Solarindustrie: Jeder Tag ein Sonntag
22.04.2009  | Friederike Böge   

Deutsche für Irak / Wirtschaft
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Die Stromversorgung im Irak ist brüchig. Bis neue Kraftwerke stehen, braucht es noch Jahre. Kein Wunder, dass die Straßenlaternen in Bagdad mit bayerischer Solartechnik laufen

 

Den Irak hatten die Macher von Phaesun wirklich nicht auf dem Schirm, als vor zwei Jahren ein paar Mitarbeiter einer irakischen Ingenieursfirma während der Branchenmesse Intersolar am Stand der Schwaben auftauchten. Aus der Plauderei entwickelte sich eine Partnerschaft – und am Ende ein gutes Geschäft.

Als nämlich das irakische Energieministerium vergangenes Jahr entschied, Bagdads Straßen mit Tausenden solarbetriebenen Laternen zu beleuchten, bekamen eben jene Ingenieure den Zuschlag, die zuvor auf dem Messestand der Memminger gestanden hatten. Und so lieferte Phaesun technische  Komponenten für 6.000 Lampen und trainierte in Deutschland sechs Mitarbeiter des Bagdader Ministeriums, die für die Wartung der Anlagen zuständig sind.

Solaranlagen sind gefragt im Irak. Nachdem die US-Armee 2007 in Falludscha, Basra, Kharma bei Falludscha und Schaqlawa in der Provinz Arbil solarbetriebene Leuchten installiert hat, rüsten andere Städte ihre Infrastruktur um.Dahinter steht die Hoffnung, dass mehr Licht mehr Sicherheit bedeuten könnte. „Komponenten für Straßenlaternen sind im Moment sehr gefragt“, bestätigt Matthias Kaiser von Phaesun. Order für mehrere Tausend Einheiten stehen in seinen Auftragsbüchern.

Bewässerungssysteme mit Solarantrieb

Auch in Bewässerungssystemen kommen mehr und mehr Solarsysteme zum Einsatz. Der Ausfall strombetriebener Pumpen führte in den vergangenen Jahren immer wieder zu großen Ernteeinbußen. Zudem sind viele ländliche Gebiete gar nicht ans Stromnetz angeschlossen, sodass die Bauern immer noch Generatoren einsetzen. In der Region Bagdad hat Phaesun nun erste Pumpen installieren lassen, um staatlichen Ingenieuren zu zeigen, wie die Technik funktioniert.

Auch das Unternehmen Lorentz aus Henstedt-Ulzburg setzt auf solare Bewässerungspumpen. Gerade haben die Schleswig-Holsteiner vierzehn solcher Systeme an Kunden im Irak geliefert; die Iraker waren über das Internet auf den Spezialanbieter gestoßen. „Wenn die Pumpen erst mal stehen, hoffen wir auf beträchtliche Folgeaufträge“, sagt Geschäftsführer Bernt Lorentz.

Irak, einer der größten Öl- und Gasproduzenten der Welt, als „Zukunftsmarkt“ für die Solarbranche? Schon möglich, denn das Versorgungsnetz des Landes ist instabil und brüchig. Vor allem für netzunabhängige Sonnenenergie, wie sie für die ländliche Elektrifizierung in Entwicklungsländern eingesetzt wird, gibt es daher Chancen. Mehrstündige Stromausfälle sind in fast allen Teilen des Landes die Regel. Bislang kann nach Expertenschätzungen nur rund die Hälfte des täglichen Strombedarfs von 9.000 bis 10.000 Megawatt gedeckt werden. Viele Iraker behelfen sich mit Dieselgeneratoren, doch der Kraftstoff ist teuer; noch immer raffiniert das Land sein Öl nicht selbst, auch diese Anlagen sind veraltet.

Deshalb gibt es nun zahlreiche Pilotprojekte, bei denen die Sonne als Energiequelle dient. Jüngstes Beispiel: eine Klinik in Bagdad. Bislang konnte sie wegen Strommangels nur tagsüber Patienten versorgen, Impfstoffe wurden schlecht, weil die Kühlschränke ausfielen. Inzwischen versorgt sich das Krankenhaus selbst. Ein Großteil solcher Projekte geht auf Initiativen des Ingenieurcorps der US-Armee zurück, sie folgen insofern nicht allein wirtschaftlichen Erwägungen. Unter anderem arbeiten die Militärs an Erweiterungen ihrer Solarpanel-Technik, um sie für den Haushaltsgebrauch zum Betrieb von Kühlschränken und Ventilatoren verfügbar zu machen.

