Deutsche für Irak / Wirtschaft

Werner Schwarwächter handelt mit gebrauchten Baggern, Kränen und Rammen. Der Sauerländer beliefert die ganze Welt und seit Jahren auch den Irak. Noch nie ist er auf einer Lieferung oder unbezahlten Rechnung sitzen geblieben. Ein Besuch auf seinem Maschinenhof in Berlin
In der Welt von Werner Scharwächter liegen zwischen Basra und Berlin nur vierzig Zentimeter. Der Mann mit dem voluminösen Bauch, verpackt in ein bordauxfarbenes Hemd mit Halstuch im Kragen in Altrosa, steht vor einer Weltkarte gleich hinter der Eingangstür seiner Firmenzentrale. „Hier bin ich überall schon gewesen“, sagt er und deutet auf die roten Stecknadeln, die sich über die ganze Welt verteilen; jeder Kontinent so dicht besiedelt mit Nadeln, dass Scharwächter bei einer Partie „Risiko“ damit kurz vor der Weltherrschaft stünde. Berlin und Basra sind zwei von weit über hundert Nadeln. Hier hat seine Firma ihren Sitz, dort seit Anfang dieses Jahres einen weiteren Partner seines weltweiten Netzwerks.
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Hier geht's zu den Maschinen von Boramtech
In den letzten Jahren sind nicht mehr allzu viele Stecker dazu gekommen. Scharwächter reist jetzt nicht mehr so oft. Heute kommen viele seiner Kunden zu ihm in den funktionalen Flachbau auf einem ehemaligen Stasi-Gelände in Lichtenberg. Er empfängt sie dann an dem runden Tisch, der im Eingangsbereich steht, vom Besuch einer Delegation aus dem Nordirak stehen dort noch Gläser und Nüsschen. Im Hintergrund flimmern auf einem Fernseher Bilder von den monströsen Baustellenmaschinen, die Boramtech schon in der ganzen Welt verkauft hat. „Sehen Sie“, erklärt er in gesungenem Sauerländisch, „dat is eine Universal Ramm- und Bohrmaschine, die wir verkauft haben. Damit können Sie bohren und rammen: Man bohrt vor und rammt mit einem Freifallhammer nach.“ Bohren und Rammen – das ist Scharwächters Geschäft. Deshalb hat er die Firma, die er gemeinsam mit seinem Partner Erhard Mosburger gegründet hat, „Boramtech“ getauft. Der 62-Jährige setzt sich auf einen Stuhl und lächelt. „Wir machen hier wat ganz Spezielles.“
Zwischenhändler in Basra oder Hongkong wickeln Geschäfte ab
Boramtech betreibt einen globalen Handel mit Spezialmaschinen. Kauft Tiefbohranlagen im Rheinland, mit denen im Kohle-Tagebau einst riesige Brunnen gebohrt wurden, und verkauft sie weiter in den Irak. Entwickelt, baut und handelt mit Amphibienbaggern, die in Nigeria und im Irak zur Reinigung und Instandhaltung von Flüssen und Kanälen eingesetzt werden. Oder liefert 200 Tonnen große Seilbagger und das notwendige Fachwissen zur sogenannten „dynamischen Intensiv-Bodenverdichtung“ am Toten Meer, die verhindern soll, dass dort flüssige Rohstoffe ungenutzt versickern. Boramtech hat dafür ein Netz über die ganze Welt gespannt, mit Vertragspartnern im Irak und im Libanon, in Peking, Hongkong, Nigeria und im Sudan, mit Zwischenhändlern, die sich weltweit um die Abwicklung der Aufträge und die Betreuung der Kunden kümmern, und einer Kontaktdatenbank mit 14.000 Adressen.
Auf dem Gelände in Lichtenberg, eingebettet in ein Wohnviertel, in dem die Busse abends nur noch alle zwanzig Minuten die Vorstadtruhe stören, ist ein Maschinen- und Gerätepark mit einem Wert von sechs Millionen Euro untergebracht. Hier wird das Netz von nur etwa 25 festen Mitarbeitern zusammengehalten, die sich darum kümmern, dass die Maschinen zumeist von Berlin aus an ihren Bestimmungsort gelangen, und darum, dass sie dann in Schuss sind. Deshalb hat Boramtech eine eigene Reparaturwerkstatt mit einer Lackieranlage auf dem Areal eingerichtet.
