Bagdad-Briefings Teil 25: Der Schein der Heiligkeit
16.08.2010  | Abu Ghada   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
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Im Fastenmonat Ramadan laben sich die Verantwortlichen des irakischen Staates mit festlichen Speisen und großen Reden auf ihre Heldentaten


Ramadan ist für die Moslems nicht nur ein Monat des Fastens und der besonderen Hingabe zum Koran und Gebet. Fasten heißt auch, dass sich die Zunge und die Hand des Gläubigen besonders in diesem heiligen Monat vor Bosheiten und Untaten hüten. Ramadan ist für die Moslems ein Anlass für die innere Einkehr und Besinnung. Er verzeiht anderen Menschen ihre Fehler und überdenkt sein Leben und seine Taten, ob er niemandem Leid zugefügt hat und von seiner Position aus gemäß seinen Möglichkeiten danach strebt, Wohltaten für seine Mitmenschen zu vollbringen.

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Diese Worte sollte sich ganz besonders ein jeder Verantwortliche des irakischen Staates zu Herzen nehmen, gleich ob er ein Minister, ein Polizist oder ein Beamter im öffentlichen Dienst ist.

Nach Sonnenuntergang sollten sich diese Verantwortlichen wenigsten zehn Minuten Zeit nehmen, bevor sie etwas trinken oder essen, um nicht nur ihrer Villennachbarn zu gedenken, sondern sich auch die Frage zu stellen, ob sie ihren zu Ende gegangenen Arbeitstag in der Weise verbracht haben, die Allah und die Mitmenschen zufrieden stellt. Ob sie alle Menschen, denen sie begegnet sind oder die sie in ihren Büros empfangen haben, gleichermaßen behandelt oder einige wegen privaten Bindungen oder parteilichen beziehungsweise konfessionellen Beziehungen hintergangen oder übervorteilt haben.

Die Verantwortlichen des Staates sollten sich aus Respekt vor diesem Monat ihr tägliches Handeln vor Augen führen und nach jedem Dinar der öffentlichen Gelder fragen, woher er gekommen und wohin er geflossen ist; für das Wohl des Volkes oder in die eigene Tasche?

Die Herren in der Grünen Zone sollten an jene Iraker denken, die abends nach einem langen heißen Fastentag kein sauberes Wasser haben, mit dem sie ihre ausgetrockneten Lippen befeuchten könnten. Sie sollten sich bewusst werden, dass auf ihrem Esstisch kein Fleisch zu sehen ist, weil sie es sich nicht leisten können, ja dass sie in der glühenden Hitze dieser Augusttage nicht einmal in den Genuss einer frischen Brise kommen, weil es keinen Strom gibt, mit dem sie eine Kühlanlage oder wenigstens einen Ventilator in Betrieb nehmen könnten. Sie sollten sich klar machen, dass jene Iraker schon nicht mehr wissen, was ein Generator ist, weil sie nicht das Geld haben, sich einen zu kaufen oder das Benzin dafür zu ergattern.

Tausende Verantwortliche der irakischen Regierung fasten täglich, widmen sich Tag und Nacht dem Gebet und lesen den Koran. Keiner von ihnen macht sich aber die Mühe, darüber nachzudenken, dass es Hunderttausende Menschen gibt, die sich vor Schmerzen krümmen und es sich finanziell nicht leisten können, einen Arzt aufzusuchen, die einen langsamen Tod sterben, weil sie nicht über zwanzig oder dreißig Dollar verfügen, um sich Röntgenbilder anfertigen zu lassen, die ihr verborgenes Leid ans Tageslicht bringen würden.

Dagegen weiß ich von Verantwortlichen unserer Regierung, die ungeachtet modernster Klimaanlagen in ihrer Villa und ihren gepanzerten Fahrzeugen die Hitze in Bagdad nicht ertragen können und lieber in einem Nachbarland oder noch besser in einem europäischen Staat den Fastenmonat verbringen, weil es dort schneller dunkler wird.

Ich kenne Mütter, die in den vergangenen sieben Jahren Stammkunden von Fleischern, Gemüse- und Obsthändlern geworden sind. Die Verkäufer stellen am Rande ihrer Geschäfte Kisten auf, in die sie verdorbene Fleischreste, verfaultes Obst und Gemüse werfen, die diese Mütter in ihre Einkaufsbeutel stecken. Ihre Kinder schleichen auch mal zu Villen der neuen Machthaber außerhalb der Grünen Zone, wo sie in den Mülltonnen opulente Reste frisch gekochten oder gegrillten Fleisches genauso wie saftiges Obst und Gemüse finden, die übersatte Leibwächter dieser Verantwortlichen dort hineingeworfen haben.

Ich kenne Kinder unseres Volkes, die seit dem letzten Fest zum Fastenbrechen und noch länger ihre Kleidung nicht gewechselt haben und die auch zum kommenden Fest keine neue Kleidung bekommen werden. Dagegen weiß ich, dass die Regierung für die neuen Parlamentarier, die von diesem geschundenen Volk gewählt wurden und die bisher nur zu einer einzigen Sitzung pro forma zusammengetreten sind, mehr als 42 Millionen US-Dollar ausgegeben hat, damit sie sich neue Häuser kaufen oder mieten, kugelsichere Fahrzeuge beschaffen, Leibwächter anstellen und nicht nur zum heißen Fastenmonat ins Ausland flüchten können.

Hunderttausende, ja Millionen Iraker können sich zum Fastenbrechen keine appetitlichen Speisen leisten, haben weder sauberes Wasser und nicht einmal Strom, um wenigsten Nachts ruhig schlafen zu können, obwohl ein ruhiger Schlaf zu den heiligen Grundvoraussetzungen des Fastens gehört. Einige werden – wie zuvor schon andere – vor Hunger und Durst sterben und ihrer heiligen Pflicht des Fastens auch in diesem Monat nicht vollständig nachkommen können. Doch die Verantwortlichen können – Allah sei gedankt – beruhigt weiterfasten. Beweis dafür sind die üppigen Mahle zum allabendlichen Brechen des Fastens, zu denen sie sich gegenseitig einladen, um – vom Duft des Gegrillten, Gebratenen und Gekochten und dem Geklirre des goldenen oder zumindest silbernen Geschirrs umgeben –, ihren Glauben an Allah und ihren heldenhaften Kampf für das Wohl ihres Volkes in endlosen Sondierungsgespräche zu beteuern.

Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten.

 

Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)