Heinkel Umwelttechnik: Notstrom für alle
20.09.2010  | Katrin Weber-Klüver   

Deutsche für Irak / Wirtschaft
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In einem Land, in dem selbst in der Hauptstadt keine stabile Stromversorgung existiert, sind leistungsstarke Notstromaggregate unverzichtbar. Zu Besuch bei einem Berliner Unternehmen, das dafür sorgt, dass im Irak die Lichter nicht ausgehen


An den Wänden des Besprechungszimmers, eines nüchtern funktionalen Raums im ersten Stock eines nüchtern funktionalen Gewerbegebäudes in Berlin-Reinickendorf hängt deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Auf einer Seite eine gezeichnete Werbung für das exklusive Passagierflugzeug Heinkel HE 111; gegenüber gerahmte Farbfotos von hochglanzpolierten Motorrollern Marke Heinkel. Und wenn Axel Kraft, Besitzer und Geschäftsführer der „Heinkel Umwelttechnik + Energieanlagen GmbH“, aus seinem Büro nebenan hereinkommt, setzt er sofort schwungvoll an, über die Erfolgsgeschichten von Fliegern und Rollern zu erzählen. Nun zu sagen, sie seien Erfindungen seiner Firma wäre allerdings falsch. Das Kerngeschäft, das Axel Kraft im 21. Jahrhundert betreibt, ist prosaischer: Es geht um Aggregatebau. Seine Firma konstruiert Notstromaggregate für Kliniken in Berlin ebenso wie Stromversorgungseinheiten für Ölraffinerien im irakischen Baidschi.

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Das Unternehmen mit derzeit gerade einmal 21 fest angestellten Mitarbeitern ist einer der Nachfahren der einst zehntausende Beschäftigte zählenden Ernst Heinkel Flugzeugwerke. 1922 gegründet, entwickelten die sich zu einem der größten Flugzeugbauer Deutschlands, im Dritten Reich als Teil der Rüstungsindustrie, für die auch die HE 111 zum Bomber umgebaut wurde. Nach dem Krieg steuerte Heinkel zum Wirtschaftswunder und amüsierwilligen Lebensgefühl der Bundesrepublik den Motorroller Tourist bei.

Vergleichsweise sind da Motoren und Generatoren weit weniger fotogen und beflügeln auch nicht jedermanns Fantasie. Man muss schon eine besondere Affinität zum Stromaggregat als solchem haben, um sich für seine Funktionen und Facetten zu begeistern. Axel Kraft hat sie. Kraft begann 1985 als 30jähriger Diplom-Elektroingenieur bei Heinkel. Nach der Wende übernahm er den Reinickendorfer Firmen-Ableger vom Sohn des Unternehmensgründers. So wurde aus Axel Kraft, dem Ingenieur, Axel Kraft, der Geschäftsmann. Macht diese Arbeit einem Spaß, der einst selbst an Produktentwicklungen getüftelt hat? Kraft überlegt: „Spaß...?“ Um pragmatisch zu dem Schluss zu kommen: „Ich kann das ganz gut.“ Und meint damit Akquise, Vorfinanzierungen, Versicherungs- und Transportfragen und natürlich Vertragsabschlüsse.

Heinkel baut seine Energieanlagen für Kunden in Deutschland und der ganzen Welt, besonders im Irak. Weshalb in Krafts akkurat aufgeräumtem Büro, sozusagen im Rücken der Heinkel HE 111 eine Landkarte des Irak an der Wand hängt. Wenn es so läuft, wie sich Kraft das vorstellt und wünscht, liegt zwischen der Universitätsstadt Dohuk im Nordwesten und der Hafenstadt Basra im Südosten ein erheblicher Teil der Zukunft seiner Firma. Zurzeit, so überschlägt er, macht das Irak-Geschäfts zwanzig Prozent des Firmenumsatzes aus, vor dem jüngsten Krieg war es schon viel mehr und es soll eines Tages auch wieder mehr werden. Kraft peilt fünfzig Prozent an.

Allerdings ist die politische Fragilität des Irak für ihn wie für jeden Geschäftsmann ein erheblicher Unsicherheitsfaktor. Dass die amerikanischen Kampftruppen sich gerade aus dem Irak zurückgezogen haben, eröffnet nach Krafts Einschätzung einerseits Perspektiven, dass die Agonie überwunden wird und es mit dem wirtschaftlichen Aufbau voran geht. Andererseits schwant ihm wenig Gutes für das reiche, doch nach wie vor instabile Land, wenn sich nicht eine starke politische Führung findet, die der Gewalt im Land Herr wird und dem Druck aus den Nachbarländern standhält. Um Geschäfte abzuwickeln, daraus macht Kraft keinen Hehl, war die Zeit unter Saddam Hussein einträglicher und sicherer. Besonders, was Bagdad betrifft.

