Bagdad-Briefings Teil 42: Zu viel Opium fürs Volk
25.01.2011  | Abu Ghada   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
E-mail   Print    


Unserem Kolumnisten wird im Irak ein bisschen zu viel gepilgert und zu wenig gearbeitet


Millionen Pilger aus dem Irak und anderen Ländern sind in diesen Tagen nach Kerbala gekommen, um wie jedes Jahr den Todestag des Imamen Hussein Bin Alik zu begehen. Zu den Riten der Schiiten gehört der Fußmarsch nach Kerbala, wo sich die Grabstätte des Imamen Hussein befindet, und das Gedenken an seinen seines Märtyrertod, in dem sie ihre Liebe und Treue zu diesem dritten Imamen und Enkel des Propheten Mohammed äußern und dessen noblen Charakter und Prinzipien zu Lebzeiten würdigen. So müsste es jedenfalls sein.

Zuzeiten der Diktatur von Saddam Hussein konnten die Schiiten des Irak diesen Ritus nur im begrenzen Maße begehen. Seit dem Sturz des Diktators am 9. April 2003 können sie sich wieder frei ihren Riten widmen. So weit, so gut.

Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen TeileTeil 20: Zauberserum gegen MachtgierTeil 21: Ein Esel kann's auch mal seinTeil 22: Von kleinen und hohen TierenTeil 23: Die wollen doch nur spielen!Teil 24: Das große FressenTeil 25: Der Schein der HeiligkeitTeil 26: Die Stunde der TyrannenTeil 27: Grüner wird's nicht mehrTeil 28: Der Preis ist heissTeil 29: Für immer RamadanTeil 30: Studenten ohne FutterTeil 31: Der Schwarzenegger von BagdadTeil 32: Reich, reicher, BeamterTeil 33: Ganz großes TennisTeil 34: Let's take money!Teil 35: Im Nahen Osten nicht Neues Teil 36: Die Hintergründe des TerrorsTeil 37: Ente aus ErbilTeil 38: Hellau und AllawiTeil 39: Bitte anschnallen!Teil 40: Unter Geiern

Allerdings ist zu bemerken, dass dieser Ritus und die anderen religiösen Handlungen anlässlich der Geburts- und Todestage der zwölf Imame, des Propheten selbst und der zahlreichen anderen religiösen Anlässe im gefährlichen Maße zugenommen haben. Denn diese religiösen Anlässe werden von konfessionellen Politikern zur Vertiefung der Kluft zwischen den zwei großen Konfessionen des Islam ausgeschlachtet. Und dann sehen wir, dass solche Anlässe zu offiziellen Feiertagen erklärt werden. Wir sehen, dass Millionen Menschen ihre Arbeitsplätze schon Tage vor dem eigentlichen Anlass verlassen und auch Tage danach dort nicht erscheinen. Sie nehmen einen tagelangen Fußmarsch nach Kerbala und den anderen heiligen Stätten auf sich, um sich dabei mit Ketten und Schwertern selbst zu geißeln.

Die Regierung versetzt bei diesen Anlässen ihre Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft, um die Pilger zu schützen, von denen auch in diesen Tagen trotz der verschärften Sicherheitsvorkehrungen wieder Hunderte Gläubige und Nichtbeteiligte durch Autobomben und Sprengsätze getötet wurden oder zu Krüppeln geworden sind.

Wenn man bedenkt, dass all diese Feiertage im Laufe des Jahres zu Monaten auflaufen, in denen weder gearbeitet noch unterrichtet wird, in denen die Regierung und das Parlament, die ohnehin mit neun Monaten Verspätung ihre Aufgaben in Angriff genommen haben, tatenlos dasitzen – dann kann man sich vielleicht in etwa ausrechnen, wie viel dies den Staat kostet.

Ich bin überzeugt, dass diese Anlässe nicht zu solchen wirtschaftlichen Verlusten führen würden, wenn sie spontan und unabhängig von den Gläubigen begangen werden würden. Das Problem ist aber, dass diese Anlässe unter Schirmherrschaft von Regierungsparteien programmiert und dogmatisch durchgeführt werden. So haben diese Parteien regelrechte Netzwerke für die Organisierung der Fußmärsche und Selbstgeißelung mit Tausenden so genannten Zugführern gebildet und sie mit riesigen Geldsummen überhäuft. Selbst Premierminister Nuri Al-Maliki hat dieses Jahr dafür über vier Millionen US-Dollar bereitgestellt.

Den Fußmarsch und die Gefahr, auf den Pilgerreisen von einer Autobombe zerfetzt zu werden, nehmen aber nicht die Machthaber auf sich. Es sind die einfachen, armen Menschen, die von diesen Machthabern irregeleitet und für engstirnige Interessen instrumentalisiert werden.

Wäre es nicht vernünftiger, diese riesigen Geldsummen für das Wohl dieser Menschen einzusetzen? Wäre es nicht vernünftiger, religiös-kulturelle Veranstaltungen anzubieten, die diese einfachen Menschen weiterbilden und über das Leben und Werk der Heiligen aufklären, statt sie auf der Straße zu verfeuern, um den Konfessionszwist zu schüren? Wäre es nicht besser, mit diesen Geldern Arbeitsplätze für eine Bevölkerung zu schaffen, von der laut offiziellen Quellen 5 Prozent unter der Armutsgrenze leben?

Wenn diese vermeintliche Freiheit weiterhin so gelebt wird, können wir damit rechnen, dass die Iraker ihr Leben auf religiösen Anlässen verbringen und die Sicherheitskräfte der Regierung nichts anderes mehr zu tun haben, als die Trauerzüge zu schützen. Schon jetzt wird das Leben im Irak zum größten Teil von solchen Anlässen bestimmt, die selbstverständlich von bestimmten Kräften politisiert werden. Die Religion hat in alle Teile der Gesellschaft Einzug gehalten.

Selbst der Nachbar Iran, der nicht wenigen hiesigen Politikern als Vorbild dient, sorgt dafür, dass sich diese Anlässe in Grenzen halten, damit das iranische Volk seiner täglichen Arbeit nachgehen und die Wirtschaft des Landes aufbauen kann. Die Ämter wie auch die Universitäten sind bei solchen Anlässen geöffnet, Armee und Polizei sind nicht ausschließlich damit beschäftigt, die nicht endlosen Trauerzüge zu beschützen.

Die vernünftigen Menschen im Irak sind davon überzeugt, dass nicht einmal die Imame, selbst Hussein Bin Ali, mit diesem Chaos einverstanden wären. Es kann nicht angehen, dass ein ganzes Volk nur in Gedenken an verstorbene Imame lebt und deswegen monatelang nicht arbeitet. Wenn das so weiter geht, wird das irakische Volk – so wie es manche Staaten nicht nur in unserer unmittelbaren Nachbarschaft wollen – zu einem unproduktiven Volk und sein Land zu einem billigen Absatzmarkt ausländischer Produkte.

Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten.

 

Foto: Sabah Arar (1) (Getty Images)