Deutsche für Irak / Wirtschaft
Wie finden deutsche und irakische Geschäftspartner zueinander? Dr. Clemens von Olfers, Leiter des Deutschen Wirtschaftsbüros in Bagdad, erzählt, wer in seine Sprechstunde kommt, wem er helfen kann und wer es in seine Gelben Seiten schafft
WPI: Herr von Olfers, wie geht es Ihnen in Bagdad?
Von Olfers: Mir geht es dort eigentlich sehr gut. Ich fühle mich in meinem Büro mit meinen beiden Mitarbeitern sehr wohl, weil wir immer wieder feststellen, dass wir Dinge bewegen können − auch wenn es nur Schritt für Schritt vorangeht und es auch immer wieder Rückschläge gibt.
Sie sind jetzt hundert Tage im Amt. Was haben Sie denn bewegt?
Wir haben zu allen wichtigen Ministerien und zur Privatwirtschaft Kontakte aufgebaut. Einige fehlen noch. Aber das werden wir nach den Wahlen nachholen. Besonders gut läuft es mit der Privatwirtschaft, dem Konsumgüterbereich. Sie ist relativ gut organisiert.
Zur PersonClemens von Olfers, geb. 1945 in Havixbeck, Westfalen, promovierte 1975 zum Doktor der Agrarwissenschaften, arbeitete anschließend bei Du Pont de Nemour und Schering im Bereich Pflanzenschutz, bei Schering später auch in den Abteilungen Technik, Marketing, Strategie und Generalmanagement. Zuletzt leitete er die Middle East Aktivitäten von Bayer CropScience in Zypern. Seit 2009 leitet er das Deutsche Wirtschaftsbüro in Bagdad.
Und mit wem von der Privatwirtschaft reden Sie? Mit den Handelskammern oder direkt mit den Unternehmen?
Wir haben sehr gute Kontakte zu den Handelskammern, vor allem zur Handelskammer in Bagdad. Dort bieten wir Sprechstunden für Unternehmer an.
Wer kommt zu dieser Sprechstunde und was werden Sie gefragt?
Geschäftsleute aus allen Bereichen, die Partnerschaften mit Deutschland aufbauen möchten. Allerdings muss ich dazu sagen: 90 Prozent der Anfragen kommen von kleinen Händlern. Die wollen mal einen Opel oder einen BMW verkaufen, den sie hier erworben haben.
Wenn jetzt jemand etwas Größeres machen will – zum Beispiel Nivea im Irak vertreiben. Wie können Sie ihm helfen?
Wir sagen ihm, schau dir die Seite im Internet an. Wende dich an Baiersdorf in Dubai oder an die Zentrale in Hamburg und bewerbe dich dort.
Können Sie nicht auch zum Telefon greifen und direkt vermitteln?
Das könnten wir tun. Allerdings kennen wir diese Unternehmer ja kaum. Wir wissen nicht, ob sie vertrauenswürdig sind. Deshalb erarbeiten wir gerade eine Präferenzliste irakischer Unternehmen, die wir den deutschen Firmen an die Hand geben können. Wir haben dazu Handelskammern und Ministerien befragt. Von den Firmen, die sie uns nannten, haben wir die Firmenpräsentation angefordert, die wir in den nächsten Wochen überprüfen und bewerten werden. Wir hoffen, bis Mitte des Jahres bis zu 50 Firmen aus verschiedenen Branchen gefunden zu haben.
Empfehlen Sie auch umgekehrt?
Wir führen eine Liste mit über hundert deutschen mittelständischen Firmen, die uns ansprechen, aufgelistet nach ihren Arbeitsschwerpunkten. Diese Liste mit den Kontaktdaten haben wir an die entsprechenden Ministerien, die Handelskammern der Provinzen und in Bagdad sowie an das Handelsministerium und dessen Direktorat für private Wirtschaft gegeben. Auf der Website des Direktorats wurde diese Liste dann veröffentlicht.
Welche Chancen haben kleinere Firmen im Irak?
Die großen Firmen haben die Kapazitäten, um mit Staatsbetrieben Verträge zu machen und den kompletten Irak über diesen Betrieb oder das Ministerium zu beliefern. Wenn eine kleinere Firma im Irak tätig sein will, wird es schwierig. Wir können nur Empfehlungen bei den Behörden aussprechen, direkt eingreifen ins Geschäft dürfen wir nicht. Wir dürfen vernetzen, verknüpfen, Marktanalysen machen, soweit das möglich ist. Beispielsweise wollte jemand wissen, was es im Irak kostet, einen Meter Straße zu bauen. Wir haben uns dann informiert und es ihm gesagt. Solche Fragen können wir relativ einfach beantworten, weil wir ja einige Firmen an der Hand haben.
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Und – wurde in diesem Fall ein Geschäft daraus?
In der Baubranche sind die Arbeitskosten im Irak im Vergleich zu Deutschland außer Konkurrenz, vor allem, wenn es um simple Bauarbeiten geht. Da haben die Deutschen weniger Chancen, das können die Türken billiger. Da, wo es um spezielles Know-how und ausgefeilte Technologie geht, sind die deutschen Firmen wieder gefragt.
Wo zum Beispiel?
Wir hatten beispielsweise gerade Anfragen für Projekte im Elektro-Bereich und im Krankenhausbau: Das Gesundheitsministerium will nach den Wahlen landesweit zahlreiche Krankenhäuser modernisieren. Bei den ganz großen Projekten wie Eisenbahn- oder U-Bahnbau mischen deutsche Branchengrößen mit, die ihre eigenen Kontakte haben. Eigentlich ist das nicht unsere Klientel. Aber wenn es bei größeren Projekten Probleme gibt, sprechen wir bei den Ministerien vor und fragen kritisch nach.
