Bagdad Briefings Teil 28: Der Preis ist heiß
06.09.2010  | Abu Ghada   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
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Was bringt der Abzug der Amerikaner den Irakern? Neues aus einem Land irgendwo zwischen Freiheit und Ruin


US-Präsident Barack Obama verkündete am 31. August die Einstellung der Militäroperationen der US-Armee im Irak und den vollständigen Abzug der US-Kampftruppen gemäß dem langfristigen Sicherheitsabkommen (SoFA), das im Dezember 2008 zum Ende der Amtszeit von Präsident George W. Bush zwischen Washington und Bagdad geschlossen wurde und am 1. Januar 2009 in Kraft getreten war. Somit sei laut Obama die rund siebeneinhalb Jahre währende Operation „Freiheit für den Irak“ beendet und die Operation „Neue Morgenröte“ eingeleitet worden.

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Damit nicht nur das irakische Volk, sondern gleich die ganze Welt die Aufbruchsstimmung der „neuen Morgenröte“ im Lande so richtig mitbekommt, überreichte der bisherige Oberbefehlshaber der US-Truppen im Irak General Raymond Odierno seinem Nachfolger Generalleutnant Lliod Austin den Sternenbanner in Sekundenschnelle.

Der Irak hat also mit dem Abzug der 50.000 US-Kampfsoldaten seine Freiheit und vollständige Souveränität wiedererlangt!

Siebeneinhalb Jahre haben die US-Kampftruppen gebraucht, um den Irak zu befreien und zur Demokratie zu führen, nachdem sie nicht mehr als zwanzig Tage benötigt hatten, um das Imperium des Diktators Saddam Hussein hinwegzufegen und am 9. April 2003 das Symbol der Tyrannei und des Totalitarismus mit Ketten an einem Panzer gebunden vom „Paradies-Platz“ abzureißen.

Dank der weisen Führung des ersten US-Zivilverwalters Paul Bremer wurden auch gleich die irakische Armee und Polizei aufgelöst und die bis dato alleinherrschende Baath-Partei im Zuge der „Entbaathifizierung“ „entwurzelt“. Dank der größten Weltmacht war der Irak somit befreit. Das irakische Volk konnte nun wieder sein Schicksal mit seinem eigenen Willen bestimmen.

Naive Menschen könnten nun fragen, gegen wen und wofür die US-Truppen seit siebeneinhalb Jahren gekämpft haben, wenn das irakische Volk seit April 2003 befreit worden war. Haben die US-Truppen vielleicht den Irak vor seinen ausländischen Feinden geschützt, die Tag für Tag seine Grenzgebiete bombardieren und Hunderte Terroristen einschleusen? Haben sie eine neue reguläre irakische Armee aufgebaut, die die Grenzen des Landes selbst schützen und der Infiltration von Terroristen einen Riegel vorschieben konnte? Haben sie den Millionen Menschen, die zuzeiten des Regimes von Saddam Hussein einfache Soldaten oder Polizisten waren und nach der vermeintlichen Befreiung größtenteils zu einer Armee von Arbeitslosen ohne jede Einnahmequelle geworden sind, die aber noch ihre Waffen besaßen, um einen Nährboden für die Qaida und andere Terrororganisationen zu bilden? Haben die US-Truppen während dieses siebeneinhalb jährigen Kampfes Arbeitsplätze für Millionen hungernde Menschen geschaffen? Oder hat diese US-Armee für die Errichtung riesiger Kraftwerke gekämpft, sodass das irakische Volk dank der USA 24 Stunden am Tage Strom hätte.

Präsident Obama hat in seiner Ansprache am 31. August verkündet, dass die Mission der US-Kampftruppen beendet sei, womit der Irak seine vollständige Freiheit und Souveränität wiedererhalten habe. Allerdings war sich sein Verteidigungsminister Robert Gates nicht ganz sicher, dass die US-Kampftruppen einen freien, sicheren, stabilen, wirtschaftlich starken Irak mit einer national orientierten Regierung, die aus dem Volk herausgegangen ist und von ihm gewählt wurde, hinterlassen haben. Eine Regierung, die in der Lage wäre, die Grenzen des Irak zu schützen und für Sicherheit und Stabilität zu sorgen wie auch Arbeitsplätze und öffentliche Dienste zu gewährleisten.

Präsident Obama sprach vom Abzug der US-Kampftruppen, als ob nicht weitere 50.000 schwerbewaffnete US-Soldaten mit hochmodernen Kampfflugzeugen, Panzern und Interkontinentalraketen auf mehr als neunzig Militärbasen im Irak verbleiben würden, denen gemäß dem SoFA Boden und Himmel des Irak, also das gesamte irakische Hoheitsgebiet, offenstehen.

Was haben die USA nach ihrer siebeneinhalb jährigen Militärpräsenz im Irak hinterlassen? Eine Armee von einer Million Offizieren und Soldaten in eleganter Uniform mit leichten Waffen und Humvees, die nicht einmal einer kleinen Granate standhalten können. Wie dem, den schweren Panzern, modernen Kampfflugzeugen, der Artillerie und den Raketen von Nachbarn an einer offenen Grenze, die dem Irak allesamt nicht wohlgesinnt sind?! Eine Armee ohne jede Macht und Stärke.

Ein ruiniertes Land ohne Industrie und Landwirtschaft, ohne Trinkwasser und Strom. Universitäten und Fachhochschulen, die jährlich Tausende wissenschaftliche Fachkräfte hervorbringen, damit sie auf den Straßen herumlungern oder als Gepäckträger auf Basaren anschaffen, weil sie in einem Land des Erdöls, der weltberühmten Flüsse Tigris und Euphrat und der Zivilisation Mesopotamiens keine feste Arbeitsstelle finden.

Ein Land, das seit sechs Monaten keine Regierung hat, weil dessen neuen Herrscher auf den Panzern der US-Armee mit einmarschiert oder direkt aus einem Nachbarland gekommen waren, das sich an die Iraker wegen des achtjährigen Krieges eines vom Cäsarenwahn befallen Machthabers, an dem das irakische Volk genauso gelitten hatte wie sein Nachbar, rächen und sich zeitgleich die Amerikaner vom Halse halten will.

Ein Volk, das nicht dazukommt, seine infolge Diktaturen, Kriegen und Embargo erlittenen Wunden zu heilen, weil täglich neue Autobomben und Sprengsätze explodieren.

Ein Land mit Machthabern, die nicht die Interessen ihres Volkes verteidigen, sondern jener Staaten, die sie finanzieren und steuern oder in denen sie vor dem Krieg gelebt hatten und deren Staatsangehörigkeit sie angenommen haben.

Ein Land mit politischen Bündnissen, die sich nicht verbünden können, weil sich deren Vorsitzenden um die Machtstühle streiten.

Wenn dies die Freiheit, Demokratie und vollständige Souveränität sind, derentwillen die weltstärkste Armee die Ozeane überquert hat und von denen Mister Obama am 31. August sprach, dann sollten in Zukunft die Völker, die von totalitären, diktatorischen Regimen heimgesucht werden, eine Lehre daraus ziehen, und ihr Geschick lieber in ihre eigenen Hände nehmen, bevor sie dem selbsternannten Weltgendarmen ihre Türen und Herzen öffnen, damit er im Namen der Freiheit und Demokratie ihr Land besetzt und Ruin und Unheil anrichtet.

Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten.

 

Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)