Meinung & Analyse / Gesellschaft

Die Internetplattform Wikileaks hat 400.000 geheime Dokumente der US-Armee über den Einsatz im Irak veröffentlicht. Unser Kolumnist ist mit seinem Friseur einer Meinung: Sie schließen höchstens das Leck des Gedächtnisses
Gestern haben wir uns in unserer Gruppe wieder einmal zusammengefunden. Wer wir sind, fragen Sie, liebe Leser? Zu unserer Gruppe gehören nicht nur Akademikern. Unter uns gibt es auch einen Friseur und einen Automechaniker. Treffpunkt war nicht wie freitags das Café Schahbander an der uralten Bücherstraße Mutanabbi, sondern der Friseurladen unseres Freundes. Hauptgesprächsthema war, wie Sie sich denken können: WikiLeaks.
Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen TeileTeil 20: Zauberserum gegen MachtgierTeil 21: Ein Esel kann's auch mal seinTeil 22: Von kleinen und hohen TierenTeil 23: Die wollen doch nur spielen!Teil 24: Das große FressenTeil 25: Der Schein der HeiligkeitTeil 26: Die Stunde der TyrannenTeil 27: Grüner wird's nicht mehrTeil 28: Der Preis ist heissTeil 29: Für immer RamadanTeil 30: Studenten ohne FutterTeil 31: Der Schwarzenegger von BagdadTeil 32: Reich, reicher, BeamterTeil 33: Ganz großes Tennis
Die erste Frage, die sich ergab, war, was denn neu sei an den rund 400.000 Militär-Dokumenten der US-Army, die die Internet-Plattform Wikileaks über den Irak veröffentlicht hat. Haben diese Dokumente uns Irakern neue Geheimnisse enthüllt, wie es die meisten TV-Sender und anderen Medien der Welt, darunter auch das renommierte Nachrichtenmagazin Der Spiegel, behaupten? Werden diese Enthüllungen eine historische Wende von der Art des Mauerfalls in Berlin herbeiführen, so wie diese neu aufgekochten und aufgeblähten vermeintlich neuen Informationen es vorgeben? Oder werden diese Dokumente zum Sturz von irakischen und US-amerikanischen Politikern führen?
Oder – so fragten wir uns in unserer Friseurrunde weiter – bilden diese Dokumente nichts anderes als eine Auffrischung unseres Erinnerungsvermögens und haben somit nur dazu geführt, dass wir der Tragödien gedenken, die zum blutigen Alltagsleben der Iraker unter der ausländischen Besetzung und Einmischung geworden sind?
In den Gesichtern und dem Ton einiger Gegner Malikis, die wir täglich im Fernsehen verfolgen können, ist eine gewisse Genugtuung unverkennbar; als ob sie sagen wollen: „Dies ist unsere Chance, die wir nicht ungenutzt verstreichen lassen können. Wer weiß, ob sich solch eine Gelegenheit noch einmal bieten wird.“ Der Ministerpräsident wiederrum sprach von „Seifenblasen“, die „schnell“ platzen werden, von einem Komplott seiner Gegner in „Kollaboration“ mit ausländischen Medien und Seiten, um seine Wiederwahl zu untergraben.
Diese Leute haben noch nicht erkannt, dass die Chancen solcher Art tagtäglich gleich dicken Regenwolken vorbeiziehen, ohne dass sie jemand ergreift. Nur ist diese Regenwolke, die Wikileaks in Bewegung gesetzt hat, besonders dicht und schwarz. Sie ist voller widerwärtiger Charakteristika der vergangenen Jahre, voller Mord, Folter und Korruption.
Die internationalen Medien wollen die Reaktionen der Iraker auf diese Dokumente erforschen, als ob unser Volk nichts anderes zu tun hätte, als auf die Enthüllung von Skandalen und Tragödien zu warten, die es täglich durch- und erlebt, um seinen Teil zum Mediengetöse beizutragen… Als ob diese Tragödien zur Vergangenheit gehören und die Iraker in Sicherheit und Ruhe leben würden, sodass ihre Neuentdeckung ihre Neugier wecken würde.
Die internationalen Medien, die anscheinend um das Wohl der Iraker besorgt sind und deswegen diese Skandale veröffentlichen und in die Breite ziehen, wissen nicht oder wollen nicht wahrhaben, dass der Iraker mit Tragödien zu Bett geht und von Tragödien aus dem Schlafe gerissen wird. Für uns Iraker gleichen die Skandalenthüllungen, die Wikileaks in ihrem „Iraq War Logs“ vor einigen Tagen veröffentlicht hat, den Magensäureblockern aus dem Supermarkt, die für eine Weile sprudeln und sich dann in Nichts auflösen. Denn selbst in dem Moment, in dem diese Tagebücher über den Irak veröffentlicht wurden, waren die Iraker mit bereits neuen Skandalen und Tragödien beschäftigt, mit neuen Mordanschlägen, Korruptionsaffären und dem unendlichen Kampf unserer Regierenden um die Machtsessel. Manchmal glauben wir Iraker, Tragödien und Skandale seien Kreaturen, die sich vermehren und mutieren.
Liebe Leser, welcher Iraker hätte in den vergangen sieben Jahren keine Tragödie durchlebt? Etwa der Vater, der seinen Sohn durch eine Autobombe mitten auf der Straße verloren hat? Oder die Mutter, deren Kind oder Mann zerstückelt vor die Haustür geworfen wurde, nachdem er von irgendeiner Miliz entführt worden war? Und was ist mit den Familien im Südirak, die missgebildete Kinder haben und deren Frauen Fehlgeburten erleiden, weil sie in Kontakt mit Uran-verseuchen Waffen gekommen sind?
Alle Iraker erinnern sich an die Tragödien und Skandale des Gefängnisses von Abu Ghreyb, an die Geheimgefängnisse im Bagdader Stadtteil Dschadiriya, die Blackwater-Söldner am Bagdader Adlerplatz, das Niedermetzeln von Frauen, Kindern und Greisen in Zarga mit dem Vorwand der Vernichtung einer konfessionell-fanatischen Gruppierung, an das Verschwindens von einer Milliarde US-Dollar aus dem Verteidigungsministerium, die Entführung des Präsidenten des NOK im Jahre 2006, der bis dato nicht aufgetaucht ist, die unaufhörlichen Korruptionsfälle im Handelsministerium, und auch an die „schwarzen Mittwoche“ und aller anderen Wochentage, an denen Hunderte Menschen durch Autobomben zerfetzt wurden.
Liebe Leser, packen Sie all diese Skandale zusammen mit den Irak-Tagebüchern der WikiLeaks in ein Paket und legen Sie es in Ihre Rumpelkammer!
Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten.
Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)











