BAGDAD +++ CANCELLED
12.04.2011  | Katrin Weber-Klüver   

Reise & Transport / Luftverkehr
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Die irakische Hauptstadt wird von Deutschland aus seit 20 Jahren nicht mehr direkt angeflogen. An Ostern hätte sich das ändern sollen. Doch mal wieder kam alles ganz anders. Warum Lufthansa & Co mit der Destination Bagdad in Turbulenzen geraten


Da die Fluggesellschaft RheinJet im Untertitel die Apposition „mein Wohlfühlflieger“ führt, könnte man vermuten, das Unternehmen aus dem niederrheinischen Meerbusch steuere Palma de Mallorca oder auch die Malediven an. Tatsächlich aber will Geschäftsführer Martin Michael erklärtermaßen, seine Firma mit Angeboten „in Entwicklungsländer und Krisengebiete“ profilieren. Als kleines Unternehmen „müssen wir eine Nische finden“, sagt Michael, der fünf Mitarbeiter hat. Mit besonderem Ehrgeiz versucht er sich seit geraumer Zeit in einer Nische unter den Nischen: einem Direktflug nach Bagdad.

Zwischen denen Angebot Amsterdam – Erbil und Frankfurt – London findet sich auf der Homepage die Verbindung Köln/Bonn – Bagdad. Hinflüge am 14. oder 28. April, Rückflüge, am 15. oder 29. April. Dieses Angebot zur Osterferienzeit sollte ein Test werden. Doch die gecharterten Maschinen hat Michael bereits storniert. „Wir haben die Aprilflüge rausgenommen“, sagt er, die Nachfrage sei zu gering gewesen. Und das nicht zum ersten Mal. Seit 2008 bemüht sich das Unternehmen, einen Nonstop-Linienverkehr in die irakische Hauptstadt aufzubauen. Bei jedem neuen Anlauf wieder erwies sich die Hoffnung, nun könnte man endlich genug Kunden zusammenbekommen, um das Experiment zu wagen, als zu optimistisch. Eingedenk des Umstandes, dass Bagdad vor allem ein Ziel für Geschäftsreisen ist, war allerdings wohl auch nicht unbedingt zu erwarten, dass ausgerechnet Flugangebote über die eher zu Urlaubszwecken geeigneten Osterfeiertage ein besonders großer Erfolg werden würden.

Ganz ungeachtet mehr oder weniger glücklicher Flugdaten geht es mit der Destination Bagdad auch großen Fluglinien nicht besser. Derzeit gibt es aus Westeuropa überhaupt keinen Nonstop-Linienflugbetrieb nach Bagdad. Seit sie mit dem Ausbruch des Zweiten Golfkrieges 1990 ihren Flugbetrieb gen Bagdad eingestellt haben, ist das Reiseziel irakische Hauptstadt für alle großen Linien immer nur eines: ein Projekt, das gelegentlich aus der Schublade geholt wird, um dann schnell wieder dort zu verschwinden.

Derzeit gibt es aus Westeuropa überhaupt keinen Nonstop-Linienflugbetrieb nach Bagdad.

Lufthansa annoncierte Anfang des vergangenen Jahres die Wiederaufnahme eines Linienflugbetriebs von Frankfurt und München nach Bagdad. Die französische Air-France-Tochter Aigle Azur schaffte im Oktober sogar eine Art Jungfernflug Paris – Bagdad. Es sollte der Prolog für Linienflüge aus dem wirtschaftlich am stärksten im Irak engagierten EU-Land sein, doch dieser Betrieb lässt auf sich warten. Auch Lufthansa sagte ihr Angebot im Herbst 2010 wieder ab. „Wir hatten auf Nachfrage gehofft, aber es waren deutlich zu wenig Buchungen“, erklärt der für das Streckennetz zuständige Pressesprecher Boris Ogursky.

