Bahn frei
21.06.2011  | Maral Jekta   

Deutsche für Irak / Wirtschaft
E-mail   Print    


Eine Delegation des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung hat sich auf den Weg in den Irak gemacht. In Bagdad, Basra, Erbil und Dohuk erkundete sie, was deutsche Unternehmen für die irakische Infrastruktur leisten können. Und das ist viel


Gleich bei der Ankunft in Erbil gab es erst einmal eine Panne. Ein liebevoll verpacktes Gastgeschenk wird bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen Erbil aufgemacht. Doch der Eindruck, den die Delegation während ihrer restlichen Reise vom Norden des Landes bekam, hat diesen kleinen Zwischenfall schnell vergessen lassen. Mit von der Partie waren der Staatssekretär Jan Mücke (siehe Interview) in Begleitung von Gunther Adler, dem Leiter des Referats für Außenwirtschaft im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, weiter Eduard Metze vom Ingenierbüro Vössing in Düsseldorf und Tilman Franke vom Ingenierbüro für Vermessungen Udo Franke in Radebeul.

Hinter den Delegationsteilnehmern lagen zu diesem Zeitpunkt fünf Tage in Bagdad und zwei in Basra. Die Atmosphäre in Bagdad hatte die Stimmung einiger Teilnehmer sichtlich gedrückt. Sicherheitswesten, fünf Tonnen schwer gepanzerte Autos und bewaffnete Bundespolizisten waren ihre ständigen Begleiter. Bis zu fünf Meter hohe Betonmauern und unzählige Checkpoints machten das Vorankommen in Bagdad zu einer schier unerträglichen Geduldsprobe, die sich aber lohnte. Denn schließlich bekundete der irakische Ministerpräsidenten Nuri Al-Maliki, die Teilnehmer der Delegation sprechen zu wollen.

Das Treffen wurde von einer Schar Journalisten begleitet. Das hing wahrscheinlich mit dem 100-Tage-Ultimatum zusammen, das Maliki seinen Ministern gestellt hatte und das am siebten Juni abgelaufen war; Maliki hatte damit auf die Proteste im Land reagiert. Sollten die Forderungen der irakischen Bevölkerung nach sozialen Reformen nicht erfüllt werden, so seine Ansage, würde das einschneidende Konsequenzen haben.

Nach wie vor ist die Wasser- und Stromversorgung in vielen Teilen des Landes schlecht und die Infrastruktur ist mehr als mangelhaft. Das soll sich nun ändern. Die Zentralregierung hat für den Ausbau der Infrastruktur 37 Milliarden US-Dollar bereit gestellt. Neben dem Bau von Abwassersystemen und einer verbesserten Wasser- und Stromversorgung soll das irakische Eisenbahnnetz wieder hergestellt werden, das Vorbild: die Bagdadbahn. Hier ist deutsches Wissen gefragt.

„Den Regierungsvertretern ist klar geworden, dass sich Investitionen in Qualität langfristig auszahlen.“

Auch das Planungsministerium, das Ministerium für Wasserressourcen, das Transportministerium und das Ministerium für Bau und Wohnungswesen senden deutliche Signale nach Deutschland. Geschäfte mit Bagdad werden die deutschen Unternehmer trotzdem nicht machen. Tilman Franken, der ein 43-köpfiges mittelständisches Unternehmen leitet und bereits viel Auslandserfahrungen sammeln konnte: „Das ist noch zu gefährlich.“ Darüber hinaus könne man wegen der Sicherheitsmaßnahmen noch nicht arbeiten. „Gerade wenn man als Vermessungstechniker tätig ist, ist man darauf angewiesen, sich frei bewegen zu können.“

Ähnlich sieht das Eduar Metze von der Firma Vössing, der bereits seit 2004 in der Region Kurdistan-Irak erfolgreich arbeitet. Basra sei auch um einiges interessanter als Bagdad und habe das meiste Potenzial: „Dort ist die Stimmung besser.“ Außerdem gebe es eine Normalität, von der man in Bagdad noch weit weg sei. „Abends ist es richtig lebendig auf den Straßen.“

Interessant sind vor allen Dingen die Großprojekte der Häfen Umm Qasr und Grand Port of Basrah. Die Häfen müssen mit dem Rest des Landes vernetzt werden und brauchen moderne Kais und Hafencontainer. „Aber noch wichtiger sind Investitionen in die Ausbildung. Ich kann ein modernes Container-Terminal nur mit Fachkräften betreiben.“ In Basra wurde die Delegation ausdrücklich darum gebeten worden, in der Logistikausbildung Hilfeleistung zu stellen. Vorstellbar sei die Ausbildung irakischer Fachkräfte in Deutschland.