Die Maschinen werden startbereit abgeliefert
Doch das allein hätte nicht ausgereicht, um sich gegen die zum Teil viel größere Konkurrenz zu behaupten, sagt Scharwächter beim Spaziergang über das knapp 20 000 Quadratmeter große Gelände, vorbei an gelben Baggern, olivgrünen Unimogs und roten Maschinen, deren Masten bis zu 30 Meter hoch in die Luft ragen. Der Hof sieht aus, als sei er der Spielplatz eines Riesenbabys, das seine Modellbagger und -kräne kreuz und quer hat lassen müssen, weil ihn seine Mutter zum Abendessen gerufen hat.
So kommen die Maschinen in den Irak
Boramtech arbeitet mit Spediteuren zusammen, die die Maschinen meistens per Schiff nach Dubai oder Kuwait transportieren. Von da aus gehen die Container in kleineren Frachtern weiter nach Basra. Um die Maschinen in den Nordirak zu bekommen, läuft die Route über die Türkei oder Syrien.
„Das Besondere bei uns ist: Wir bieten unseren Kunden einen Rundum-Service.“ Scharwächter knipst das Neonlicht einer Lagerhalle an. Der Mann, auf dessen schulterlangem grauem Haar jetzt eine Schirmmütze sitzt, wie sie Jäger und Fischer tragen, steht inmitten von Bohrrohren mit Durchmessern von einem halben bis zwei Metern, und anderem Zubehör.
Es seien nicht die Maschinen da draußen, die in seinen Erfolg begründeten, sagt Scharwächter. Die hätten die anderen auch im Angebot, und in Zeiten des Internet seien sie mitunter nur noch einen Mausklick entfernt. Es sind das Zubehör und die Betreuung jedes Kunden von der ersten Anfrage bis zur Baustelle, was die Kunden nach Scharwächters Erfahrung an Boramtech schätzen. Die Maschinen werden individuell an deren Bedürfnisse angepasst und wenn nötig umgebaut, in den meisten Fällen liefert Boramtech zusätzlich ein großes Paket an Zubehörteilen und Werkzeugen sowie Bohrausrüstungen aus. Und damit das alles möglichst günstig und schnell ankommt, kümmert sich die Firma um die Lieferung, stellt die Frachtpapiere zusammen und überwacht den Transport, über die Meere genauso wie auf der Straße.
„Die Leute, die bei uns einkaufen, sollen zufrieden sein“, sagt Scharwächter. „Nur dann kommen sie wieder zu uns zurück oder empfehlen uns weiter. Dat is doch klar.“ Er betreibt sein Geschäft nach denselben Regeln wie jeder andere Kaufmann, den Unterschied macht nur der Maßstab. Zur Firmenphilosophie von Boramtech gehört deshalb auch, dass die Mitarbeiter dafür Sorge tragen, dem Eigentümer die Bedienung seiner Neuerwerbung zu erklären. Zu diesem Zweck hat Scharwächter einem Konkurrenten Erhard Mosburger abgeluchst. Der Ingenieur aus Bayern arbeitet selbst seit knapp 30 Jahren im Spezial-Tiefbau und sagt von sich, er habe seinen Beruf inzwischen zu einem Hobby ausgebaut. Mosburger ist verantwortlich für Technik und Vertrieb und leitet die Schulungen, entweder in Berlin oder am Einsatzort der Maschinen. Scharwächter konzentriert sich derweil darauf, dass die Kasse stimmt. Denn noch mehr als für Baumaschinen kann er sich für etwas anderes begeistern: fürs Geldverdienen.
Er begann damit bereits Ende der sechziger Jahre. Mit gerade mal Anfang zwanzig verkaufte er Traktoren an Gastarbeiter, die in ihre Heimat zurückkehrten, nach Griechenland, Spanien und in die Türkei. Auf die Traktoren folgten Unimogs, Kräne und Bohrmaschinen. Je größer das Volumen seiner Aufträge wurde, umso größer wurden auch die Maschinen. 1975 hatte er sein erstes Telefon im Auto.