Seit Kriegsausbruch 2003 macht seine Firma um Iraks Hauptstadt einen großen Bogen. Die Bagdader Familie, die für Heinkel seit drei Generationen die Verbindungen zu irakischen Kunden hält, hat selbst aus Sicherheitsgründen ihre Heimat Richtung Amman verlassen; und Projekte wie einen 20-Millionen-Dollar-Großauftrag für die Wasserversorgung Bagdads, den Heinkel so gut wie in der Tasche hatte, als im März 2003 der Krieg ausbrach, sind derzeit nicht vorstellbar. Zu schlecht, sagt Kraft, sei die gesamte Infrastruktur Bagdads, zu riskant der Einsatz vor Ort. Kraft, der vor dem Krieg mehrmals im Jahr nach Bagdad reiste, verlegt seine Verhandlungen seitdem ins benachbarte Ausland. In jüngster Zeit jedoch ist er zweimal auch schon wieder in den Irak gereist, ins relativ sichere Arbil im kurdischen Norden. Dort wird Heinkel Anfang September auch ein eigenes Büro eröffnen.

In gewisser Weise ist für Heinkel gerade das dauerhaft Provisorische der wirtschaftlichen Infrastruktur im Irak eine sichere Sache: In einem Land, in dem selbst in der Hauptstadt und den industriellen Zentren keine stabile Stromversorgung sichergestellt werden kann, sind leistungsstarke Notstromaggregate unverzichtbar. Von Notstrom zu sprechen ist dabei reiner Euphemismus. Als „begrenzten Dauerbetrieb“ beschreibt Kraft zum Beispiel den Einsatz seiner Maschinen in einer Raffinerie in Baidschi.

Schon vor Krafts Zeit bei Heinkel lieferte die Firma, die seit den 1960er Jahre Aggregate baut, ihre Produkte in den Irak. Wenn seine Ingenieure im Land unterwegs sind, stoßen sie hin und wieder auf inzwischen altersschwache Geräte aus den 70er Jahren. Sie haben aber auch mit Gerätschaften zu tun, die schon unter Krafts Firmenleitung ins Land gebracht wurden. Etwa zwei Aggregaten, die an der irakisch-türkischen Pipeline im Norden des Landes positioniert sind, um einen stabilen Druck in der Ölleitung sicherzustellen. Die Maschinen hat Heinkel 2002 für 2,7 Millionen Dollar geliefert, während der Kriegsjahre kamen sie nicht mehr zum Einsatz. Im September werden Heinkel-Ingenieure die südlich von Dohuk stationierten Geräte inspizieren. Die Frage ist, ob sie sich reparieren und wieder in Betrieb nehmen lassen, oder ob Heinkel sich um den Auftrag für neue Aggregate bemühen wird.

Die Reinickendorfer Firma selbst konstruiert Maschinen für den spezifischen Bedarf jedes einzelnen Kunden, die Hardware aus Motoren und Generatoren liefern Großhersteller. Die Maschinen nahe Dohuk zum Beispiel sind Fabrikate von Siemens und Deutz.

Die Kunden im Irak, sagt Kraft, „die lieben uns mit unserem ‚Made in Germany’.“ Weshalb er fürchtet, dass es auf absehbare Zeit Probleme geben wird. Zwar kann er nach wie vor die Kompetenz seiner spezialisierten Ingenieure vorweisen, doch die Maschinen und Schaltanlagen, die sie zusammenfügen, werden selbst zunehmend im Ausland hergestellt. So richtig „Made in Germany“ ist das Endprodukt dann jenseits der Konstruktionsleistung nicht mehr.

Heinkel beschränkt sein Geschäft im Irak nicht ausschließlich auf Energieversorgungsanlangen. Der South Oil Company im Süden hat die Firma sogenannte Worshopcars geliefert, kleine mobile Wartungseinheiten, die zur Überprüfung der Pipelines eingesetzt werden. Heinkel stattet die Wagen komplett aus, von den Werkzeugen über die Teeküche bis zu den Generatoren. Der Mangel an Werkzeugen, Ersatzteilen, Gerätschaften aller Art im Irak hat dazu geführt, dass Heinkel nebenbei längst auch als Zwischenhändler fungiert. Das beginnt bei Schrauben und Gewinden für Industrieanlagen und ging einmal so weit, dass Heinkel medizinisches Gerät für eine Klinik in Kirkuk beschaffte.

Das Kerngeschäft aber bleiben die Aggregate. Gerade hat Heinkel ein Rechenzentrum der Deutschen Bahn ausgestattet. Der abgeschlossene Großauftrag eröffnet nebenbei neue Perspektiven. Vielleicht jedenfalls. Denn die Deutsche Bahn engagiert sich auch im arabischen Raum, und Axel Kraft, Geschäftsmann, der er ist, würde gern auf diesen Zug aufzuspringen. Da nehmen sich Stromversorgung und Geschäftsabschlüsse nichts – am Ende ist alles eine Frage der guten Verbindungen.

 

Foto: Heinkel Umwelttechnik