon in einem im Verhältnis zum Irak ehemals modernen Staat in Europa ist eine Mauer über deren Erbauer zusammengestürzt. Ich schlage vor, dass die Politiker jenes Staates dies ihren irakischen Counterparts und deren Sicherheitsorganen klarmachen, falls sie Bagdad besuchen sollten oder die irakischen Verantwortlichen zu sich einladen.

Und falls ein Chinese in den Irak kommen sollte, wäre es angebracht, dass er den Herren im großen Gefängnis namens „Grüne Zone“ hinter den dicken und hohen Betonmauern erläutert, dass die chinesische Mauer nicht den Zweck hatte, das eigene Volk zu zerspalten, sondern das Reich der Mitte vor äußeren Aggressoren zu schützen.

 

Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)