Mit dem Irak kam er erstmals Anfang der achtziger Jahre in Berührung, als nach der Invasion irakischer Truppen in den Iran die Infrastruktur des Landes immer mehr in sich zusammenfiel. Scharwächter erkannte die Gunst der Stunde, reiste in den Irak und verkaufte Krane und schweres Gerät, die im Irak niemand mehr brauchen konnte, nach Amerika. „Das war das Geschäft meines Lebens, der Dollar stand damals bei drei Mark 80“, schwärmt er. Als dann auch andere auf diese Goldgrube aufmerksam wurden, zog er sich wieder zurück.
Sicherheitslage als Hemmschuh
So hat er es immer schon gehalten, und darauf ist er stolz: Er sieht sich an, was seine Konkurrenten gerade machen – um dann das genaue Gegenteil davon umzusetzen. An dieser Philosophie hat sich im Lauf der Jahrzehnte nur insofern etwas geändert, als ihm die Konkurrenz heute ziemlich egal ist. Boramtech vertreibt im Jahr zwischen 50 und 60 Großmaschinen, dazu viele kleinere Maschinen, die günstigsten kosten 10.000 Euro, die teuersten mehrere Millionen. Dass gerade jetzt viele Jüngere versuchen, sich auf den Zug in Richtung Irak zu setzen, weil sie glauben, dass ein Telefon und ein Computer ausreichen, um dort das große Geschäft zu machen, stört ihn nicht. „Gegen uns haben die keine Chance“, sagt er. „Ich kenne keine zweite Firma, die so arbeitet wie wir.“
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Sicherheitslage als Hemmschuh
Im vergangenen Jahr hat Boramtech 18 Großmaschinen in den Irak verkauft. Die Erfahrungen in Sachen Zahlungsmoral seien durchweg positiv, sagt Werner Scharwächter. Die Gelder gehen per Banküberweisung nach Berlin, es gibt keine Außenstände. Etwa alle zwei, drei Monate reisen er oder sein Partner selbst in den Irak. Angst habe er keine, sagt er, auch nicht nach den Entwicklungen der vergangenen Jahre. „Wir haben ja die ganze Zeit dorthin verkauft. Und außerdem, Pakistan, Afghanistan, da ist es doch das Gleiche.“ Im Irak verlässt er sich auf seine Partner vor Ort, die die Gefahren besser einschätzen können als er. Boramtech wickelt Geschäfte im kurdischen Norden, im Großraum Bagdad und in der Gegend um Basra ab. Weil Scharwächter davon ausgeht, dass die Geschäfte mit dem Irak in den kommenden Jahren zunehmen werden, gehört inzwischen ein Iraker zur Belegschaft in Berlin.
