Deutsche im Irak: „Nicht abwarten – springen!“
06.09.2010  | Mahmoud Tawfik   

Deutsche für Irak / Wirtschaft
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Wolf-Dietrich Baeume ist Leiter des einzigen deutschen Unternehmen in Basra, einer Filiale der Iraqi Development Company (MDC), Baeume ist ein guter Kenner des Iraks – er war bereits in den 70er Jahren vor Ort und betreute den Bau des Flughafens in Basra. Der Unternehmer möchte viel mehr Deutsche in Basra sehen – und hat gute Gründe dafür

 

WPI: Herr Baeume, MDC ist ein Zusammenschluss mehrerer deutscher Firmen, die hauptsächlich im Bereich der Öl- und Gasdienstleistungen tätig sind, Basra ist nach Bagdad die zweite irakische Stadt, in der MDC ein Büro eröffnet hat - warum gerade Basra?

Wolf-Dietrich Baeume: In Basra wird die Musik spielen in den nächsten Jahren. Man muss sich das vorstellen wie damals das Ruhrgebiet in Deutschland. Da gab es Kohle und Erz, und hier gibt es halt Öl und Gas. Was die industrielle Entwicklung angeht, wird das hier die Zentrale des Irak sein, und nicht etwa Bagdad oder Erbil - natürlich auch wegen des Hafens.

Sie sind zur Zeit das einzige deutsche Unternehmen mit Vertretung vor Ort. Überhaupt scheinen andere Länder - die Türkei beispielsweise oder Italien - Deutschland in Sachen Handelsbeziehungen weit voraus. Was machen die Deutschen falsch?

Sie machen einfach nichts, das machen sie falsch. Sie lassen sich durch die Sicherheitsrisiken abschrecken.

Das Auswärtige Amt warnt immerhin noch vor Reisen dorthin. Und Anfang August gab es diesen Anschlag, bei dem mindestens 50 Menschen ums Leben kamen.

Ganz klar, es ist hier nach wie vor nicht ungefährlich. Eine Firma, die neu in Basra einsteigt, muss im Schnitt jeden zweiten Euro für Sicherheitsvorkehrungen ausgeben. Es gibt hier etliche Sicherheitsunternehmen, die damit gutes Geld verdienen, aber das hat auch seine Berechtigung.

Wie muss man sich das vorstellen: Sind Sie immer mit Personenschutz unterwegs?

Sagen wir mal, ich bin unauffällig unterwegs. Ich habe einen irakischen Office Manager, der lange in Deutschland gelebt hat und der weiß, wohin ich gehen darf und wohin nicht. Und unser Büro, in dem ich auch wohne, wird natürlich rund um die Uhr bewacht.

Trotzdem raten sie deutschen Unternehmen zu mehr Präsenz vor Ort?

Ich sehe das so: Man kann sich entscheiden, vorsichtig zu sein und sagen, wir lassen den Markt sich entwickeln und springen dann auf, wenn der Zug fährt. Ich habe unlängst mit einem Herrn gesprochen, der gute Kontakte zu einem deutschen Automobilhersteller hat. Er hatte versucht besagtes Unternehmen davon zu überzeugen, im Irak aktiver zu werden. Die Antwort aus der Zentrale lautete aber: Wir warten erst einmal ab, bis der Markt so in drei, vier Jahren reif ist, und dann kommen wir. Ganz nach dem Motto: Unser Produkt ist so gut, da können wir auf einen fahrenden Zug immer noch aufspringen. Ich persönlich würde das anders machen.

Und zwar wie?

Als Automobilhersteller würde ich hier eine Werkstatt eröffnen, Leute coachen und die Gebrauchtwagen versorgen, die es von dieser Marke schon gibt. Dann habe ich in drei, vier Jahren eine ganz andere Startposition.

Aber nun mal abgesehen davon, wie sich deutsche Unternehmen strategisch positionieren - wo findet man denn qualifiziertes Personal, das bereit ist, einige Jahre im Irak zu verbringen?

Das ist wirklich ein Knackpunkt: Angenommen, Sie nehmen einen jungen Mann aus Deutschland. Der würde vielleicht kommen, weil er ein Abenteuer vor Augen hat ... aber der ist zu jung und kein Gesprächspartner. Die arabischen Geschäftsleute lieben Erfahrung und ein gewisses Alter. Und was ist mit einem Mann in mittleren Jahren, so zwischen 40 und 45? Der hat Frau und zwei Kinder. Für die Kinder gibt es keine internationale Schule und für die Frau kein soziales Umfeld. Es sei denn, sie kommt aus dem Irak und ist hier aufgefangen.

Wie lebt und arbeitet es sich denn in Basra?

Die Arbeit ist hoch spannend, das Leben ist schwierig, das muss ich sagen. Hier ist ja alles kaputt nach 20 Jahren Krieg. Die Leute sind zum Beispiel sehr argwöhnisch, ihr Englisch ist sehr schlecht und außerdem sind sie noch ein bisschen traumatisiert. Sie haben 20 Jahre ihres Lebens verpasst, jetzt versuchen sie, sich neu zu orientieren.

Also anders gesagt: Nach Feierabend ist tote Hose?

Der Feierabend muss so organisiert werden, dass man von Geschäftspartnern oder irakischen Familien nach Hause eingeladen wird. Gastfreundschaft wird ja überall in Arabien sehr groß geschrieben. Es gibt hier nicht diese Kultur, dass man mit Freunden nach Feierabend noch Squash spielen oder über den Golfplatz gehen kann. Es gibt nämlich weder Golf noch Squash noch Tennis. Das erste Schwimmbad wird in vier Monaten eröffnet, in einem neuen Hotel. Also vom Sozialen her wirklich tote Hose.

Wenn Sie nun den Irak heute mit dem von vor dreißig Jahren vergleichen: Was sind da die größten Unterschiede?

Vor 20 Jahren gab es ganz klare Strukturen. Die Leute sprachen sehr gut Englisch. Sie waren auch sehr sauber, was die Geschäfte betraf. Jetzt ist eine gewisse Unsicherheit zu spüren im Kontakt mit Ausländern, eben weil es noch sprachliche Schwierigkeiten gibt. Man muss hier sehr viel mehr kämpfen als noch vor 20 Jahren. Auch weil ein gewisser Argwohn da ist, es wurden ja auch viele Ausländer als Aggressoren verteufelt während des Krieges. Das muss alles erst abgebaut werden.

 

Foto: Matt Cardy (Getty Images)