Eine Kindheit im Irak: Nicht schon wieder Babylon!
19.07.2010  | Cathy Narriman   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
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In den Achtzigern zog Cathy Narriman mit ihren Eltern von Deutschland nach Bagdad und verbrachte dort fast ganz normale Schülerjahre: Es gab Krippenspiele, Schnitzeljagden und Klassenfahrten. Aber während die Kinder in Deutschland Geschichtsbücher studierten, erlebte unsere Autorin im Alltag, was Diktatur und Krieg bedeuten können


Ständig wurde man dahin gekarrt – zu jedem erdenklichen Anlass, zu jeder Klassenfahrt, fuhr man eben nach ...? Nach Babylon natürlich. Diesem sandig-staubigen Ruinenort. Wo ja eh alles nur nachgebaut war. Aber der Ort, ja der Ort ist nun mal historisch! Biblisch gar!

Das große blauglasierte Ishtar Tor mit den Tierornamenten, die Prozessionsstraße und sogar der berühmte Löwe von Babylon waren nur kulissenartige Nachbauten - die echten stünden ja in Ost-Berlin, hieß es, aber da komme man so schnell nicht hin ... Blieben ja immer noch die Fundamente (Fundawas?) des Turms von Babylon. Die hatte man ja nicht wegtragen können, und der Turm war schon lange kaputt. Ich sah, was zu erwarten war: Nichts. Nur ein Stück Wüstenland mit verdorrten Wüstengräsern.

Zur PersonCathy Narriman (Jg. 1974) lebte von 1982 bis 1987 mit ihrer Familie in Bagdad und besuchte dort als Kind die Deutsche Schule Bagdad. Heute lebt sie als freie Autorin in Berlin und arbeitet u.a. als Redakteurin für die Wirtschaftsplattform Irak.

Immerhin, die Keilschriften waren faszinierend – und wir Kinder machten es zu unserem Sport, Archäologen zu mimen und „antike“ Ziegel mit Rollsiegel-Keilschrift darauf aus Babylon zu „entdecken“. Die lagen dort überall herum. Vermutlich (hoffentlich!) neuzeitliche Kopien.

Heute würde ich gern mal wieder nach Babylon reisen, das Fundament suchen und einfach mal an diesem biblischen Ort weilen. Zwar soll Saddam dort Ende der 80er Jahre alle Ruinen „aufgebaut“ haben, ähnlich protzig wie einer seiner Paläste, der dort neben dem Fundament steht. Und die späteren Plünderer haben sicherlich nicht viel übrig gelassen. Dennoch, Babylon ist ein zentraler Ort meiner Kindheit.

Und wenn ich heutzutage aus dem Irak endlich nicht mehr nur Bilder von Toten, Krankenwagen und schreienden Menschen zu sehen bekomme, sondern Bilder des neuen Irak, vom Alltag, von Universitäten und Geschäften, von Restaurants und Büros – da keimt ein Gedanke in mir auf: Vielleicht doch. Vielleicht werde ich doch irgendwann noch mal nach Bagdad kommen. Ich hatte es bereits als völlig unmöglich, als undenkbar verbucht. Nach Bagdad, sagte ich mir, da kommst du nie mehr, Bagdad ist die Hölle. Und so war es ja auch, und ist ja eigentlich immer noch.

Aber die Zeiten ändern sich, langsam. Es gibt Grund zur Hoffnung. Und vielleicht wird es für meine Kinder in einigen Jahren wirklich unspektakulär sein, wenn sie sagen: „Du, Mama, ich flieg morgen nach Bagdad, für ein paar Tage, da ist 'ne interessante Konferenz“ oder „Ich besuch' nächsten Sommer meinen Kumpel in Bagdad, der macht da ein Auslandssemester, kannst Du mir was zum Flug dazugeben?“. So wie man heute – ohne einen Gedanken zu verschwenden – nach Stettin reist, in Prag auf ein Filmfestival geht und jeden Tag mehrmals ohne jedes Aufheben von West- nach Ostberlin radelt. Es ist noch nicht so lange her, da war dies alles undenkbar. Damals lebte ich in Bagdad.

