Zement: Das graue Gold
16.02.2009  | Lilli Oberndorfer   

Branchen / Bauindustrie
E-mail   Print    


Der Wiederaufbau gewinnt an Schwung. Die Kassen der irakischen Regierung sind immer noch gut gefüllt. Ministerien und Investoren planen ehrgeizige Zukunftsprojekte. Was fehlt, ist Zement

Lutz Stache ist mehr als zufrieden: „Hier im Irak kann man viel Geld verdienen.“ Sein Unternehmen AHG Industry betreibt ein Zementwerk in Kirkuk. Was vor wenigen Monaten noch eine marode Zementanlage war, bringt ihm jetzt jeden Monat fünf Millionen Euro Umsatz. Davon können deutsche Zementwerkseigner nur träumen. Während die Wirtschaft in Europa kriselt, die Nachfrage zurückgeht und ganze Branchen einbrechen, herrscht im Irak fast schon Aufbruchsstimmung. Besonders im Nahen Osten bei den Global Players in der Zementbranche herrscht Goldgräberstimmung. Hier sind die Nachfrage und der Zuwachs an neuen Zementwerken nach China am höchsten: Allein zwischen 2003 und 2008 ist fast ein Drittel des weltweiten Kapazitätszuwachses in der Region zwischen Marokko und dem Irak entstanden.

Alles zum Thema Baubranche+ Branchenreport Bauindustrie+ Aktuelle Hochbauprojekte+ Aktuelle Tiefbauprojekte+ Ingenieur- und Industriebau+ Über Dubai nach Bagdad+ Interview: „Wo bleiben die Deutschen?“

Lutz Stache, der Geschäftsführer der Firma AHG Industry, ist nicht der Einzige, der auf das Stück vom Kuchen spekuliert. Schon im vergangenen Jahr hat eine der weltgrößten Anlagenbauer, Lafarge aus Frankreich, zusammen mit Orascom (ursprünglich aus Ägypten, jetzt von Lafarge aufgekauft) und der irakischen Firma Asiacell verlautbaren lassen, dass er umgerechnet knapp 430 Millionen Euro (550 Millionen US-Dollar) in die Produktionssteigerung des Bazyan-Zementwerks bei Sulaymaniya investieren will. Im April diesen Jahres wurde die geplante Kapazität von 2,5 Megatonnen erreicht. Insgesamt verfügt Lafarge im Irak durch die Übernahme der Orascom-Zementwerke Tasluja und Bazyan über eine Gesamtkapazität von fünf Megatonnen Zement pro Jahr. Bei den Ausschreibungen des Industrieministeriums Ende Mai, die die Sanierung dutzender staatlicher Industrieanlagen beinhaltete, habe sich Lafarge für das Zementwerk Kerbala interessiert, heißt es aus dem Industrieministerium. Aus gleicher Quelle heißt es, das Branchenschwergewicht Marubeni aus Japan zeige Interesse für die Zemenanlage Kubaisa. Andere Branchengrößen aus Fernost sind schon vor Ort. Das chinesische Unternehmen Sinoma arbeitet momentan an der Errichtung eines Zementwerks in Sulaymaniya. Lange wird es nicht dauern, bis neue regionale Größen aus der Türkei, aus Iran, Indien und Griechenland, das derzeit im Zementsektor der Levante mitmischt, den irakischen Markt unter sich aufteilen. Der Run auf das Stück vom Kuchen hat auch im Irak begonnen. Und wo sind die großen deutschen Konzerne?

Deutschland hat den Anschluss verpasst

„Die Deutschen sind schwerfällig, sehr vorsichtig und knüpfen nicht leicht Kontakte ins Ausland“, erklärt Martin Müller, langjähriger Berater bei KHD, einem großen deutschen Zementanlagenbauer und -betreiber. Dabei sind Know-how und Kapazitäten vorhanden, der Ruf deutscher Ingenieurskunst ist weltweit exzellent. Wo liegt also das Problem? „Die deutschen Konzerne der Zementbranche sind keine Global Players mehr“, erklärt Müller. „Früher haben in der ehemaligen DDR Anlagenbauer weltweit Zementwerke an sozialistische Bruderstaaten verkauft. Nach der Wende wurden einige geschlossen, aufgekauft, sind vom Anlagenbau abgekommen oder haben das Geschäft auf Deutschland und Europa begrenzt. Dadurch haben wir den internationalen Trend verpasst.“ Auch Lutz Stache weiß das: „Wer jetzt den Anschluss verpasst, wird es in der Zukunft schwer haben, in dem Land Fuß zu fassen.“