„Bis neue Kraftwerke gebaut sind und das komplette Stromnetz erneuert ist, werden noch Jahre vergehen“, schätzt Phaesun-Experte Kaiser. Netzunabhängige Solarmodule könnten dagegen innerhalb von zwei bis drei Monaten installiert werden. Dennoch sieht Felix Neugart, Irak-Experte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, wenig Marktpotenzial: „Ich erwarte nicht, dass es in naher Zukunft im großen Stil Investitionen in den Solarsektor geben wird.“ Noch bevorzugen viele Politiker Gas und Öl. Mittel- und langfristig jedoch bietet sich Solarenergie an Priorität der irakischen Regierung sei es, die Gesamtstromversorgung mit konventionellen Quellen zu sichern. Gerade hat das Elektrizitätsministerium 72 Gasturbinen für mehrere Milliarden Euro bei Siemens und General Electric bestellt. Deren Kapazitäten würden nach Aussagen der Unternehmen ausreichen, um den Versorgungsbedarf zu decken. Aber: Dafür müssten die maroden Leitungen erneuert werden. Das Netzwerk wurde in den vergangenen Jahrzehnten wegen der internationalen Sanktionen nur notdürftig instand gehalten. Der Bürgerkrieg, Plünderungen und Sabotageakte taten ein Übriges.

Eine Technologie mit Zukunft

Politisch gibt es also einen Vorsprung von Gas und Öl. Realistisch betrachtet bietet sich Solarenergie als mittelfristige und dezentrale Lösung an. Phaesun sieht auch langfristige Chancen für Solarenergie zwischen Euphrat und Tigris. „Der Irak hat große Freiflächen und viel Sonne. Das ist ideal für Solarstrom“, sagt Kaiser. Entscheidend sei die Preisentwicklung des Rohstoffs Silizium, denn noch ist die Nutzung der Sonne teurer als konventionelle Energiequellen. Lukrativ sind deshalb vor allem jene Märkte, in denen Regierungen mit Subventionen kräftig nachhelfen: Deutschland, die USA und bis vor Kurzem noch Spanien.

Jedoch: Seit Monaten sinken die Siliziumpreise. Wo vorher Rohstoffknappheit herrschte, gibt es nun Überkapazitäten. Und Wettbewerb. In vielen Märkten rechnen Experten bald schon mit Netzparität, also einer Kostengleichheit zwischen Sonne und fossilen Brennstoffen. Bernt Lorentz macht eine Rechnung auf: Im Vergleich zu Dieselgeneratoren könne sich die Investition in eine Solarpumpe nach etwa achtzehn Monaten amortisieren. Entscheidend sei deshalb, dass Bauern Zugang zu Krediten hätten. Zudem sieht er Hilfsorganisationen als Kundengruppe, vor allem solche, die Dorfkliniken betreiben und Impfstoffe kühlen müssen. „Genügend Geld für den Aufbau steht bereit“, sagt Lorentz.

Gute Geschäfte trotz unklarer Sicherheitslage

Der Irak wird für die Solarbranche wohl vorerst ein Nischenmarkt bleiben. Aber ein interessanter: Für Spezialanbieter gibt es Absatzchancen, der Wettbewerb ist begrenzt. Viele Unternehmen schreckt nach wie vor die Sicherheitslage. Phaesun und Lorentz hielt das nicht ab: Denn sie waren nie selbst im Irak. Ihre Partner haben die Abwicklung vor Ort übernommen, von Behördengängen über den Zoll bis hin zu Transport und Installation. Lorentz lieferte nach Jordanien, und von dort dauerte es drei Monate, bis die Ware im Irak war. „Es war wohl etwas schwierig“, sagt er, doch sein Kunde habe pünktlich bezahlt.

Nun will sich Lorentz ein festes Partnerunternehmen in Bagdad suchen und irakische Mitarbeiter fortbilden. So ging er auch in Afghanistan vor, wo er seit Jahren gute Geschäfte macht. Seine Angst vor Ländern mit Sicherheitsproblemen hat er dort verloren. Nach anfänglicher Skepsis. „Als meine deutsch-afghanischen Partner zum ersten Mal bei mir anklopften, habe ich gedacht, die spinnen. Aber das legt sich.“

 

Fotos: Karim Sahib (AFP/Getty Images), Sabah Arar (AFP/Getty Images)