Wo haben Sie die größten Probleme bei Ihrer Arbeit im Land?
Ein großes Problem im Irak und der Region ist, dass nicht oder schlecht geplant wird. Beispielsweise kam eine Gruppe von arabischen Geschäftsleuten zu mir und stellte mir ein Brunnenbohrprojekt vor. Das Wasser sollte landwirtschaftlich genutzt werden. Da erkundigte ich mich, ob sie Vorabstudien gemacht und Bodenproben genommen hätten, um herauszufinden, wo genau die Brunnen gebohrt werden sollten. Sie hatten aber noch gar nichts gemacht. Sie dachten wohl, sie bohren ein Loch und dann kommt Wasser und los geht’s. Das ist symptomatisch, vor allem in der Privatwirtschaft.
Und wie ist das bei den Staatsbetrieben?
Schon anders. Da wird mit Planungsbüros gearbeitet. Aber auch hier fehlt es an Grundsätzlichem wie der Prüfung der Wirtschaftlichkeit von Projekten. Zum Beispiel soll jetzt eine staatliche Reifenfabrik modernisiert werden, die Verantwortlichen kamen deshalb auf uns zu. Seit drei Monaten warte ich nun schon auf die genauen Angaben des Ministeriums, damit ich deutsche Partner dafür finden kann. Das ist schade, denn man kann fast blind sagen, dass das funktionieren würde. Im Irak gibt es genug Öl, es gibt einen Bedarf, eine Reifenfabrik würde sich lohnen, das ist gar keine Frage.
Wie stark sind die Iraker daran interessiert, die Staatsbetriebe zu privatisieren?
Es gibt Ministerien, die engagieren sich mehr, andere weniger. Es hängt davon ab, wie wirtschaftlich die Staatsbetriebe sind. Die meisten sind es nicht. Es gibt ein Investitionsprogramm von 90 Milliarden Dollar, in dem alle Firmen aufgelistet sind, die die Ministerien gerne wieder auf Vordermann bringen möchten. Davon sind bei den heutigen offenen Marktbedingungen im Irak wahrscheinlich 60, 70 Prozent gar nicht mehr wettbewerbsfähig. Das Problem ist: Diese Firmen haben heute noch 3000, 4000 Mitarbeiter, die vom Staat bezahlt werden, obwohl sie nicht produktiv sind. Der diesjährige Staatshaushalt beträgt ungefähr 72 Milliarden Dollar, davon sind über 50 Milliarden Betriebskosten. Nur 20 Milliarden sind für Investitionen vorgesehen. Das ist ein klares Missverhältnis.
Und wie soll das mit der Privatisierung vorwärts kommen?
Die Iraker erwarten eine Privatisierungswelle durch Investitionen. Aber auch da gibt es Probleme. Ich bin gut vernetzt mit der Investmentkommission, die sitzt ein paar Türen weiter. Dort arbeiten gute Leute, die auch von PricewaterhouseCoopers gut beraten werden. Das Problem liegt in der Umsetzung. Nehmen Sie das Investitionsgesetz: Es ist zwar sehr liberal, es gibt aber immer noch Punkte, die die Firmen davon abhalten, zu investieren. Da kann die Investmentkommission die besten Vorschläge machen – wenn das Parlament sie ablehnt, kann sie nichts machen. Dem Parlament sind in der Verfassung viele Rechte eingeräumt worden. Es kann alle Entscheidungen der Regierung blockieren.
Sind das die Rückschläge, von denen Sie gesprochen haben?
Damit meine ich eher die Gesamtentwicklung des Iraks. Vor allem die Sicherheitslage. Jetzt sagen die Firmen wieder: „Das ist uns zu unsicher, wir kommen nicht.“ Wir müssen erreichen, dass die Firmen sagen: „Wir sehen das zwar kritisch, aber wir versuchen das mal und setzen uns damit auseinander.“ Dann werden sie sehen, dass es Sicherheitskonzepte gibt, die von ihren Projektbudgets verkraftet werden können. Die andere Sache ist, dass der Mittelständler sich fragt, wie er sein Geld bekommt, wie die Projekte abgesichert werden, wie er verhandeln kann. Dafür wollen wir Partner finden, die vertrauenswürdig sind: Firmen, aber auch Agenten.
Ist es sehr schwierig, geeignete Leute zu finden?
Ja, Firmen gibt es wie Sand am Meer, qualifizierte Agenten wenig. Wir hatten Anrufe von vielen motivierten jungen Leuten, bei denen sich schon nach dem ersten Gespräch herauskristallisierte, dass sie die Dinge, die wir von ihnen verlangen, nicht leisten können. Wir brauchen mehr Kontakt zum Volk, um an geeignete Agenten zu kommen. Es gibt einen, den kenne ich noch von früher, mit dem habe ich schon zusammengearbeitet. Da ist Vertrauen da. Ich kenne ihn so gut, dass ich ihn mit seinen Macken getrost weiterempfehlen kann.
Welche Schritte haben Sie als nächstes im Blick?
In der ersten Phase ging es darum, bekannt zu werden, den Markt kennen zu lernen und Ansprechpartner für alle Bereiche zu finden. Jetzt kümmern wir uns um Jahresprojekte, werden in Ministerien nachfragen, ob wir das Projektportfolio für 2010 einsehen können. Wir wollen dann qualifizierte Firmen in Deutschland suchen und erreichen, dass sie von den Ministerien zu den Ausschreibungen eingeladen werden. Mein Ziel ist, am Ende ein funktionierendes Kooperations- und Informationssystem etabliert zu haben. Das braucht Zeit. Das wird nicht in ein, zwei Jahren erledigt sein.