Doch selbst wenn sich deutsche Anlagenbauer schnell positionieren, kann die Konkurrenz aus China und Indien ein Zementwerk viel günstiger liefern als jeder europäische Traditionskonzern. Um weltweit wettbewerbsfähig zu bleiben, setzen daher immer mehr Unternehmen auf Kooperationen mit Zulieferern aus Billiglohnländern: Die dänische Größe im Anlagenbau FL Smidth hat die indische Firma Larsen & Toubru als exklusiven Zulieferer für den indischen und arabischen Raum unter Vertrag, der französische Zementbauriese Lafarge kaufte den ägyptischen Anlagenbaukonzern Orascom auf, und die österreichische ÖMAG nimmt türkische Zulieferer bei der Zementwerksmodernisierung unter Vertrag. Auch deutsche Firmen wie KHD und Krupp-Polysius haben Zulieferer aus Indien und China, um Qualität Made in Germany günstig zu liefern. Auch wenn deutsche Anlagenbauer keine Global Players mehr sind, haben hauptsächlich sie patentierte Neuerungen in der Anlagentechnik der vergangenen Jahrzehnte entwickelt.

An alte Beziehungen anknüpfen

Nun gilt es, an alte Beziehungen im Ausland anzuknüpfen. Martin Müller: „Deutschland ist im Irak aufgrund des Know-hows und früherer Handelskontakte hoch geschätzt. An die alten Wirtschaftskontakte aus den Siebziger- und Achtzigerjahren könnte man leicht wieder anknüpfen und sich dadurch einen Vorsprung verschaffen.“ Tatsächlich war Deutschland bis zu den Neunzigerjahren für den Irak wichtigster Handelspartner – jetzt rangiert Deutschland hinter den USA, Italien, China, Syrien und Iran. 

Zwischen den Sechziger- und Achtzigerjahren halfen deutsche Anlagenbauer aus Ost und West wie Polysius aus Dessau (seit 1999 zur ThyssenKrupp AG gehörend), Krupp und KHD mit Sitz in Köln neben europäischen Größen wie FL Smidth dem rohstoffreichen Irak, zur Zementexportnation aufzusteigen. Bis zum ersten Golfkrieg exportierte der Irak jährlich Millionen von Tonnen in Partnerstaaten im Nahen Osten – heute muss er circa sechs Millionen Tonnen Zement pro Jahr aus Nachbarländern und China importieren.

Niedergang und Aufschwung einer Exportbranche

Heute ist die einst moderne Infrastruktur nach den Kriegen, dem jahrelangen Embargo, fehlender Wartung und einem maroden Stromnetz in einem ruinösen Zustand. Die meisten Zementwerke laufen nur auf 25 Prozent der installierten Kapazität oder überhaupt nicht. Selbst wenn sie ihre vorgesehene Produktionsleistung von ungefähr vierzehn bis fünfzehn Millionen Tonnen produzieren sollten, reicht dies mittel- und langfristig nicht aus, um die hohe Nachfrage zu decken. Der Wiederaufbau, die notwendige Aufwertung von Wohn- und Bürogebäuden, das hohe Bevölkerungswachstum und zahlreiche ehrgeizige Investitionsvorhaben treiben die Nachfrage nach oben. Das irakische Industrieministerium geht sogar von einem Maximalbedarf von 30 Millionen Tonnen pro Jahr aus. Das entspräche einem Pro-Kopf-Verbrauch von 1.111 Kilogramm, was im regionalen Vergleich mit ähnlichen Wiederaufbauprogrammen im Durchschnitt liegt. Zum Vergleich: In Deutschland sind es durch die moderne Leichtbauweise nur circa 300 Kilogramm pro Kopf und Jahr.

Bald wird die Aufrüstung existierender Werke nicht mehr ausreichen, und neue Anlagen werden gebaut werden müssen. Das irakische Industrieministerium sucht Investoren für zwanzig neue Zementwerke im Wert von drei Milliarden US-Dollar.