Anfang 1983, ich war gerade in die zweite Klasse gekommen, da zogen wir nach Bagdad. Mein Vater sollte„Nach Bagdad, sagte ich mir, da kommst du nie mehr, Bagdad ist die Hölle.“ dort für ein deutsches Unternehmen arbeiten, meine Mutter, mein Bruder und ich zogen mit. Arabien! Sindbad, Babylon, Tausendundeinenacht - wow! Ein Besuch in Deutschland war nur einmal jährlich in den Sommerferien drin - wir mussten ja schließlich zur Schule, zur Deutschen Schule Bagdad, die damals etwa einhundert Schüler zählte. Kurzum: Wir waren dann mal weg.

In Gedanken gehe ich die Wege meiner Kindheit. Ein Fahrer namens Latif fuhr uns täglich in seinem weiß-orangenen Taxi zur Schule. Durch die grüne Stadt Bagdad, vorbei an Saddams Hauptpalast über den riesigen Tigris. Ja, Bagdad ist (oder war) unglaublich grün. Überall Palmen, Parkanlagen, Gärten. An der Farbe des Tigris konnte man manchmal erkennen, ob ein Sandsturm nahte (rot) oder sich einer der seltenen Regengüsse ankündigte (grau). Oder ob einfach wie fast immer wieder klarer sonniger Himmel mit trocken-heißen Temperaturen zwischen 30 und 50 Grad zu erwarten waren.

An jeder Ecke standen Soldaten mit Gewehren, Militärautos mit Maschinengewehren und Sandsäcken, vor den Gebäuden Panzer, obendrauf die Flaks – wie es sich für eine ordentliche Diktatur gehört. Wir fuhren vorbei an der US-Botschaft und an Arafats irakischem PLO-Hauptquartier. Und auf eigentümliche und unheimliche Weise vertraut sind mir bis heute Bilder von Saddam – kein Blick auf eine Straße, kein Laden, kein Gebäude ohne sein smartes, freundliches oder väterliches Konterfei: in allen Trachten des Landes, als Gläubiger, als Kurde, als Scheich, im Anzug oder mit Kindern auf dem Arm, Saddam ist für alle da.

Ich versuche, mich an die Straßenzüge zu erinnern, durch die ich einst den von den Franzosen organisierten Bagdad Halbmarathon mitlief und entsinne mich des damals hochmodernen Universitätsgeländes, auf dem wir dafür mit einem Lehrer trainiert hatten. Und ich erinnere mich an unser jährliches Sommerfest, das aus irgendeinem Grund stets gemeinsam mit der japanischen Schule gefeiert wurde. Es endete mit einem Fußballmatch Deutsche Schule gegen Japanische Schule, für das die Jungs mit den „Haudies“ (den Männern vom Hausordnungsdienst - kurz HOD - der Botschaft) vorher trainierten.

Vielleicht gibt es noch das Haus, in dem unser Schulleiter mit seiner Familie wohnte. Jedes Jahr wurde dort das Klavier für den Musikabend auf die Terrasse unter den riesigen Maulbeerbaum geschoben und der Garten mit Stuhlreihen aus der Schule bestückt. Die deutschsprachige Gemeinschaft im Irak - Geschäftsleute, Ingenieure, das Botschaftspersonal, unsere Lehrer und alle übrigen Eltern - lauschten dann unseren ersten Schülerauftritten an Klavier, Gitarre oder am Cello.

Bestimmt würde ich auch das am Stadtrand liegende Wohngebiet wiederfinden, in dem ich mich mal auf dem Geburtstagsfest einer Schulfreundin bei der Schnitzeljagd stundenlang verirrt hatte und von fürsorglichen Leuten aus der Nachbarschaft schließlich getröstet und bewirtet wurde. Bis heute tragen mir ehemalige Schul- und heutige Freunde nach, dass seit diesem Ereignis Schnitzeljagd auf unseren Kindergeburtstagen verboten war.

