Bagdad-Briefings Teil 22: Von kleinen und hohen Tieren
27.07.2010  | Abu Ghada   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
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Was den Deutschen der Kraken-Paul, ist den Irakern der Kater Louis


Wie allgemein bekannt, haben die Iraker derzeit immer noch keine Regierung, ein Zustand, den Politiker wie Medien interessanterweise als „Verhandlungs-Dynamik“ bezeichnen. Damit gemeint ist zum Beispiel folgendes: Da trafen sich vor Tagen der liberale Schiit Iyad Allawi als Repräsentant der Sunniten mit dem Führer der schiitischen Friedensmiliz Muqtada Al-Sadr in Damaskus – auf Initiative unserer lieben Nachbarn Syrien und Iran sowie der Türkei als Schiedsrichterin, die allesamt nur Gutes für das irakische Volk wollen und sich keineswegs in die inneren Angelegenheiten des Irak einmischen. So sagen sie's zumindest!

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Oder: In Bagdad konferierten die Spitzenpolitiker des neu gegründeten Nationalen Bündnisses, das aus dem „Rechtsstaat“ des noch amtierenden Ministerpräsidenten Nuri Al-Maliki und der Irakischen Nationalen Allianz von Ammar Al-Hakim besteht, aber im Grunde genommen eigentlich gar nicht besteht, da es weder eine gemeinsame Führung gewählt hat noch sich auf einen gemeinsamen Kandidaten für das heiß umstrittene Amt des Ministerpräsidenten einigen kann. Daher versucht auch eine jede Seite die andere unter Druck zu setzen, indem sie sich in Form eines Seitensprungs zu einem Tête-à-Tête mit der Irakischen Liste von Allawi eingefunden hat.

Nach all diesen Treffen und Gesprächen treten unsere klugen, auf das Wohl der Bürger bedachten Führer vor die Kameras, um dem unwissenden Volk lächelnd mitzuteilen, dass sie einen offenen, flexiblen Dialog geführt, weitere Fortschritte verwirklicht und sich geeinigt haben, ihren Dialog im Rahmen von Ausschüssen fortzusetzen.

Im ersten Moment klatschte der einfache Mann von der Straße in die Hände – im Glauben, jetzt seien endlich alle Differenzen unter seinen – nicht vom Himmel herab gesandten, zumindest aber von unseren Freunden in Washington, Teheran, Damaskus, Riad und weiß der Teufel noch von woher dirigierten Führern gelöst. Wird er ja doch bald wieder eine Regierung haben!

Doch kaum sind ein paar Stunden vergangen, da verkündet auch schon eine jede Seite der großen Bündnisse ihr dynamisches Beharren auf dem Amt des Ministerpräsidenten und will nichts mehr von den Zugeständnissen und vermeintlichen Vereinbarungen wissen. Der Mann auf der Straße fragt sich, war das Lächeln der Führer vor den Kameras gar ein Lachen über das leichtgläubige Volk?

Dieses Hin und Her geht nun schon seit über vier Monate, dachte ich mir voller Sorgen.In diesen Gedanken versunken, wurde ich plötzlich von einem starken Klopfen an meiner Haustür aufgeschreckt. Im Übrigen wird bei uns an die Tür geklopft und nicht auf die Haustürklingel gedrückt, weil die Klingel in Ermangelung an Strom nicht funktioniert. Als ich die Tür öffnete, fand ich meinen Nachbarn Abu Ahmed vor mir stehen. Nach einem „Salam Aleikum“ und einem „Aleikum Salam“, bat mich Abu Ahmed um Eintritt, um mir eine Geschichte von seinem schwarzen Kater zu erzählen. Da ich wahrlich nicht bei guter Laune war, führte ich ihn ins Gästezimmer und freute mich schon darauf, endlich von meinem pessimistischen Zustand herausgerissen zu werden, denn Abu Ahmed hatte immer schöne Geschichten zur Hand.