Strukturdaten des irakischen Zementsektors (Stand 2005)

 

Anzahl der Werke in Betrieb
17
   -    davon im Nassverfahren
   -    davon im Trockenverfahren
7
10
Anzahl der Beschäftigten10.500
Verfügbare installierte Kapazität in Millionen Tonnen/Jahr14–15
Tatsächliche Produktion in Millionen Tonnen/Jahr
3
Menge der Zementimporte in Millionen Tonnen/Jahr
6
Geschätzter Bedarf in Millionen Tonnen/Jahr25–30

 

Quelle: USAID IRAQ: An Overview of the Iraq Cement Industry, 2007 (alle Angaben ohne Gewähr)


Die Nachfrage steigt

Die hohe Nachfrage lässt die Preise raketenhaft steigen. Kostete 2004 eine Tonne Zement noch 45 US-Dollar, so kostete sie vier Jahre später 125 US-Dollar. Einer Zementwirtschaftsanalyse zufolge, die vom US-Außenhandelsministerium veröffentlicht wurde, betrugen 2004 die Produktionskosten einer Tonne Zement im Irak lediglich 22 US-Dollar. Das bedeutet: Selbst wenn die Produktionskosten steigen sollten, bleibt die Gewinnspanne beträchtlich.

Da mit dem Ende des Saddam-Regimes auch das Ende des Staatsmonopols auf industrielle Produktionsstätten eingeläutet wurde, suchen nun irakische Staatsbetriebe und Institutionen nach Investoren, die mit dem nötigen Know-how nicht nur die sieben ausgeschriebenen veralteten Zementwerke, sondern insgesamt mehr als 240 staatseigene Fabriken in verschiedenen Industriezweigen instand setzen, modernisieren und aufwerten. Im Gegenzug erhalten die Investoren eine maximal 45-prozentige Beteiligung am Werk und dessen Gewinnen. Vollprivatisierungen sind derzeit noch nicht vorgesehen.

Öffnung für ausländische Investoren

Dennoch ist es der irakischen Regierung ernst. Sie weiß, dass sie ohne ausländische Investoren und privatwirtschaftliche Partner die Aufgaben, die vor ihr liegen, nicht bewerkstelligen kann. Jüngst wurden Gesetze verabschiedet, die Investitionen erleichtern und fördern sollen, beispielsweise durch freien Kapitaltransfer und eine Befreiung von Importzöllen, Gewerbesteuer und vielen anderen Abgaben für mindestens zehn Jahre.

Da wundert es nicht, wenn der SPIEGEL Mitte 2008 meldet: „Heute ist die Infrastruktur (des Iraks) etwa im gleichen Zustand wie die der DDR nach 40 Jahren Sozialismus. Zugleich herrscht, zumindest unter Geschäftsleuten, eine Aufbruchsstimmung wie 1990 in Deutschland. Man spürt das Knistern, den Tatendrang, die Euphorie.“ Der Cottbusser Lutz Stache sieht gerade hier die Chance: „Uns Deutsche erinnert hier vieles an die Zeit nach der Wende. Deshalb denke ich, dass die Deutschen hier gut klarkommen.“

Zukunftsbranche Zementwerkssanierung

Im irakischen Zementsektor sind die Gründe für die optimistische Stimmung verständlich. Bei relativ niedrigen Investitionskosten für die Modernisierung alter Zementanlagen winken saftige Gewinne. Die Vorteile der Aufrüstung alter Anlagen liegen auf der Hand: Die Infrastruktur existiert, die Rohstoffversorgung ist geregelt, Abbaulizenzen für Rohstoffe sind vorhanden, die Wohnsiedlung für die Belegschaft steht schon, erfahrene Arbeiter können übernommen werden. „Allerdings muss man für die Weiterbildung der Belegschaft, besonders wenn man auf das moderne Trockenverfahren und die Automatisierung der Produktion umstellt, mindestens drei bis sechs Monate einrechnen“, gibt Zementexperte Müller zu bedenken. Ebenso ist der Aufbau einer unabhängigen Stromversorgung durch ein werkseigenes kleines Kraftwerk notwendig. Auf der anderen Seite dürfte eine günstige Versorgung von Zementwerken mit Roh- und Brennstoffen bei einem rohstoffreichen Land wie dem Irak generell gegeben sein.

