Deutsche für Irak / Politik
Von wegen wildes Kurdistan. Der deutsche Generalkonsul Dr. Oliver Schnakenberg hat während seiner zwei Jahre in Erbil einen ganz anderen Irak kennen gelernt. Ein Gespräch über Abschied, Aufschwung und den Vorher-Nachher-Effekt
Am 18. Februar des vergangenen Jahres eröffnete der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier das deutsche Generalkonsulat in Erbil. Damals vermeldete das Auswärtige Amt: „Mit der Umwandlung der seit April 2008 in Erbil bestehenden Außenstelle der Botschaft Bagdad in ein reguläres Generalkonsulat weitet Deutschland seine konsularische Präsenz im Irak aus und vollzieht einen weiteren Schritt zur Vertiefung der Beziehungen mit dem Irak.“ Wie tief sind die Beziehungen heute? Was hat sich seit der Eröffnung alles getan? Ein Gespräch mit dem scheidenden Generalkonsul Dr. Oliver Schnakenberg, der sich nach zwei Jahren in Erbil nach New York verabschieden wird.
WPI: Herr Dr. Schnakenberg, angenommen Sie treffen demnächst einen alten Bekannten auf der Straße und er fragt Sie: „Na, wie war das letzte Jahr?“ Was antworten Sie ihm?
Dr. Oliver Schnakenberg: Anstrengend, aber sehr, sehr befriedigend. In meiner bisherigen Laufbahn habe ich selten so viel zum Nutzen meines Landes und meines Gastlandes bewegen können.
Treffen Sie noch oft auf Menschen, die erstaunt sind, wenn sie hören, dass Sie im Irak arbeiten?
Ja, es ist leider immer noch nicht hinreichend bekannt, dass die Kurden, die deshalb zu Recht vom „anderen Irak“ sprechen, eine relativ sichere und stabile Region aufgebaut haben.
Zur PersonOliver Schnakenberg, geboren am 6. Juli 1959 in Wuppertal, ist promovierter Jurist. Seit seinem Eintritt in den Auswärtigen Dienst im Jahr 1991, war er unter anderem an der deutschen Botschaft in Kiew und in Hanoi bevor er 2008 deutscher Generalkonsul in Erbil wurde. Der zukünftige Stellvertretende Generalkonsul von New York ist verheiratet und hat drei Kinder.
Was war Ihr größter Erfolg während Ihrer Zeit in Erbil?
Dass im September 2010 die Deutsche Schule Erbil ihren Betrieb aufnimmt, darüber freue ich mich am meisten. Hieran haben viele Kurden und Deutsche begeistert mitgewirkt.
Und was war die größte Herausforderung beim Aufbau des Generalkonsulats?
Jeans und Nadelstreifen waren oft mehrfach täglich zu wechseln. Vom Tag 1 an waren wir Baustelle und konsularische Serviceeinrichtung mit politischem Auftrag. Wir können mit Stolz sagen, dass wir als erster EU-Staat hier mit einem Generalkonsulat vertreten waren, was die besonders engen Beziehungen Deutschlands mit Irak und mit der kurdischen Region widerspiegelt.
Welchen Stellenwert hatten die deutsch-irakischen Wirtschaftsbeziehungen in Ihrer Arbeit?
Deutsche Unternehmen auf diese Region aufmerksam zu machen, lag mir immer besonders am Herzen. Der Wiederaufbau und die Ressourcen dieses Landes bieten großartige Chancen für deutsche Unternehmen.
Welches sind die größten Baustellen/Herausforderungen, die es in Zukunft zu meistern gibt?
Es geht darum, mit unseren Programmen im Bereich der Konfliktprävention und des Krisenmanagements dazu beizutragen, dass der Übergang hin zu „selbsttragendem Aufschwung“ durch privates wirtschaftliches und zivilgesellschaftliches Engagement gelingt.
Inwiefern hat Sie die Zeit in Erbil persönlich geprägt?
Persönlich berührt haben mich die Geschichte des Befreiungskampfes und die Leiden des kurdischen Volkes, die mir in unendlich vielen Erzählungen immer wieder eindringlich vor Augen geführt worden sind.
An welchen Beobachtungen des täglichen Lebens kann man das Wachstum von „Boomtown Erbil“ besonders gut erkennen?
Da fallen mir die Vergnügungsparks und Shopping Malls ein, Vollkornbrot und Chinarestaurants, sogar Eislaufen, nur Sushi kann man noch nicht essen.
Was war der größte Unterschied zu Ihren vorherigen beruflichen Stationen?
Der Vorher-Nachher-Effekt war nie größer. Als ich ankam, wusste ich zwar viele Fakten über die Kurden. Ich erwartete, in den Norden des Iraks zu reisen und lernte eine ganz eigene magische, tragische, faszinierende Region kennen.
Das deutsche Generalkonsulat unterstützt regelmäßig Seminare und Weiterbildungen für kurdische Beamte und Entscheidungsträger. Sind andere Länder ähnlich aktiv?
Aktiv sind auch andere Länder. Unsere Programme sind besonders nachfrageorientiert, sie werden von den teilnehmenden Führungskräften „Für mich hat Vorbildcha-
rakter, was die irakischen Kurden nach einer langen Geschichte der Unterdrück-
ung aufgebaut haben“ wegen ihrer Flexibilität und Effizienz gelobt.
Was kann der Rest des Irak von der Region Kurdistan lernen?
Für mich hat Vorbildcharakter, was die irakischen Kurden nach einer langen Geschichte der Unterdrückung in kurzer Zeit aufgebaut haben. Inmitten eines schwierigen geopolitischen Umfelds haben sie einen weitgehend sicheren Hafen für religiöse und ethnische Minderheiten geschaffen, ehemalige politische Flüchtlinge kehren zurück, die Fortschritte auf dem Wege zu politischer Stabilität und Rechtsstaatlichkeit sind beeindruckend. Im Umgang mit der Vergangenheit haben sie sich gegen Hass und Streit und für Versöhnung und Ausgleich entschieden.
Hat sich die Vergabe von Visa an irakische Geschäftsleute durch den Aufbau des Konsulats vereinfacht?
Natürlich. Vielen Geschäftsleuten aus Kurdistan konnten wir durch unsere Mitwirkung die Reise nach Ankara oder Bagdad ersparen. Im Juni ist es dann endlich so weit: wir werden in Erbil Visa für Geschäftsleute und andere ausgewählte Reisezwecke erteilen können.
Inwiefern konnten Sie deutsche Unternehmer konkret unterstützen?
Wir konnten helfen Türen zu öffnen, Genehmigungen zu bekommen, Probleme zu lösen. Dass unsere Arbeit fruchtet, zeigt sich auch daran, dass die Unternehmer sehr gerne und regelmäßig zu unseren Gesprächsrunden kommen, bei denen wir uns informell über Entwicklungen, Probleme und Lösungen austauschen. Mit dem Deutschen Wirtschaftsbüro in Erbil wird die deutsche Wirtschaft noch besser aufgestellt sein für den Dialog und die Kooperation mit der kurdischen Seite.
Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?
Vergiss Karl May, lies „Tausend Tränen, tausend Hoffnungen“ oder das wunderbare „In the Shadow of History“ von Susan Meiselas, um die Verwurzelung der Kurden in ihrer Geschichte zu verstehen, die fast immer unauflöslich mit dem Kampf gegen Unterdrückung verwoben war.
Foto: Auswärtiges Amt