Nach den Tagen in Bagdad und Basra fühlt sich die Delegation in der Region Kurdistan-Irak sichtlich wohl. Die Truppe konnte sich frei in Erbil und Dohuk bewegen; ebenso beim Besuch des yesidischen Laleshtempels, der zwar geographisch in der noch instabilen irakischen Provinz Ninawa liegt, de facto unter dem Schutz der kurdischen Peshmerga steht. Nur beim Besuch des Mosuler Staudamms, der an der Grenze zwischen der kurdischen Region und Ninawa verläuft, waren Sicherheitsmaßnahmen notwendig. Die Sicherheitslage, das sahen auch sie, ist eines der Standortvorteile, die die Region Kurdistan-Irak zu bieten hat. Doch nach wie vor fehlen deutsche Unternehmer. Um die Region für sie attraktiver zu machen, hat die kurdische Regionalregierung das Vergaberecht für Ausschreibungen angepasst. Herish Muharam Muhamed, der Vorsitzende der kurdischen Investitionskommission, erklärt: „Den Regierungsvertretern ist klar geworden, dass sich Investitionen in Qualität langfristig auszahlen.“ Aufträge sollen in Zukunft nach Qualität und fachlichen Kriterien vergeben werden. Gerüchten zu Folge soll es in diesem Monat bereits Veränderungen bis in die Ministerebene hinein geben. Auch Gouverneure, Direktoren und Bürgermeister sollen ausgewechselt werden.

 

Stimmen der Delegationsteilnehmer:

 

Gunther Adler

Leiter des Referats Außenwirtschaft im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung


„Es ist die längste Reise, die wir im Bereich der Außenwirtschaftsförderung unternommen haben, was auch der Sicherheitslage im Land geschuldet ist. Insgesamt hat es sich sehr gelohnt. Es gibt ein ungeheures Potenzial für die deutsche Wirtschaft. Ich kann nur dringend empfehlen, den irakischen Markt näher zu beobachten. In jedem Gespräch war zu spüren, wie sehr deutsche Qualität und Verlässlichkeit geschätzt werden. Darüberhinaus gibt es ein ungeheures Potenzial im Bereich der Infrastruktur: vor allem im Straßenbau, im Eisenbahn- und Luftverkehr, in der Flugsicherung sowie im Flughafensektor.“

 

 

Eduard Metze

Mitglied der Geschäftsführung bei dem Ingenieurbüro Vössing, Düsseldorf


„Wir sind seit 2004 in Kurdistan tätig und haben in dieser Zeit viele Planungsprojekte abgeschlossen. Die Delegationsreise hat mir die Möglichkeit geboten, jetzt auch den Rest des Landes kennen zu lernen. Das Potenzial im Irak ist enorm. Denn insgesamt sind nur zwei Regionen gefährlich: Mosul und Bagdad. Bagdad ist völlig anders als Kurdistan. Dort können wir aufgrund der hohen Sicherheitsmaßnahmen keine Projekte umsetzen. Sehr interessant ist Basra. Benötigt werden Entwicklungspläne für die Region und die Städte, neue Abwassersysteme und vieles mehr. Da können wir unsere Leistungen aus der Region Kurdistan-Irak als Referenz verwenden. Um davon zu profitieren, muss man allerdings jetzt kommen und Beziehungen zu den Auftraggebern aufbauen. Abwarten und Tee trinken lohnt sich nicht.“

 

 

Tilman Franke

Geschäftsführer des Ingenieurbüros für Vermessung Udo Franke, Radebeul


„Für uns ist Basra eine besonders interessante Region. Bagdad würde ich aufgrund der Sicherheitslage noch zurückstellen. Ob es sich in zwei oder drei Jahren lohnt, dorthin zu gehen, hängt davon ab, ob die Amerikaner abziehen oder nicht. Erbil ist aus Sicht eines Planungsbüros nicht mehr interessant. Die wichtigsten Pläne sind bereits gemacht worden. Hier muss man nichts Neues anfangen. Basra hingegen steckt noch voller Möglichkeiten. Da werden wir uns auf jeden Fall einbringen. “

 

 

Foto: Maral Jekta (Wirtschaftsplattform Irak)