Meinung & Analyse / Gesellschaft

Warum der Überfall auf einen Fußballclub oder die Flucht eines Gefängnisdirektors im Irak allenfalls zu einem Klatschgespräch taugen
Ein Gespräch über die Flucht des mutmaßlichen Mörders der Leiterin der humanitären Hilfsorganisation „Care International“ Margaret Hassan aus dem Gefängnis ist wie eines über die Sommerhitze: Beides sind vorübergehende Angelegenheiten, die weder eines langen Nachdenkens noch der Suche nach dem Verantwortlichen dafür erfordern. Man spricht darüber und fertig!
Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen TeileTeil 11: Du stirbst nur zweimalTeil 12: HimmelfahrtskommandoTeil 13: Spätkapitalistischer SalonbolschewismusTeil 14: Die ReisfrageTeil 15: Checkpoint AliTeil 16: Konstituierende Bananenrepublik Teil 17: Hundejagd Teil 18: Hiob im Dunkeln Teil 19: Homerisches Gelächter Teil 20: Zauberserum gegen MachtgierTeil 21: Ein Esel kann's auch mal seinTeil 22: Von kleinen und hohen Tieren
Genauso verhält es sich mit der Flucht von vier Topterroristen des Qaida-Ablegers „Islamischer Staat im Irak“ aus Camp Cropper samt Gefängnisdirektor. Sie ereignete sich nur einige Tage nach der Übergabe dieses Hochsicherheitsgefängnisses von den Amerikanern an die Irakischen Sicherheitsbehörden. Die Amerikaner hatten zur Bedingung gestellt, dass der Gefängnisdirektor Omar Khamis im Amt verbleibt.
Auch die chaotische Absetzung des Präsidenten des überstaatlichen Gremiums für Immobilienkonflikte in der Grünen Zone durch ein Militärtrupp haben die Iraker zu einem flüchtigen Klatsch genutzt und kurz danach wieder vergessen; auch, dass er durch eine völlig unbekannte Person ersetzt wurde.
Selbst das Stoppen des Konvois des Exekutiv-Direktors der „Rechenschafts- und Gerechtigkeitskommission“, der Nachfolgerin der Entbaathifizierungs-Kommission, mitten auf einer Zentralbagdader Straße sind nur ein Tagesgesprächs wert. Genau so, dass seine Fahrzeuge konfisziert und seine Leibwächter (angeblich von Mitarbeitern des Innenministeriums) verhaftet wurden, so dass der Mann allein auf der Straße zurückgelassen wurde.
Und als ein Trupp, dessen oberste Instanz bis dato noch unbekannt ist, in offizieller Armeeuniform und dazu gehörenden Militärfahrzeugen das Quartier des Nationalen Fußballbundes stürmte, um dessen Verantwortlichen zu verhaften, die Gott sei Dank nicht anwesend waren, hatte sich die Regierung lediglich zu einer legeren Erklärung herab gelassen: Dieser Trupp unterstehe nicht den Regierungsinstanzen beziehungsweise Sicherheitsorganen. Als ob dieser Trupp auf Eigenermessen losgezogen wäre! Der Mann auf der Straße fragte sich nur kurz „wem gehörte denn dann dieser Trupp an, der angab, im Besitz gerichtlicher Haftbefehle zu sein?“ Wie dem auch sei, das Volk vergaß diese Lappalie nach kurzer Zeit.
Dies sind nur einig der zahlreichen Vorfälle, über die man im Irak spricht, um sie nach kurzer Zeit wieder zu vergessen. So verhielt es sich auch mit der Dame namens Zina, die das Geld des Bagdader Stadtrates geraubt hatte, von der Interpol in Libanon festgenommen und den zuständigen irakischen Stellen übergeben wurde. Wo sie jetzt ist und wer mit ihr unter einer Decke gesteckt hat, weiß niemand. Wozu auch?! Man redet darüber und vergisst es.
Aus Malaysia soll auch der Ex-Parlamentarier Mohammed Al-Dayeni zurückgeholt worden oder zurückgekehrt sein, der für die Sprengstoffexplosionen im Parlament im April 2007 verantwortlich gewesen sein soll. Ob er frei lebt oder im Gefängnis sitzt, darüber haben sich die Iraker auch aus Kurzweil unterhalten und den Mann wieder in Ruhe gelassen.
Für weiteren zeitweisen Gesprächstoff sorgten natürlich auch die zahlreichen Banküberfälle in Bagdad und selbstverständlich auch die Ermordung von Soldaten und Polizisten neben Zivilpersonen am vergangen Donnerstag.
Wie gesagt, alles Ereignisse, über die man nur flüchtig spricht, weil sie den Mann auf der Straße nicht persönlich angehen. Dieser Mann hat weitaus wichtigere Angelegenheiten, an denen er leidet und über die er täglich spricht, ohne sie vergessen zu können, da sie sich täglich wiederholen.
Dass er bei über 50 Grad Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit innerhalb von 24 Stunden nur drei bis höchstens vier Stunden Strom hat, dass er kein sauberes Trinkwasser hat, dass er keine Arbeit hat und dass die Politiker, die vom irakischen Volk angesichts der Drohungen der Qaida unter Todesgefahr gewählt wurden und nun seit fast fünf Monaten um Macht, Geld und andere engstirnige Parteien-, Konfessions- und Privatinteressen feilschen, ohne zu einem Resultat zu kommen: Das ist das alltägliche, ja allstündliche, nie ausgehende Gesprächsthema des Mannes auf der Straße.
Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten.
Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)