Ich kannte den Louis unseres Nachbarn schon seit Jahren. Er hat die Eigenart, den Garten meines Nachbarn schon frühmorgens zu verlassen, um auf den Straßen und in den Gassen unseres Viertels herumzustromern und nach schönen Katzen zu suchen. Kater Louis ist in unserer Gegend bekannt und wird für die rapide Zunahme der Katzen in unserem Viertel verantwortlich gemacht, denn er ist der stärkste und auch noch der dunkelst schwarze Kater und er weiß es auch. Sobald ihn ein anderer Kater erblickt, sucht er das Weite. Die Katzen und Kätzchen dagegen ergeben sich widerstandslos seinem Willen.

Bei einem Tässchen schwarzen Tee fing nun Abu Ahmed an, von seinem tiefschwarzen, fetten Kater zu erzählen:

„Weißt Du, nachdem ich die Fußballweltmeisterschaft und die Vorhersagen vom Kraken-Orakel Paul verfolgt hatte, kam mir die Idee, meinen Louis über den kommenden Ministerpräsidenten Orakeln zu lassen. Ich bildete mir ein, dadurch weltberühmt und steinreich zu werden. Du weißt ja, dass Louis nicht vor zehn Uhr nachts nach Hause kommt und sobald er eintrifft, begibt er sich zu seinem Futternäpfchen, um sein Abendessen einzunehmen und sich danach vollgefressen zur Ruhe zu legen. Gestern hatte ich Besuch von einem alten Freund aus dem Land. Zum Mittagessen grillte uns meine Frau einen großen Fisch. Der schmeckte dermaßen, dass wir wirklich nur noch die Gräten und den Kopf übrig gelassen hatten.

Abends, als Louis noch nicht eingetroffen war, habe ich den verbliebenen Kopf des Fisches genau in der Mitte zerteilt, sodass zwei gleiche Hälften entstanden. Ich legte eine jede Hälfte in einen Napf und fügte jeweils ein Foto von einem unserer hochverehrten Politiker hinzu...Kurz vor zehn traf Louis torkelnd und müde wie immer nach einem langen Tag voller körperlicher Verausgabung im Garten ein. Ich beobachtete ihn von meinem Schlafzimmerfenster aus. Er bewegte sich stracks zum Platz seines Futternapfes und staunte, als er statt einen zwei Näpfe vorfand.“

Da Abu Ahmed ins Stocken geriet und – wie mir erschien – zu grinsen begann, drängte ich ihn, endlich weiterzuerzählen.

„Willst Du wirklich wissen, was mein Louis gemacht hat?“, fragte er mich. Es schien ihm ein Genuss zu sein, mich ungeduldig auf das Ende der Geschichte warten zu lassen. Aber dann tat ich ihm wohl doch etwas leid, sodass er mit folgenden Worten das Kater-Orakel offenbarte:

„Mein Louis ging zum ersten Napf und roch daran. Dann ging er zum zweiten und roch ebenfalls daran. Obwohl Fischköpfe zu seinem Lieblingsgericht gehörten, kehrte er zum ersten Napf zurück und fraß das Gras neben dem Napf.“

„Also“, rief ich begeistert, „dann weißt Du nun, wer Ministerpräsident wird!“

Die Antwort von Abu Ahmed kam bitter: „Das hatte ich im ersten Moment auch geglaubt. Nur ging Louis danach zum zweiten Napf und fraß auch dort das Gras neben seinem Fressnapf.“

Liebe Leser, wenn Louis genauso Recht haben sollte wie Paul, dann müssten wir mit einem Konsenskandidaten rechnen, auf die sich alle Parteien – ob sie wollen oder nicht – zu einigen hätten. Ansonsten bekommt Louis – ob er will oder nicht – zwei Jahre die eine Hälfte des Fischkopfs und für die zwei Jahre danach die andere Hälfte. Ich befürchte nur, dass sich Louis dies nicht gefallen lassen wird. Dann wird er nicht mehr zu meinem Nachbarn Abu Ahmed zurückkehren. Und stark genug ist er ja dazu, wie alle Kater und Katzen unserer Gegend bezeugen können.

Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten.

 

Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)