Gesundheitswesen: „Wir haben einen irreal guten Ruf“
16.04.2009  | Interview: Sven Recker   

Deutsche für Irak / Wirtschaft
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Der emeritierte Tübinger Professor Horst Dieter Becker baut im Irak Krankenhäuser und verdient damit Millionen. Trotzdem fällt es ihm schwer, hierzulande Firmen für seine Projekte zu gewinnen


Sein bestes Verkaufsargument, sagt Prof. Dr. Horst Dieter Becker, sei immer: „Wir bauen weltweit Krankenhäuser, die eins zu eins dem deutschen Standard entsprechen.“
Wie aber hält man ein solches Versprechen in einer Krisenregion wie dem Irak? Wie baut man zwei Krankenhäuser in Nadschaf und Mosul mit einem Auftragsvolumen von je 150 Millionen Euro? Ein Gespräch mit dem ehemaligen Leiter der Chirurgischen Universitätsklinik Tübingen und heutigen Geschäftsführer der Firma German Medical Services über den Stellenwert deutscher Arbeit im Irak.

 

WPI: Herr Professor Becker, inwiefern unterscheidet sich der Bau eines Krankenhauses in Nadschaf von dem einer Klinik etwa in Tübingen?

Professor Becker: Überspitzt gesagt: in gar nichts. Unser Auftraggeber, in diesem Fall die irakische Regierung, hat uns verpflichtet, weil wir europäische Standards garantieren. Und die gelten in Tübingen wie in Mosul.

Sagt sich das nicht leichter, als es tatsächlich ist?

Was die Planung anbelangt, muss ich mit Nein antworten. Wir arbeiten mit deutschen Architekten und Krankenhausplanern, und wir statten die Krankenhäuser später auch mit mitteleuropäischer Technik aus.

Und wie sieht es mit der Umsetzung aus?

Natürlich ist es im Irak schwieriger, ordentliches Baumaterial zu bekommen, als hierzulande. Im Irak gab es über Jahrzehnte hinweg auf diesem Gebiet fast ausschließlich Schwarzhändler. Wenn Sie Zement nach Mosul liefern, müssen Sie also schon sehr gut aufpassen, dass der dort auch ankommt.

Arbeiten Sie im Irak eigentlich mit deutschen Baufirmen?

Das würden wir gerne. Wir konnten für unsere Vorhaben leider nur keine gewinnen. Die Vorbehalte gegenüber einem Engagement im Irak sind in Deutschland einfach immer noch zu groß.

Warum ist das so?

Das hat mehrere Gründe. Das Auswärtige Amt warnt noch immer vor Reisen in den Irak. Das hat zur Folge, dass die Versicherungskosten, die eine Baufirma zu tragen hätte, enorm hoch sind. Außerdem

Wenn Deutschland Exportweltmeister bleiben will, dann müssen deutsche Firmen auch dorthin gehen, wo sie verkaufen können

fällt es den Firmen schwer, ihre Mitarbeiter davon zu überzeugen, auf einer irakischen Baustelle zu arbeiten.

Aber die Warnung des Auswärtigen Amts kommt ja auch nicht von ungefähr.


Das stimmt. Doch die Sicherheitslage im Irak hat sich gebessert. Außerdem tut die irakische Regierung viel dafür, ausländische Geschäftsleute zu schützen. Englische, italienische oder auch australische Firmen haben wesentlich weniger Bedenken, sich im Irak zu engagieren, als deutsche. Dabei genießen wir aufgrund unserer früheren wirtschaftlichen Beziehungen im Irak einen fast irreal guten Ruf.

Der irakische Botschafter in Deutschland, Alaa al-Hashimy, sagte unlängst bei einer Veranstaltung der IHK Reutlingen: „In Krisenzeiten ist der Irak eine gute Alternative.“ Stimmen Sie ihm zu?

Wenn der wirtschaftliche Druck weiter so steigt wie bisher, wird der Irak für viele deutsche Unternehmen sicherlich immer interessanter. Wenn nicht ein Wunder geschieht, werden sich in drei bis vier Monaten auch immer mehr Firmen in Richtung in Irak orientieren.

Sie reisten im Februar dieses Jahres gemeinsam mit dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier nach Bagdad. Sind Sie eigentlich zufrieden mit den Rahmenbedingungen, die die deutsche Politik für Unternehmer geschaffen hat, die sich im Irak engagieren wollen?

Die deutsche Politik muss definitiv mehr Aufklärung über die Situation im Irak leisten. Sicherlich geht es dort manchmal noch etwas chaotischer zu, als wir das gewohnt sind. Klar, es gibt auch ab und an Stromausfälle, und auch die Telekommunikation hat noch Mängel. Aber die allgemeine Lage verbessert sich von Monat zu Monat spürbar. Wenn Deutschland Exportweltmeister bleiben will, dann müssen deutsche Firmen auch dorthin gehen, wo sie verkaufen können. Und der Irak bietet nun einmal gerade in Zeiten der Krise sehr gute Absatzmöglichkeiten.

Das heißt, Sie hoffen bei zukünftigen Projekten mehr deutsche Partner mit ins Boot holen zu können?

Ja. Wir haben uns für den Bau von sechs weiteren Krankenhäusern im Irak beworben. Wie die bereits im Bau befindlichen Häuser werden sie Platz für 450 bis 500 Betten sowie zehn OP-Säle haben. Auch bei ihnen wird die Bauzeit drei Jahre betragen. Möglichkeiten für deutsche Firmen gibt es auch im medizinischen Bereich genug.

Zum Beispiel?

Etwa im Bereich der Ausbildung von irakischem Personal. Zwar gibt es dort im Vergleich zu anderen Ländern der Region viele qualifizierte Ärzte und Pfleger, doch auch die müssen mit technischen Neuerungen und modernem Gerät erst vertraut gemacht werden. Firmen aus Malaysia oder Australien haben das wirtschaftliche Potenzial längst erkannt, das in solchen Schulungsmaßnahmen steckt. Wir Deutschen hinken da noch etwas hinterher.

Trotz des, wie Sie ihn nannten, irreal guten Rufes?

Ja, aber man muss dem Ruf eben auch folgen.

 

Fotos: WPI, Wathiq Khuzaie (Getty Images), WPI