Jugend forsch
03.05.2011  | Thomas Uwer   

Meinung & Analyse / Gesellschaft
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Der arabische Frühling ist auch im Irak eine Revolte der Jugendlichen. Von Demonstration zu Demonstration steigt ihr Selbstbewusstsein. Denn sie wissen, dass sie in der Überzahl sind


Rizwan Ali war 15 Jahre alt als er starb. Eine von vielen Kugeln, die in den vergangenen Wochen von kurdischen Sicherheitskräften auf jugendliche Demonstranten und Neugierige abgefeuert wurden, traf den Schuljungen aus Suleimaniyah Ende Februar tödlich. Seitdem reißt der Protest gegen die Gewalt der Sicherheitskräfte und Milizen im kurdischen Nordirak nicht ab. Denn offenkundig wurde durch den Tod des Jungen nicht nur, dass sich die Freiheitskämpfer von einst längst selbst zum Machtinstrument der Regierung gewandelt haben. Zutage trat vielmehr auch, was bereits die Menschen in Tunesien und Ägypten auf die Straße getrieben hat: Der Widerspruch zwischen einer zunehmend jungen Bevölkerung und einer kleinen Elite alter Männer, die alle politischen und wirtschaftlichen Schlüsselpositionen besetzt halten und diese mithilfe von Günstlingswirtschaft und Gewalt gegen alle Ambitionen jüngerer schützt.

Der sogenannte »arabische Frühling« ist auch eine Revolte der Jugendlichen, die der Machtapparate ihrer Regierungen und deren ideologischer Verbrämung überdrüssig geworden sind. Es sind vor allem Studenten und Schüler, die seit Anfang dieses Jahres ihre Regierungen das Fürchten lehren - auch im Irak. Alle Gesellschaften des Vorderen Orients sind extrem jung und beinahe alle Regierungen der Region ignorieren die Bedürfnisse und Rechte Jugendlicher konsequent. Im Irak ist dies nicht anders. »Jugendliche sind eine aus der irakischen Gemeinschaft ausgeschlossene Klasse«, zitierte die New York Times erst unlängst einen Jugendlichen aus Kirkuk. Schule und Ausbildung sind im Irak weiterhin schlecht während der Arbeitsmarkt für die große Zahl junger Menschen meist nur unterbezahlte und gefährliche Jobs bereithält. Weil Posten und Ämter im Irak weiterhin vorwiegend nach Zugehörigkeit zu einem der lokal vorherrschenden Stämme oder Loyalität zu einer Partei vergeben werden, schneiden junge Bewerber in der Regel schlecht ab.

Vor allem aber sind Jugendliche eine extrem große »Klasse«: Etwa 38 Prozent der Iraker, schätzt die US-Regierung, sind unter 15 Jahre alt , die Weltbank spricht von 41 %. Rechnet man die aktuelleren Daten der Statistikbehörde der irakischen Regierung dagegen, so sind es wenigstens 43 %. Das Durchschnittsalter wird in der Regel mit etwa 21 Jahren angegeben, wahrscheinlich aber liegt es noch weit darunter. Denn die UN-Entwicklungsbehörde UNDP und die Weltbank, auf deren Daten die Errechnung des Durchschnittsalters fußt, unterscheiden lediglich Kinder unter 14 Jahre und Jugendliche und Erwachsene zwischen 15 und 64. Im Irak aber sind bereits fast 54 % der Bevölkerung jünger als 20, mehr als 71 % jünger als 30 Jahre alt.

Die wenige Jugendarbeit wird zur Rekrutierungsarbeit der Parteien und Milizen

Der weitaus größte Teil der irakischen Bevölkerung besteht also bereits heute aus Jugendlichen, die allerdings in den Entscheidungsstrukturen gänzlich unberücksichtigt bleiben. Und nicht nur dort: Jugendliche Adoleszenz ist ein gesellschaftlich verpönter Zustand, die Pubertät und Sexualität von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist mit einem starken Tabu belegt. Der pubertierende Jugendliche erscheint automatisch suspekt. Im Umgang mit Jugendlichen geht daher Ignoranz einher mit harter Strafe. Auf dem Land werden Mädchen, denen Beziehungen zu Jungen nachgesagt werden, nicht selten getötet. Um solche »Schande« über die Familie zu bringen, muss man nicht erst schwanger werden, das Verbot setzt bereits weit vor der sexuellen Handlung ein. Jede Äußerung von Adoleszenz bedroht den Ehrenkodex der Familie, und folglich wird alles Jugendliche, jeder Kontakt, konsequent unterdrückt: Die Mädchen bleiben zu Hause, die Jungen müssen das Haus verlassen. Eine professionelle Jugendarbeit gibt es im Irak nach wie vor praktisch nicht. Jugendzentren sind eine große Seltenheit, unabhängig sind sie so gut wie nie. So wird die wenige Jugendarbeit zur Rekrutierungsarbeit der Parteien und Milizen.

Dies erzeugt zwangsläufig Probleme, wo Jugendliche die demographische Mehrheit stellen und zugleich die Phase der Adoleszenz in vielen Fällen künstlich ins Erwachsenenalter verlängert wird, weil Ehen zu arrangieren und die Brautgelder hoch sind. In Bürgerkriegszeiten sind diese jungen, perspektivlosen Männer das Reservoire, aus dem die Milizen und Terrorgruppen Nachschub schöpfen; sie sind die Kämpfer, die von den greisen Mullahs der islamistischen Parteien in den Djihad geschickt werden. Noch alle Umstürze und Revolutionen des Vorderen Orients wurden von unzufriedenen jungen Männern gemacht. Den Anfang machte auch hier der Irak mit dem Coup d'État junger Offiziere 1936, dem ersten Militärputsch des Nahen Ostens. Aus allen diesen Umstürzen gingen die einst jugendlichen Umstürzler als neue alte Machtelite hervor. An der Situation junger Iraker haben sie alle nichts geändert.

Möglicherweise liegt genau hierin die Sprengkraft des jüngsten Aufstands im Nahen Osten: Zielten die arabischen Revolten bislang darauf, die Macht von einer Generation an eine nächste zu übertragen, so stellt die reine Masse der Jugendlichen heute das bestehende Machtgefüge insgesamt in Frage. Je weiter sich die Regierungen von ihnen entfernen, desto mehr werden sie sich ihrer selbst bewusst. Dies hat zuletzt eine Kugel bewirkt, die den 15-jährigen Rizwan traf. Regierungen, die nichts als Gewehrkugeln für ihre Jugend bereit halten, werden sich dauerhaft nicht an der Macht halten können.

 

Foto: ALI AL-SAADI (AFP/Getty Images)