Über konkrete Zahlen zu Buchungsanfragen und der notwendigen Auslastung für einen rentablen Linienbetrieb schweigt Lufthansa, um der Konkurrenz keine Hinweise auf die betriebswirtschaftliche Kalkulation zu geben. RheinJet ist da offener: Man bräuchte eine Auslastung von 70 Prozent, sagt Michael. Bei dem für den Testflug vorgesehenen gecharterten Maschinentyp des australischen Carriers Strategic Airlines wären das 123 Passagiere.

Lufthansa hat das Bagdad-Projekt laut Ogursky, „auf unbestimmte Zeit verschoben“. Man beobachte die Entwicklung der Nachfrage und prüfe, ob und wann sich ein neuer Anlauf lohnen könnte. Interessant ist dabei neben dem allgemeinen Passagieraufkommen am Flughafen Bagdad selbst der Transitverkehr über Amman und Istanbul, von wo aus Royal Jordanian respektive Turkish Airlines einen täglichen Linienflugverkehr nach Bagdad aufrechterhalten. Derzeit sind Istanbul und Amman die üblichen Zwischenstationen für Bagdad-Reisende aus Westeuropa. Während Lufthansa also den großen Markt und die großen Fluggastbewegungen sondiert, hat Michael ein anderes Konzept im Sinn. Er will versuchen, Abnehmer für feste Kontingente zu finden, um auf diese Weise eine Grundauslastung für regelmäßige Bagdad-Flüge sicherzustellen. Ziel ist es sozusagen, dass „mehrere Firmen sich den Flieger teilen“. Etwa, weil sie regelmäßig Mitarbeiter im Irak austauschen.

Wesentlich leichter tun sich die Fluggesellschaften mit den Zielen im kurdischen Nordirak. Lufthansa fliegt von Frankfurt dreimal in der Woche nach Erbil, AirBerlin wöchentlich von Düsseldorf, RheinJet kooperiert hier und will nach Auskunft Michaels Erbil ab Herbst mit eigenen Maschinen anfliegen. Die Vorzüge des Flugziels Erbil liegen auf der Hand: die Region ist sicherer als Bagdad, das erleichtert den Geschäftsverkehr ebenso wie Privatreisen. Außer Reisenden, die Freunde und Verwandte besuchen, beobachtet man bei Lufthansa, so Ogursky, dass sich auf der Erbil-Strecke langsam eine Klientel von touristisch interessierten Individualreisenden entwickelt. Von solchen Besuchern kann Bagdad nur träumen.

Bis heute ist es die prekäre Sicherheitslage in und um die Hauptstadt, besonders auch auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt, die das Interesse an Reisen mit diesem Ziel überschaubar bleiben lässt. Wer – ob nun privat oder geschäftlich – nicht unbedingt nach Bagdad muss, lässt es. An einem gewöhnlichen Wochentag kann es passieren, dass die Zahl der Linienflüge, die auf dem Al Muthana International Airport landen, einstellig bleibt. Diese Passagiermaschinen kommen dann außer aus Istanbul und Amman vor allem aus Kuwait und Bahrain.

Aus dem Problem, nach einer geglückten Landung auch sicher in die Stadt zu kommen, macht der Flughafen selbst keinen Hehl. Auf seiner Homepage führt das Stichwort Transportation zu einer Seite, die zwar mit dem Bild eines Busses samt Busfahrer am Steuer die Idee eines existierenden öffentlichen Transportwesens nahe legt, dann jedoch neben sinnfreiem Blindtext nur mitteilt: „Information is for test purposes and is not live“ – diese Information dient Testzwecken, sie ist nicht aktiv. Außerdem hält die Flughafen-Homepage im allgemeinen Service-Teil noch einen Tipp bereit: „Armored vehicles are available to take you to downtown Baghdad“ – es gibt gepanzerte Fahrzeuge, die Sie in die Innenstadt von Bagdad bringen.

Gut zu wissen. Aber beruhigend nicht gerade.

 

Foto: ALI AL-SAADI (AFP/Getty Images)