Und es soll noch die Kirche geben, in der wir jedes Jahr Weihnachten feierten – ich erst mit der Flöte bewaffnet und später inbrünstig als Maria im Krippenspiel glänzend. Au weia. Naja, so erinnert sich vermutlich jeder an mehr oder weniger peinliche Szenen seiner Kindheit.

Und wenn dieser Tage die Messe in Erbil deutsche Rekordbeteiligung verzeichnet, werden Bilder wach von dem jährlichen Großspektakel Bagdad International Fair: Während die Erwachsenen wichtig wichtig Geschäfte besprechen, vertreiben wir Kinder uns die Zeit mit der Jagd auf die schicksten Werbegeschenke.

Um uns herum tobte der Golfkrieg

Es war für mich eine schöne Zeit, spannend, sehr besonders, auch wenn mir das als Kind nicht immer bewusst war. Aber durchaus bewusst war auch uns „Ich kenne das beklemmende Gefühl, das Fliegeralarm in der Magengegend auslöst.“Kindern, dass wir inmitten eines Krieges lebten. Wir waren als privilegierte Ausländerkinder sicher sehr viel indirekter betroffen und geschützter als die Iraker selbst. Aber um uns tobte unübersehbar der Golfkrieg, der später als der erste Golfkrieg in die Geschichte eingehen sollte.

Mit dem Wort Krieg assoziiere ich bis heute nicht wie die meisten Deutschen den Zweiten Weltkrieg. Ich verbinde damit die Erinnerung an die Wucht eines Raketeneinschlags - mehr als 30 Raketenangriffe erlebten wir in Bagdad bis 1987. Sowie an das beklemmende Gefühl, das Fliegeralarm in der Magengegend auslöst – und das über die Entwarnung hinaus anhält. Die erste Rakete, an die ich mich erinnere, riss jenes Loch in das Hochhaus der Raffidain-Bank, das noch lange Zeit als mahnendes Denkmal über der Stadt prangte. Eine weitere traf die Raffinierie in Daura, die von einer deutschen Firma wieder aufgebaut wurde. Am deutlichsten habe ich aber an jene Nacht in Erinnerung, die wir, jeder im Schlafanzug unter einem Türrahmen stehend, bei uns zu Hause verbrachten: Eine Detonation folgte der anderen, ein Großangriff? Nach einem Raketenangriff wusste man immer gleich: Es ist vorbei, nichts passiert, mehr haben sie nicht, frühestens in zwei Tagen wieder. Aber in jener Nacht schien es Raketen zu hageln. Am nächsten Tag wurde klar: Sie hatten einfach eine Munitionsfabrik am Rand der Stadt erwischt.

Die Gefechte zwischen Iran und Irak waren aber auch in ruhigeren Zeiten allgegenwärtig: Abends sollte man tunlichst nicht den Fernseher anstellen, denn nach den stundenlangen Bildern von Saddam (Der Meister verteilt Orden, der Meister tätschelt Kinder, der Meister hält Reden) brachte man stundenlang Bilder von der Front – Leichen mit abgerissenen Körperteilen, dramatische Musik und kriegstreiberische Kommentare dazu im Hintergrund.Spontane Straßensperren, bei denen junge Männer aus Autos geholt und direkt an die Front verschickt wurden, in die irakische Flagge eingehüllte Särge auf Autodächern, unzählige Brazilis – VW Passats aus Brasilien, mit denen Staatsdiener und Hinterbliebene gefallener Soldaten getröstet wurden, gehörten zum Stadtbild.

