Meinung & Analyse / Gesellschaft

Kein Strom nirgends. Unser Kolumnist ist ordentlich geladen ob der Elektrizitäts-Intifada in seiner Heimat.
Das irakische Volk ist dafür bekannt, dass es eine Geduld aufbringen kann, die jener Hiobs gleicht. Aber genauso wie bei diesem Mann hat auch beim irakischen Volk die Geduld einmal ein Ende.
Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Saddams Söhne, Honeckers ErbenTeil 2: Der Club der weißen WestenTeil 3: Quo Vadis, Irak?Teil 4: Liebe Leute, bleibt auf dem Boden!Teil 5: Zu Risiken und NebenwirkungenTeil 6: Alles wird gut - InschallahTeil 7: Befreiung oder Besetzung?Teil 8: Hibhib und kein Hurra!Teil 9: Sag mir, wo die Millionen sindTeil 10: GhostbomberTeil 11: Du stirbst nur zweimalTeil 12: HimmelfahrtskommandoTeil 13: Spätkapitalistischer SalonbolschewismusTeil 14: Die ReisfrageTeil 15: Checkpoint Ali Bagdad-Briefings Teil 16: Konstituierende Bananenrepublik Bagdad-Briefings Teil 17: Hundejagd Bagdad-Briefings Teil 18: Hiob im Dunkeln Bagdad-Briefings Teil 19: Homerisches Gelächter Bagdad-Briefings (Teil 20): Zauberserum gegen Machtgier
Sieben Jahre sind seit dem Sturz des vorigen Regimes und dem Import der Freiheit und Demokratie aus der großen weiten Welt auf Initiative eines Möchtegern-Cowboys aus Amerika vergangen, ohne dass das irakische Volk irgendeinen Fortschritt bzw. eine Verbesserung seiner Lebensverhältnisse verzeichnen konnte. Im Gegenteil. Alle Lebensbereiche, vor allem die öffentlichen Dienste, vollziehen seit sieben Jahren einen permanenten Krebsgang. Demgegenüber hat die Korruption unter den Verantwortlichen der Regierung unvorstellbare Dimensionen angenommen.
Seit über eine Woche demonstriert die Bevölkerung in zahlreichen Gouvernoraten des Irak gegen die unerträgliche Situation im Elektrizitätssektor, nachdem der Funke – wie schon oft bei einer Intifada im Irak – von den Einwohnern der südirakischen Stadt Basra ausgegangen war, die zu den ärmsten Menschen in der Welt gehören, obwohl Basra nicht nur dank seiner Erdölvorkommen zu den reichsten Städten der Welt gehört.
Die Welt spricht bereits von einer „Elektrizitäts-Intifada“, obwohl der Strom nur einen Teil der drückenden Krise bildet und nur das Fass zum Überlaufen gebracht hat.
Einmal war es der Handelsminister, der über den Verbleib von Milliarden US-Dollar seines Ressorts, die für die (nur auf den Rationsscheinen stehenden) subventionierten Lebensmittel gedacht waren, keine Auskunft geben konnte. Ein anderes Mal war es der Bildungsminister, dessen Ministerium Milliarden Dollar aus dem Staatshaushalt neben internationalen Spenden in Millionenhöhe für den Bau von Lehmhütten vergeudete, die er als Schulen deklarierte, statt – wie vorgesehen – moderne Gebäude mit Equipment von Weltniveau zu errichten. Nun war es der Elektrizitätsminister, der binnen der letzten vier Jahre siebzehn Milliarden US-Dollar vergeudet hat, ohne auch nur ein Kraftwerk neu zu errichten. Ein Bruchteil dieses Betrags hätte genügt, um Großgeneratoren für ganz Bagdad kaufen und errichten zu können und alle Familien der Hauptstadt ununterbrochen mit Strom zu versorgen. Seit dem Sturz des vorigen Regimes wurden für den Elektrizitätssektor über 65 Milliarden US-Dollar bereitgestellt. Trotzdem hat der Bürger nur eine oder zwei Stunden am Tag Strom. Ungeachtet dessen bekommt er monatlich Stromrechnungen zugestellt, die das Monatsgehalt eines einfachen Beamten überschreiten. Wie dem, wenn der Bürger arbeitslos ist oder Zigaretten auf der Straße verkauft?!
Über den AutorDer Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.
Der Iraker sagt es nun offen auf der Straße, denn angesichts seines Elends hat er keine Angst mehr: Kein Minister – so korrupt er auch sein möge – kann öffentliche Gelder vergeuden oder sich in die eigene Tasche stecken, wenn ihm nicht das Umfeld dazu verhilft. Im Irakischen sagt man, „herrenloses Geld verleitet zum Diebstahl“. Man sagt aber auch bei uns, „wenn das Stehlen der öffentlichen Gelder nicht beschämend ist und weder die nationale noch die persönliche Ehre antastet, dann wird es bei vielen Menschen zu einem Gewohnheitsakt“. Nicht von ungefähr heißt „Korruption“ im Arabischen „Fissad“, was wiederum „Fäulnis“ bedeutet und faulen kann eine Frucht desto besser und schneller, wenn sie neben bereits verfaulten Früchten liegt und in Fäulnis reift.
Die öffentlichen Gelder des Irak scheinen tatsächlich „herrenlos“ herumzuliegen. Der korrupte Minister, Staatsminister, Generaldirektor u. a. m. brauchen also nur schamlos zuzugreifen. Sie haben bereits Gelder des irakischen Volkes in Höhe von Etats afrikanischer Staaten gestohlen und sich damit davongemacht, ohne eine Strafe zu befürchten oder zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Wenn also bisherige Verantwortliche dermaßen vorgegangen sind, warum sollen sich die Neuen zurückhalten?!
In der Ära des Diktators Saddam Hussein wurden auch Gelder des Volkes gestohlen. Allerdings konnte man die Diebe an den Fingern einer Hand abzählen, da sie zu den unmittelbaren Verwandten des Tyrannen gehörten. Wer sich von außerhalb dieses engen Kreises an Staatsgeldern vergriff, wurde am gleichen Tag öffentlich hingerichtet.
Heutzutage aber ist dieses Phänomen unüberschaubar geworden. Um der Bevölkerung Gerechtigkeit und Integrität vorzugaukeln, werden kleine Fische dingfest gemacht. Die großen lässt man aber nicht nur laufen. Nein, sie werden gerade von dem Mann geschützt, der die höchste Macht im Staate besitzt. Dies war so, als die unabhängige Integritätskommission den ehemaligen Handelsminister wegen Korruption vor Gericht stellen wollte. Dies war so, als noch integere Verantwortliche, die sich noch vor Gott fürchten und ihrem Volke dienen wollen, schlagkräftige Indizien gegen den Bildungsminister vorgelegt hatten. Und dies ist nun wieder so, nachdem die Massendemonstrationen den Elektrizitätsminister wegen „Fäulnis“ zu Fall gebracht haben.
In einer seiner Reden hatte der gegenwärtige Ministerpräsident den gestürzten Elektrizitätsminister im vergangenen Jahr als einen „außerordentlich talentierten Menschen“ gelobt. Dies kann ein jeder Iraker ohne Zweifel bestätigen. Die Frage ist nur, wofür dieser Mann sein Talent genutzt hat!
Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten.
Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)