Doch so sehr sich Scharwächter auch darum bemüht, sich von der Konkurrenz abzugrenzen: Auch er ist nicht vor weltpolitischen oder konjunkturellen Krisen gefeit. So hat er kräftig mitverdient am Aufbau der Wüstenmetropolis in Dubai, und nun hat auch er dort Maschinen herumstehen, für die keiner mehr Verwendung hat. Scharwächters Glück ist allerdings, dass sein Geschäft kein Ende kennt. Wenn am einen Ort etwas zu Ende geht, entsteht an einem anderen etwas Neues, und für jeden Neuanfang hat er die passenden Geräte, die er mit seiner vergleichsweise kleinen Firma flexibel und schnell liefern kann. „Wenn Sie in unserem Geschäft nicht schnell sind, haben Sie keinen Erfolg. Großfirmen in unserer Branche haben oft das Problem, dass sie zu langsam sind und ihnen oft der Mut fehlt, sich in neues Land einzubringen.“
Leidenschaft für Großprojekte und ausgezeichnetes Grillgut
Auch dass der Sitz von Boramtech heute in Berlin liegt, im ehemaligen Ostteil der Stadt, hat mit Scharwächters schnellem Schalten zu tun. Bei seinen Geschäften im Irak in den achtziger Jahren hatte er einen jungen Bauleiter aus der DDR kennengelernt, der dort den Bau einer Bahnstrecke verantwortet hatte. Nach der Wende kam die Scharwächter die Idee, all die Maschinen aufzukaufen, die in der ehemaligen DDR herumstanden. Er machte den ehemaligen Bauleiter zum Partner einer neuen Firma und ließ ihn abgrasen, was im Arbeiter- und Bauernstaat übrig geblieben war. Bis der ihn ein halbes Jahr später betrog und Scharwächter ihn vor die Tür setzte. Scharwächter ist ein umgänglicher Typ, in dessen Gesicht ein Lächeln fest installiert ist und der seinen Gesprächspartnern gerne sanft auf den Arm klopft, wenn er einer Sache Nachdruck verleihen möchte. Doch wenn es um Geld geht, „um die Moneten“, wie er selbst sagt, hört der Spaß auf. Bis heute hält er sich deshalb auch an die goldene Kaufmannsregeln, dass keine Maschine vom Hof rollt, ehe sie nicht komplett bezahlt ist.
1995 ist er seiner Firma nach Berlin hinterher gezogen. Dass er hier heimisch geworden ist, sieht man bei einem Mann wie ihm wohl auch daran, dass er jetzt auch hier Geschäfte zu machen beginnt. Mit einem Architekten aus den Niederlanden plant er den Bau und den Verkauf von Eigentumshäusern in der Nachbarschaft seines Firmengeländes. Einem Berliner überlässt er jetzt eine alte Waschmittelmarke namens Gala, die er irgendwann in Italien aufgekauft hatte und eine Zeit lang erfolgreich im russischen Markt etablierte. Sein neuer Partner soll die Marke nun zu neuem Leben erwecken und sie in Ländern vermarkten, die Scharwächter offenbar noch nicht für sauber genug hält, im Irak zum Beispiel.
1995 ist er seiner Firma nach Berlin hinterher gezogen. Dass er hier heimisch geworden ist, sieht man bei einem Mann wie ihm wohl auch daran, dass er jetzt auch hier Geschäfte zu machen beginnt. Mit einem Architekten aus den Niederlanden plant er den Bau und den Verkauf von Eigentumshäusern in der Nachbarschaft seines Firmengeländes. Einem Berliner überlässt er jetzt eine alte Waschmittelmarke namens Gala, die er irgendwann in Italien aufgekauft hatte und eine Zeit lang erfolgreich im russischen Markt etablierte. Sein neuer Partner soll die Marke nun zu neuem Leben erwecken und sie in Ländern vermarkten, die Scharwächter offenbar noch nicht für sauber genug hält, im Irak zum Beispiel.
Scharwächter dagegen macht nur noch, was ihm Freude bereitet. Großprojekte betreuen. Oder grillen. Damit sich seine Gäste wohl fühlen, die nach Berlin kommen, um dort mitunter zwei, drei Tage lang über Maschinen und die passenden Bohrköpfe zu sprechen, sucht er im Moment eine eigene Köchin, der er dann das Grillen so beibringen kann, wie er sich das vorstellt. Nur er selbst will sich künftig bei den Geschäftsessen zurückhalten. Wenn er auf Reisen gewesen sei, hätten die Leute ihn immer bewirtet, „als gäbe es bei uns nichts zu essen“. Das hat an seinem Körper deutliche Spuren hinterlassen. Deshalb hat er Anfang des Jahres mit einer Diät begonnen, er trinkt jetzt zwei Liter Ingwerwasser mit Minze am Tag und isst nur noch, was sein Diätplan erlaubt. Deshalb ist er auch nicht traurig darüber, dass er noch nicht weiß, wann sein nächster Ausflug an der Seite einer seiner Maschinen ansteht. Und wenn ihn dann doch einmal das Fernweh packt, muss er sich ja nur vor seine Weltkarte stellen.
Fotos: Christian Frey (studiofrey.com) (2), Boramtech (7)