Zeitweise wurden auch einige Lebensmittel knapp. Es gab im Grunde alles und halbwegs erschwinglich, was man zum Leben braucht, nur komischerweise oft kein Hühnerfleisch, keine Bananen und keine Äpfel, glücklicherweise nur kurze Zeit kein Klopapier. Und unvergessen, wie meine Mutter einem Geschäftsbesucher aus Der Iraqi Dinar war damals um die 10 DM wert. Deutschland einen ordentlichen Schrecken einjagte, als sie von den mal wieder wahnsinnig langen Eierschlangen berichtete – und damit nicht etwa eine gefährlich giftige Spezies von Schlangen meinte, sondern einfach die nach Eierpaletten anstehenden Menschenmengen. Aber ganz ehrlich: Uns mangelte es nicht wirklich an etwas. Die westlichen Expats hielten sich ja nicht aus humanitären Gründen, sondern zum Geldverdienen im Irak auf. Und der Irak war ein wohlhabender Staat: Der Iraqi Dinar war damals um die 10 DM wert!!

Aber die Iraker? Nun, selbst durch meine Kinderaugen von damals erinnere ich sie als unter dem Krieg und dem Regime leidend: Keine Meinungsfreiheit, viel Trauer um gefallene oder verschollene Familienmitglieder, Angst vor willkürlichen Verhaftungen, Berichte von gefolterten Gefangenen, keine Reisefreiheit, Berichte von grausamen Morden und Massakern im Norden. Zu enger nicht-geschäftlicher Kontakt zu Ausländern wie uns wurde gemieden, es galt als suspekt. Und tatsächlich wurden in der Nähe eines jeden Ausländerhauses mehr schlecht als recht verdeckte Geheimdienstleute in hollywoodreifen khakifarbenen kurzärmeligen Sommeranzügen stationiert.

Gleichzeitig genossen viele Iraker eine erstaunliche religiöse Freizügigkeit, einen gewissen Wohlstand und weitgehend Gleichberechtigung von Frauen: Im Stadtbild erkannte man die armenischen christlichen Frauen an ihren dicken Haarzöpfen und die orthodoxen Priester an ihren eigentümlichen Kostümen und Kopfbedeckungen. In den großen internationalen Hotels wurden üppige Hochzeiten gefeiert, reiche Scheichs aus den Golfstaaten kamen mit ihrem Gefolge gerne in den Irak. Mit Selbstverständlichkeit wurde Alkohol wurde ausgeschenkt. Angenehme Abendpartys an Gartenpools bis spät in die lauen Nächte, Händchen haltende Pärchen und Grüppchen junger Frauen in hoch geschlitzten Röcken in den Parks, ein alltägliches Bild.

Es scheint mir eine recht große Mittelschicht gegeben zu haben, nicht besonders wohlhabend, aber auch nicht bitterarm. Fast alle irakischen Kinder besuchten eine Schule, in ordentlichen Schuluniformen, einem Relikt aus der britischen Besatzungszeit. Mit broken English kam man stets durchaus gut durchs Land. Und neben den Müttern und Hausfrauen mit und ohne Kopftuch oder Abaya – gab es viele Frauen, die in Banken arbeiteten, in Behörden oder an Schulen. Sie betrieben Kunstgalerien oder studierten Fächer wie Medizin oder Literatur. Die westliche Lebensweise nach dem Vorbild der USA, die dem Irak im Kampf gegen den Iran zur Seite stand, war gesellschaftlich ebenso akzeptiert wie die traditionell oder religiös geprägte. Aus den benachbarten arabischen Ländern kam man gern an eine der hoch angesehenen Universitäten des Iraks, um Medizin, Literatur, Archäologie oder was auch immer zu studieren. Besonders gern kam man in die älteste Universitätsstadt der Welt und modernen Hauptstadt, nach Bagdad.

Mit diesen schönen Bildern vor meinem inneren Auge kehre ich in Gedanken in die Nach-Saddam, Nach-Embargo, Nach-Kriegs- und vielleicht bald Nach-Besatzungszeit ins Jahr 2010 zurück. Es sieht so aus, als würde sich im Irak vieles doch endlich zum Guten, zum Besseren wenden. Dann werde ich irgendwann mal in den Irak reisen. Und einen Ausflug nach Babylon unternehmen, ist doch klar.

 

Foto: Cathy Narriman (WPI)