Links zum Thema„Iraqi Cement Factories Activation 22 July 2004”: Lagebericht des US-Handelsministeriums zur irakischen Zementindustrie mit hilfreichen Tabellen zu Kapazität, Produktionskosten, Werksspezifikationen „An Overview of the Iraq Cement Industry“: 30 Seiten starker Bericht zur irakischen Zementindustrie im Irak mit Analysen zu Bedarf, Import, Export, Spezifikationen zu Zementwerken; von USAID (US-Agentur für internationale Entwicklung) am 25. November 2007 herausgegeben

An den Goliaths der Branche vorbei

„Die Modernisierung und die Aufwertung eines alten Werks können auch kleinere Firmen technisch und logistisch schaffen“, versichert Müller. Genau das ist die Strategie, mit der sich die Firma AHG Industry aus Cottbus ihren Einstieg im Irak sicherte. Sie zählt wahrlich nicht zu den Global Players der Zementbranche, hat sich aber durch die Aufrüstung maroder Werke in Rumänien und der Türkei einen Namen gemacht. Mit Geschick und Unternehmergeist hat der Geschäftsführer Lutz Stache an den Goliaths der Branche vorbei den Zuschlag für das Zementwerk in Kirkuk ergattert und einen Vertrag mit dem Industrieministerium über fünfzehn Jahre Laufzeit abgeschlossen. Es ist das erste irakische Zementwerk nach dem Fall Saddams, das von einer ausländischen Firma betrieben werden soll, und gilt als eine der fünf größten Zementanlagen im Irak.

Das 1982 erbaute Werk verfügte ursprünglich über eine Kapazität von 6.400 Tonnen Zement pro Tag. Bevor AHG Industry das Werk übernahm, betrug der tatsächliche Zementausstoß lediglich 800 Tonnen pro Tag, da nur eine der beiden Produktionslinien funktionstüchtig war und das Werk unter häufigen Ausfällen des staatlichen Elektrizitätsnetzes litt. Daher soll zusätzlich zu den Sanierungsarbeiten ein werkseigenes Kraftwerk im Wert von mehr als zwanzig Millionen Euro (30 Millionen US-Dollar) erbaut werden. Insgesamt werden die Instandsetzungs- und Aufwertungsarbeiten drei Jahre dauern und umgerechnet 68 Millionen Euro (100 Millionen US-Dollar) kosten – in dieser Branche schon beinahe ein Schnäppchen.

Verträge nicht ohne Risiko

Die spezielle Vertragsvariante, die vorsieht, dass der Investor den Betrieb eines Werkes über lange Laufzeiten führt, birgt besondere Risiken.

Der Betrieb eines Zementwerks ist sehr teuer, besonders wenn zahlreiche Spezialisten aus dem Ausland benötigt werden, um die Produktion zu überwachen. Für einen Zeitraum von fünfzehn Jahren sind die Kosten fast unkalkulierbar. Dennoch haben Schwergewichte der Branche wie die dänische FL Smidth bei Werksbauten im Ausland vielfach diese Vertragsoption gewählt.

Die deutschen Anlagenbauer hingegen bevorzugten die Variante,  bei der sie das Werk bauen und danach an den Eigentümer zum Betrieb übergeben. „Aber auch das ist nicht ohne Risiko“, wendet Martin Müller ein: „Meistens gibt es eine dreijährige Garantiezeit: Die muss erst mal ohne Probleme überstanden werden. Deshalb rechnen die Anlagenbauer die Risiken möglicher Garantieleistungen immer ins Budget mit ein.“ Abgesehen von den Sicherheitsrisiken, die weite Teile des Iraks heute noch betreffen, im Norden Iraks aber gering sind, stellen sich für Investoren ähnliche Probleme wie in anderen Ländern der Region: Bürokratie, Korruption, schlechte Infrastruktur, Marktengpässe. „Ein Investor sollte sich daher auf jeden Fall gut informieren und vertrauenswürdige Ansprechpartner oder Geschäftspartner im Irak suchen“, rät Martin Müller.

Alle Branchen können profitieren

Nicht nur für Anlagenbauer ist laut dem Zementexperten Müller die Prognose gut: „Alle Branchen, die direkt und indirekt mit der Industrie verknüpft sind, können profitieren. Ich denke dabei an Bereiche wie den Maschinen- und Fahrzeugbau, Förderbandanlagen, industrielles Equipment und die Automatisierung von Industrieanlagen, wo deutsche Firmen wie ABB oder Siemens weltführend sind. Ebenso kommen Firmen wie Liebherr oder MAN infrage, die große Maschinen zum Abbau oder Transport von Rohstoffen herstellen. Diese Maschinen verschleißen nach spätestens fünf Jahren; die Nachfrage dürfte also auf Jahre hinaus gesichert sein."

 

Quellen:

+ Staatliche irakische Zementfirma
+ Iraq al-Aan
+ Arabian Business
+ Business Intelligence Middle East
+ Spiegel Online Wissen
+ Lausitzer Rundschau

 

Fotos: Hussein Malla (AP Photo), Chris Hondros (Getty Images), Ahmad al-Rubaye (AFP/ Getty Images)