Bagdad-Briefings Teil 17: Hundejagd
21.06.2010  | Abu Ghada   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
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Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten. Heute: Al Qaida und der vierbeinige Terror


Nach der Tötung der Qaida-Führer Al-Baghdadi und Al-Masri in der ersten Aprilwoche wurden laut eines US-Generals und der irakischen Sicherheitskräfte bis Anfang Mai 34 der insgesamt 45 Führer der Qaida getötet beziehungsweise festgenommen. Endlich – so glaubten die Iraker – stünde das Ende dieser Terrororganisation, die Zehntausende unschuldige Menschen im Irak ermordet hat, kurz bevor.

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Dass nun vor einer Woche die stark gesicherte Zentralbank inmitten Bagdads einem Großangriff der Qaida ausgesetzt wurde und gestern zwei Autobomben die ebenfalls staatliche Handelsbank im Westbagdad zerstörte, ließ die Iraker jäh von ihrem Traum erwachen, nachdem sie wieder einmal den Erklärungen der Sicherheitskräften und selbst des Herrn Ministerpräsidenten über die bevorstehende völlige Vernichtung der Qaida Glauben geschenkt hatten.

Die irakische Polizei setzt parallel zu ihrer Kampagne gegen die „Reste der Qaida“ seit April eine zweite Militäroperation fort, die nicht minder wichtig ist, zumal es um Feinde geht, die allein in Bagdad auf über eine Million geschätzt werden. Genauer gesagt geht es laut offiziellen Quellen um eineinviertel bis anderthalb Millionen streunende Hunde in der irakischen Hauptstadt.

Genauso wie gegen die Terroristen der Qaida verzeichnen die irakischen Sicherheitskräfte laut eigenen Worten nun im Verein mit dem veterinärmedizinischen Amt von Bagdad riesige Erfolge, zumal laut den o.g. Quellen diese Hunde genauso wie die Terroristen die Sicherheit der Bevölkerung bedrohen. Diese streunenden Hunde haben sich vielerorts zu Herden zusammengetan und greifen vor allem nachts Menschen an. Nicht selten springen sie auch tagsüber Kinder an und verletzen sie schwer.

Der Leser dieser Zeilen möge sich nicht wundern, denn die riesige Anzahl der streunenden Hunde ist tatsächlich zu einer Gefahr für das Leben der Hauptstädter geworden. Laut den Berichten der neu gebildeten „Polizeieinheiten zur Bekämpfung der streunenden Hunde“ ist die furchterregende Zunahme dieses Phänomens auf die Müll- und Abfallberge zurückzuführen, die sich angehäuft haben, weil die Bagdader Müllabfuhr (wie vieles andere) nicht mehr funktioniert. Diese Berge bilden eine nicht ausgehende Nahrungsmittelquelle für die Straßenhunde, die sich dort satt fressen und mit vollem Bauch schlafen und ungeniert vermehren können.

Über den AutorDer Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.

Wenn wir bedenken, dass über eine Million Straßenhunde allein in Bagdad frei und fröhlich streunen, wie viele sind es dann in anderen Städten und Ortschaften.

Woher sind diese Heere von streunenden Hunden in die Hauptstadt von Dschaafer Al-Mansur und Harun Al-Raschied gekommen? Wie konnten sie sich in diesem Maße vermehren? Wo leben Sie, wo schlafen sie? Tatsächlich bedürfen diese Fragen einer profunden Studie und Antwort, um dieser Seuche, Pest und Krise ein Ende zu setzen, die wie viele andere Krisen in der Ära der Demokratie den Irakern das Leben schwer machen.

Außerdem brauchen die politischen Führer gerade jetzt einen durchschlagenden Sieg, um ihre angeschlagenen Positionen vor ihrer Bevölkerung zu stärken, denn sieben Jahre nach dem Sturz der Diktatur leben die Iraker immer noch in Armut und Elend.

Es kann sein, dass die Bagdader „Antihundepolizei“ von nun an Militärkommunikees veröffentlicht, in denen sie der Bevölkerung Details über die Schlacht gegen die streunenden Hunde mitteilt. Bisher sollen tatsächlich rund 40.000 dieser Hunde erschossen bzw. vergiftet worden sein.

Die Polizei von Bagdad ist voller Optimismus, dass sie die Lage unter Kontrolle bekommen und genauso wie den Terroristen auch den Straßenhunden ein Ende setzen wird, um wieder Sicherheit und Stabilität in unserer geliebten Hauptstadt herzustellen.

Allerdings glauben viele unbelehrbare Iraker, dass auch diese Kampagne nicht nur einen, sondern zwei Haken hat. Sie behaupten, es wäre erst einmal nützlicher, den Müllbergen Herr zu werden, indem der Korruption in der Bagdader Stadtverwaltung ein Ende gesetzt und die Müllabfuhr angetrieben wird, damit sie ihrer Aufgabe nachkommt. Zweitens wäre es äußerst nützlich, wenn die getöteten Straßenhunde auch weggeräumt werden, denn bisher ist es so, dass sie – gleich ob erschossen oder vergiftet – als Kadaver verwesen und neue Krankheitserreger bilden.

Im Übrigen haben sich infolge der Müllberge und Kadaver in den letzten Monaten auch die Fliegen und Mücken in Bagdad zu einer Pest entwickelt. Auch das ist neu für uns Iraker.

 

Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)